Mysteriöses Krakensterben in Nordportugal: Können Tintenfische an Grippe erkranken?
Es war ein unheimliches Strandgut, das kurz nach Neujahr an die nordportugiesische Küste gespült wurde: An einem gerade einmal zwei Kilometer langen Strandabschnitt bei Vila Nova de Gaia türmten sich die Kadaver abertausender von Kraken. Selbst Wissenschaftler können nur spekulieren: Haben wir es hier mit einer “Krakengrippe” zu tun?
Die Anwohner am Strand von Vila Nova de Gaia sind einigen Kummer gewöhnt. Immer wieder spuckt das Meer hier, in der Nachbarstadt von Porto, menschliche Leichen an den Strand – viele von ihnen Selbstmörder, die von den hohen Brücken über den Douro in den Tod gesprungen sind.
Nun sorgt hier ein neues mysteriöses Strandgut für zahllose Spekulationen: Am 3. Januar 2010, das Jahr war ganz frisch, wurden an einem gerade einmal zwei Kilometer langen Strandabschnitt bei Vila Nova de Gaia unzählige tote Kraken aufgefunden – insgesamt waren es 600 Kilogramm. Alte und junge Tiere, große und kleine – ausschließlich “polvos” waren es, die angespült wurden.
Die zuständigen Behörden, alarmiert von Strandgängern und Anwohnern, taten ihr bestes – und versuchten, mit Hilfe der örtlichen Feuerwehr den Strand von den Kadavern zu säubern. Anwohner wurden dringend gewarnt, die toten Kraken zu verspeisen. Denn die Ursachen, weshalb die Kraken sterben mussten, sind weiterhin unklar.
Bericht des Fernsehsenders SIC über den Fund der toten Kraken
Theorien gibt es dafür viele – und gerade die Kommentarspalten im Internet sorgen für immer neue Ansätze. Ist es eine Veränderung des Erdmagnetismus, der die Kraken in totale Verwirrung stürzte? Ist es ein Massenselbstmord der Tiere, wie man sie sonst eher aus Thrillern kennt?
Örtliche Fischer machen die starken Regenfälle im Dezember für die Todesfälle verantwortlich. Der Dezember 2009 ist bereits als regenreichster Monat des Jahrhunderts in die portugiesische Klimageschichte eingegangen. Durch die hohen Mengen an Süßwasser, die so über den Douro ins Meer gespült wurden, sei die Salzkonzentration gesunken – und hätte zum Ableben der Tintenfische geführt.
Eine “wissenschaftliche Herausforderung”
Forscher bezweifeln diese These jedoch. Schließlich gibt es viele Fischarten in der Küstenregion, die sehr viel sensibler auf Veränderungen des Salzgehalts reagieren. Warum dann ausgerechnet nur die Kraken?
Doch auch die studierten Meeresforscher sind nicht viel schlauer als die spekulierenden Laien. Nuno Oliveira vom Parque Biológico de Gaia spricht im Onlinejournal “Ciência hoje” vornehm von einer “wissenschaftlichen Herausforderung” – man habe es mit einem Phänomen zu tun, über das noch keinerlei wissenschaftliche Untersuchung vorliege.
Proben der toten Kraken sind mittlerweile an Labors in Lissabon, Porto und dem spanischen Vigo verschickt worden. Die ersten Ergebnisse dieser Untersuchungen blieben vage.
Eine Krakengrippe?
Viel spricht nach Meinung der meisten Wissenschaftler dafür, dass die Kraken an einem Virus oder einer mikrobakteriellen Erkrankung gestorben sind. Mike Weber, Direktor der Naturschutzstation Estação Litoral da Aguda (ELA) in Vila Nova de Gaia, spricht bereits ironisch von der “Krakengrippe”. Doch selbst wenn es ein Virus war: Warum nur hier, warum so konzentriert, und mit dieser Wucht? Nach Einschätzung von Mike Weber dürfte das rätselhafte Phänomen die gesamte Krakenpopulation vor Vila Nova de Gaia erst einmal ausgerottet zu haben.
So unheimlich, so “unnatürlich” erscheint der vielfache Tod der Kraken, dass selbst die sonst so seriösen Wissenschaftler Spaß am Spekulieren finden.
Im TIME-Magazin erinnerte Mike Weber zum Beispiel an einen Fall aus dem Dezember des Jahres 2007, als die portugiesische Polizei ein Schiff mit gefrorenen Kraken konfiszierte, die wiederum 9, 4 Tonnen Kokain umhüllten. “Es könnte sein, dass jemand die Tiere aufgetaut hat, das Kokain entnahm, und ihre Körper über Bord warf”, so die Vermutung von Weber in TIME.
Wie gesagt: Das ist Spekulation. Und eine biologisches Phänomen wie etwa eine Viruserkrankung bleibt die wahrscheinlichste Ursache für das Krakensterben von Vila Nova de Gaia. Das heißt aber auch: Ein Verzehr der toten Kraken ist unangebracht und kann sogar gesundheitsgefährdend sein.
Nicht alle Anwohner scheinen sich jedoch an diese Vorsichtsmaßnahme zu halten. Das Jornal de Notícias berichtet etwa von Menschen, die ihre heimischen Tiefkühltruhen kiloweise mit Kraken befüllten. Kein Wunder, zählen Gerichte mit “polvo” doch zu den festen Bestandteilen der portugiesischen Küche.
Enormer Druck auf Ökosystem Küste
Was auch immer zum Tod der Kraken geführt haben könnte: Der Vorfall zeigt, dass die Ökosysteme an Portugals Küste einem enormen Druck ausgesetzt sind. Einer breiten Öffentlichkeit wurde diese enorme Gefährdung vor einigen Jahren bewusst. Im Jahr 2002 brach vor der galizischen Küste der Öltanker “Prestige” auseinander und drohte, weite Teile der portugiesischen Küste in ein biologisches Nirwana zu verwandeln. Damals konnte die ganz große Katastrophe noch abgewendet werden – doch die Probleme der Meeresverschmutzung, durch Klimawandel und durch Überfischung sind bis heute akut.
Neben der Bedrohung durch Tankerhavarien kommt eine kontinuierliche Belastung des Wassers mit Schadstoffen hinzu. Erst vor ein paar Tagen schlug die Umweltschutzorganiation Quercus Alarm: Die Wasserqualität in den portugiesischen Flüssen sei so schlecht wie nie zuvor. Und der ganze Dreck aus den Flüssen wird dann ins Meer gespült. Mit allen Folgen, die am Ende zu einem Massensterben ganzer Tierpopulationen führen können.
Januar 13th, 2010 um 5:38 pm
Sehr gut. Warum hört man in der deutschen Presse nichts davon?