Zerbrechliche Schönheit: Zwei außergewöhnliche Fotoserien zeigen ein Portugal zwischen den Zeiten
So klein Portugal auch sein mag: Für Fotografen bietet das Land immer wieder neue, interessante Perspektiven. Zwei neue Fotoserien, beide auch online zu besichtigen, werfen ganz unterschiedliche Blicke auf Portugal: Während der Brite Mel Sewell ein beeindruckendes Portfolio aus zwölf Jahren Reisetätigkeit durch Portugal vorstellt, hat sich sein portugiesischer Kollege Gastão Brito e Silva in der Serie Ruin’Arte auf ein Motiv konzentriert: Ruinen. Beide Fotoserien vereint der Blick auf ein Portugal im Wandel der Zeit.
Mit Wucht wurde Portugal in den vergangenen Jahrzehnten in die Zukunft geschleudert – und vor lauter Veränderung scheint das Land bis heute nicht mehr ganz zu wissen, wo es steht. Irgendwo zwischen den ultramodernen Shoppingmalls und Bürohochhäusern Lissabons und verfallenden Bauernhäusern im Alentejo scheint sich der Strom der Zeit noch einen Weg zu suchen. Kann hier die Fotografie helfen, die Veränderungen zu dokumentieren? Ist es möglich, in den Millisekunden, die ein Bild einfängt, den Lauf der Dinge darzustellen? Ja, es geht. Es kommt nur auf die Aussage an. Zwei neue Fotoserien, die sich beide online studieren lassen, fangen den Lauf der Dinge ganz unterschiedlich ein – und zeigen ein Portugal im Wandel.
Und suchen sich zum Beispiel Botschafter für den Wandel der Zeit: Ruinen. So tut es der Fotograf Gastão Brito e Silva in seiner Sammlung “Ruin’Arte” ,die hier online zu besichtigen ist.
Zwei Momentaufnahmen aus dieser Serie:
Ein herrschaftliches Haus, fotografiert vom Fuße eines Hügels aus. Hier, von unten, scheinen die Wände des Gebäudes noch kraftvoll in die Höhe zu streben. Die Perspektive führt nach oben, in Richtung des grauen, wolkendurchwebten Himmels. Wäre dies ein Farbfoto, so müsste der Himmel wahrscheinlich strahlend blau scheinen. Farbe gibt es in diesem Bild aber nur an einer Stelle: Die Sonne strahlt auf die offenen, sandfarbenen Mauern, an denen der blätternde Putz nur noch spärlich die Mauersteine verbergen kann. Fensterscheiben gibt es in diesem Haus nicht mehr: Dort, wo einst Menschen aus dem Haus nach draußen geschaut haben, geben die verbliebenen Höhlen nur noch den Blick auf den grauen Himmel frei. Das Dach ist weggebrochen: Eine Ruine, die sich in ihre eigene Zeit geflüchtet hat.
Ein anderes Bild: Kein stolzes Haus, sondern eine Baracke. Dieser Kasten war schon in seinem intakten Zustand kein Schmuckstück: Und jetzt ist er zur Ruine geworden. Mauern ohne Fenster, nur zwei große, weit aufgerissene Türeingänge, aus die sich ein Strom aus Steinen ergießt. Draußen, ein paar Meter vor der Bude, liegt ein alter, kaputter Fernseher. Auch hier alles Grau in Grau. Nur eine Sache strahlt farbig, türkisblau wie das Meer: Die Graffiti-Zeichen an der Hauswand: Unverständlich in ihrer Aussage, aber mit Zeichen von Leben.

Ruinensammlung: Die Website zu Ruin’Arte
Zwei Mal Ruinen, zwei Mal ein Stück Portugal. Zwei Motive aus der Serie “Ruin’Arte”. Ob bei Spaziergängen durch Lissabon oder bei Reisen durch Portugal: Immer wieder traf Gastão Brito e Silva auf Ruinen – Fabriken, Wohnhäuser, Schlösser, Baracken, Türme. Und so griff der ausgebildete Fotograf zur Kamera, versuchte die eigenständige Ausstrahlung jeden einzelnes Gebäude einzufangen. Seine Aufnahmen sind immer in Schwarz-Weiß gehalten – und wurden zudem digital mit raffinierten Farbeffekten angereichert. Das Ergebnis sind Bilder, die den Ruinen zum einen Würde geben – und sie als vergessene Botschafter einer alter Zeiten darstellen.
Ruinen als Sehnsuchtsort?
An dieser Stelle könnte man so einige Klischees weiterspinnen: Und sich Gedanken hingeben über das portugiesische Verhältnis zu Vergangenheit und Vergänglichkeit, zu Sehnsucht und Saudade. Ähnlich wie die deutschen Romantiker Ruinen als Botschafter eines “natürlichen Mittelalters” glorifizierten, gibt es auch in der portugiesischen Kultur immer wieder besondere Ansichten über die Symbolik der verfallenden Bauten. Man denke nur verfallenden Bauten. Ein typisches Beispiel findet sich in jedem Lissabon-Reiseführer: Dort, mitten in der Stadt, stehen die Überreste der beim großen Erdbeben 1755 zusammengestürzten Karmeliter-Kirche (Igreja do Carmo). Niemals wurde dieses gotische Schmuckstück wieder aufgebaut, die übrig gebliebenen Bögen stehen bis heute als Mahnmal für die Wucht und Gewalt der damaligen Naturkatastrophe.
