Die Bibliothek der Unruhe: In Lissabon treffen Borges und Pessoa endlich zusammen
Warum führen die Lissaboner Stadtspaziergänge von Literatur-Nobelpreisträger José Saramago neuerdings in den eher unspektakulär daherkommenden Park “Arco do Cego”, mitten im Banken- und Geschäftsviertel der Avenidas Novas gelegen? Eine neue Statue zu Ehren des argentinischen Schriftstellers Jorge Luís Borges ist es, die das Interesse Saramagos weckt. Hier, auf dem Gelände eines ehemaligen Busbahnhofs, kann den realen und virtuellen Spuren Portugals im Werk von Borges nachgespürt werden.
Eine Wolke als Sinnbild für grenzenlos umherschweifende Phantasie. Eine Hand als Zeichen für die Schaffenskraft des Künstlers. Mit diesen zwei Symbolen fängt der aus Buenos Aires stammende und heute in Italien lebende Bildhauer Federico Brook das Lebenswerk des argentinischen Schriftstellers Jorge Luís Borges in Granit und Marmor ein.
So geheimnisvoll und vieldeutig wie die literarischen Arbeiten von Borges kommt die Statue daher, die Anfang Dezember im Lissaboner Park “Arco do Cego” offiziell enthüllt wurde – und etwas verloren steht dieses Denkmal auf der großen, mit Palmen umsäumten Grünfläche, die noch vor wenigen Jahren ein Busbahnhof gewesen war.
Doch vielleicht ist gerade dieser noch unbestimmte, irreale Raum des Transits die richtige Heimat für eine Statue von Borges in Lissabon. Viele Verbindungen, künstlerisch und biographisch, weisen von Jorge Luís Borges nach Portugal. Und vom Terminal in Arco do Cego aus fuhren noch vor wenigen Jahren die Busse auch in den Norden Portugals. Der Region, aus der die Familie Borges entstammt.
Großmeister der phantastischen Literatur – mit portugiesischer Herkunft
Jorge Luís Borges (1899-1986), gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Borges etablierte einen neuen Typ phantastischer, “virtueller Literatur”, die auch heute auf einen stetig wachsenden Freundeskreis bauen kann.
Die Spuren der Familie von Borges führen in das nordportugiesische Örtchen Torre de Moncorvo am Fluss Douro, von wo aus der Urgroßvater des Dichters vermutlich Anfang des 19. Jahrhunderts nach Argentinien emigierte.
Über das Leben der Familie Borges in Nordportugal ist wenig bekannt. Auch dem gut 100 Jahre nach der Emigration nach Argentinien geborenen Jorge Luís Borges blieb die Familiengeschichte ein Rätsel, wie er selbst in dem Gedicht “Los Borges” schreibt:
Nichts oder wenig weiß ich von meinen portugiesischen
Ahnen, den Borges: Unbestimmte Menschen,
die in meinem Fleisch fortbestehen, unklar,
ihre Gewohnheiten, ihre Haltungen und Ängste.
Zum vollständigen Gedicht auf Spanisch
Saudade im Blut
So sehr sich die Familiengeschichte im Dunkeln verliert, so sehr war Borges doch davon überzeugt, von seiner portugiesischen Herkunft geprägt worden zu sein. Vor allem das so typisch portugiesische Gefühl der “Saudade” beschäftigte ihn, ja, bestimmte sogar einen Teil seines Schaffens – so berichtete es zumindest Maria Kodama, die Witwe von Borges, die neben Literatur-Nobelpreisträger José Saramago bei der Enthüllung der Borges-Statue Anfang Dezember in Lissabon als Ehrengast anwesend war.
Mit dieser Würdigung in Stein kommt Jorge Luís Borges in der Stadt an, die auch das Spielfeld seines großen und doch unbekannten Freundes Fernando Pessoa war. Obwohl sich die beiden Künstler nie kennengelernt haben (Fernando Pessoa dürfte noch nicht einmal etwas von Borges gewusst haben), so ähneln sich auf verblüffende Weise grundlegende Linien in ihren Werken.
Pessoa und Borges: Zwei Geistesverwandte
Die Saudade, die wehmütige Lust an der Sehnsucht. Die Auflösung des Autors in verschiedene Persönlichkeiten. Das Misstrauen gegen die nur scheinbar reale Welt, gegen das ach so Dingliche. Ähnlichkeiten, Kreuzungen, die nicht unentdeckt blieben – in der Forschung, die bereits mehrere Disserationen dem Thema widmete, aber auch bei den Lesern.

Wer Pessoa kauft, der mag auch Borges (und Hesse): Screenshot von Amazon.de
Borges muss sein “Heteronym” Fernando Pessoa erst spät entdeckt haben. Noch 1968 reagierte Borges nach Angaben des Portals art & culture auf die Frage nach Fernando Pessoa mit der Antwort: “Who is he?” – wer ist er? (Eine Antwort, die man freilich auch angesichts der vielen Persönlichkeiten von Pessoa auch als subtile Anspielung auf die Unbestimmbarkeit Pessoas interpretieren könnte). Aber auch in der in den 40er Jahren von Borges zusammengestellten “Bibliothek von Babel“, die 30 Meisterwerke der phantastischen Literatur versammelte, fand kein Werk Pessoas seinen Platz. Hätte Borges Pessoa damals schon gekannt, wäre dies sicherlich anders gewesen.
Lass mich dein Freund sein!
Doch Jahre später war alles anders. Pessoa war im Universum Borges angekommen. Am 2. Januar 1985 schrieb Jorge Luís Borges sogar einen Brief an Fernando Pessoa:
Du hast für dich geschrieben, nicht für den Ruhm… lass mich dein Freund sein!!! (Quelle: pessoa.art.br)
Nun treffen sich die beiden unbekannten und doch vertrauten Freunde in Lissabon - der Stadt, ohne die das Werk Fernando Pessoas nicht denkbar wäre.

Begegnung mit Fernando Pessoa in Lissabon. Nun ist auch Borges in der Stadt angekommen…
Foto: Graffiti Land auf Flickr (Creative Commons)
Noch so eine Parallele: Ohne Buenos Aires, die argentinische Schwester von Lissabon, wäre Jorge Luís Borges ebenfalls kaum vorstellbar. Es scheint, als ob beide in ihren Städten das geheime Tor zur magischen und phantastischen Welt gefunden haben. Ein Tor, dessen Schlüssel die Leser beider Autoren nun in Lissabon weiter suchen müssen, um es aufzuschließen.
Buenos Aires in Lissabon: Wer auch kulinarisch die Spuren Argentininens in Portugal sucht, dem sei das Restaurant Buenos Aires oberhalb des Rossio-Bahnhofs (Calçada do Duque 31B) empfohlen. Den Park Arco do Cego erreicht man am besten mit der Metrohaltestelle Alameda (rote und grüne Linie).
Januar 7th, 2009 um 2:07 pm
Endlich schreibt Gilberto wieder! Ein schöner einfühlsamer Artikel. Danke
Juni 5th, 2009 um 12:54 pm
Sehr interessante Infos.Mir gefällt schon die ganze Seite.Danke für alle Infos über Lissabon überhaupt:) Sehr gut!