Andererseits: Zu viel Verklärung sollte man den Ruinen auch nicht beimessen – und das ist sicherlich auch nicht in Gastão de Brito e Silvas Absicht. Immerhin erlaubte er den Machern des Blogs “S.O.S. Lisboa” die Veröffentlichung seiner Werke - und dieser Blog kämpft engagiert für die Wiederherstellung der verfallenden Altbauten in Lissabon. Gerade in Portugals Hauptstadt hat der Verfall von Gebäuden beängstigende Ausmaße angenommen. Von Romantik keine Spur: Vielmehr sind die so stadtbildprägenden Bauten Plünderern und Immobilienspekulanten ausgesetzt. Es wäre schön, wenn die Ruinen wieder zurück ins Leben kommen, aus ihrer Zwischenzeit befreit werden.
Wer Portugiesisch spricht, kann auch mehr über das Projekt Ruin’Arte in einem Video von Expresso.TV erfahren: Um retrato de Portugal em ruínas.
74 Aufnahmen, digital und analog
Wie steht es mit dem Wandel der Zeit in den Fotografien? Die Ruinen sind eine Möglichkeit, den Gang der Dinge zu illustrieren. Oder man macht es wie Mel Sewell aus England – und fügt 74 Aufnahmen aus den letzten zwölf Jahren zu einer Sammlung zusammen. Portugal Through My Eyes, heißt dieses fotografische Meisterwerk. Es ist ein persönlicher Blick auf Portugal: Gebäude sind hier zu finden, Naturmotive, Technik, sehr selten Menschen. Das Buch ist in zwei große Kapitel unterteilt: Eines zeigt die neueren Aufnahmen mit Digitalkamera, andere die analogen Filmbilder. Und so chronologisch, wie die Bilder sortiert sind, so einen interessanten Blick auf den Wandel der Zeit wirft das Buch. Kurz hinter den Spiegelfassaden eines modernen Bürogebäudes folgt ein wunderbar altmodisches Treppenhaus im Art-Deco-Stil.
Kurz nach dem Bild der modernen Ponte Vasco da Gama folgen Impressionen der alten Speicherhäuschen aus dem Minho. Alt und neu, sie stehen nebeneinander, und dazwischen immer: Die scheinbar zeitlose Natur. Küsten und Wälder, Wasser und Erde: Bei den grandiosen Naturaufnahmen läuft “Portugal Through My Eyes” zu absoluter Größe auf. Aber auch hier, im Unvergänglichen die Zeichen der Zeit: Der zerbrechende Zaun am Strand. Die toten Baumstämme.

Mit kompletter Vorschau: Portugal Through My Eyes bei Blurb
Portugal Through My Eyes ist ein opulentes Werk: Nahezu in Postergröße, auf 160 Seiten edelsten Papiers, limitiert auf 500 Exemplare – und zum Liebhaberpreis von 161 Euro bei Blurb erhältlich. Dankenswerterweise hat Mel Sewell seine Bilder allen Portugalfreunden dieser Welt kostenlos online zur Verfügung gestellt: Beim Händler Blurb lässt sich das komplette Buch online durchblättern, und auch in seinem Blog Mel’s Black and White Portfolio sind viele der Aufnahmen einsehbar. Es ist ein Genuss, sich diese Bilder anzuschauen. Und es ist, genau wie Gastão Brito e Silvas Ruinen-Serie, eine gute Gelegenheit, über den Gang der Zeit nachzudenken.
Wer Mel Sewells Fotobuch erwirbt, kann immerhin einen Beitrag dazu leisten, dass viele der Schönheiten Portugals erhalten bleiben – ein Teil des Erlöses geht an die Umweltschutzorganisation Quercus, eine der wenigen Stimmen Portugals für den Schutz der Natur.
Das Titelbild seines Bildbands (es zeigt das Boca do Inferno) bietet Mel Sewell für begrenzte Zeit als Poster an. Die Auflage der Drucke ist auf 100 limitiert, ein Poster kostet 50 britische Pfund (zur Zeit entspricht dies ca. 55 Euro). Alle Infos zu Bestellung und Druck hier: http://melsbwportfolio.blogspot.com/2009/10/portugal-through-my-eyes-special.html
Oktober 27th, 2009 um 9:33 am
Toll, diese Seite macht glücklich und süchtig!!!
Dezember 13th, 2009 um 7:39 pm
Dear friend…thank you very much…indeed
You can watch my project here : http://ruinarte.blogspot.com/
I hope to receive your visit…once again…
With portuguese light, and good mood
Gastão