Die (portugiesischen) Stimmen der Vergangenheit, sie wispern noch: Malakka ist jetzt Weltkulturerbe
Zu den 27 soeben von der UNESCO frisch ernannten Weltkulturerbestätten gehört auch Malakka. Selten passte der Titel “Weltkulturerbe” besser auf einen Ort als auf die Hafenstadt in Malaysia: Über Jahrhunderte hinweg war Malakka eine kulturelle und wirtschaftliche Drehscheibe der Welt, ein frühes Experiment der Globalisierung. Und auch die Portugiesen mischten einst in Malakka kräftig mit – und hinterließen Spuren, die im Malakka von heute nur mit Mühe entdeckt werden können.
Als die britische Reiseschriftstellerin Isabella Bird im Jahre 1886 Malakka besuchte, fand sie statt einer mythischen und belebten Hafenstadt nur noch ein verschlafenes Nest vor: “Sehr ruhig, heiß, tropisch, verschlafen und verträumt wirkt Malakka wie eine Stadt völlig außerhalb der Zeiten.”
Kaum etwas schien vom früheren Ruf Malakkas übrig geblieben zu sein. Kaum noch ein großes Handelsschiff steuerte noch den einstigen Umschlagsplatz für Gewürze an. Der einstige Mittelpunkt Südostasiens schien an den Rand gewandert zu sein – an den Rand der Geographie und an den Rand der Zeit. In merkwürdiger Manier spiegelt Malakka so auf asiatischer Seite das Schicksal Lissabons, der ebenfalls einst Mächtigen und bald schon großen Melancholischen unter den Städten Europas.
Lange Zeit durch die Handelsbeziehungen über die Gewürzroute eng verbunden (und seit 1984 wieder mit einer Städtepartnerschaft geeint) erlebten Lissabon und Malakka gleichermaßen den Aufstieg und Fall der portugiesischen Expansion. Mit dem Aufkommen neuer Mächte verabschiedeten sich beide Städte in den morbiden Charme einer alternden Schönheit, die längst nicht mehr mit den jungen und ehrgeizigen Bräute mithalten konnte – aber noch viele Geschichten aus bewegteren Tagen erzählen konnte.
Genau diese Fülle an Geschichten, das Wispern der Erzählungen an jeder Ecke von Malakka, das faszinierte dann auch die anfänglich so enttäuschte Isabella Bird: “Der Lärm der modernen Welt erreicht die Stadt nur in ihren entferntesten Echos,” schrieb Bird in ihrem Buch The Golden Chersonese: “Der Schlaf der Stadt ist nahezu traumlos.”

Zeiten kommen, Zeiten gehen: Ein Uhrmacher in der historischen Altstadt von Malakka. Foto: Juin Hoo auf Flickr
Es genügt, einfach lauschend durch die Gassen von Malakka zu streifen, um die hier in fünf Jahrhunderten angesammelte Geschichten wieder zum Klingen zu bringen. Den Stimmen der Vergangenheit und der Gegenwart zuhören war auch der Ausgangspunkt für das Forschungsprojekt “Malacca – Voices from the street“. In jahrelanger Arbeit zogen der Portugiese Fernando Jorge und sein malayischer Partner Lim Huck Chin durch Malakka, um Geschichte und Gegenwart der Stadt aufzuschreiben – und für die Zukunft aufzubewahren:
“Wir begannen damit, den Stimmen von normalen Einwohnern Malakkas zu lauschen. Wir hörten auf die Straßen der Stadt, wenn wir die versteckten Ecken und verlassenen Gässchen aufsuchten. Wir hörten auf die Häuser und die Tempel, auf die Ruinen und Friedhöfe. Selbst auf das Murmeln und Gewisper der verlassenen Räume. Wir hörten an jeder Ecke, bei jedem Schritt. Auf die Lebenden und die Toten. Die Vergangenheit und die Gegenwart. In der Hoffnung, die Geschichte eines außergewöhlichen Ortes und seiner Menschen würde erzählt werden. Und wir hörten sie sprechen.”
Die Erzählungen von Malakka könnten endlos sein – und setzen sich zusammen aus einem Flickenteppich der unterschiedlichsten Sprachen, Kulturen und Religionen. Von Chinesen an strategisch günstiger Stelle als Umschlagsort für Gewürze von den Molukken gegründet, entwickelte sich Malakka bald zu einem der führenden Handelszentren Südostasiens: Ein Treffpunkt für Chinesen, Inder und Araber. Anfang des 15. Jahrhunderts ließ sich dann der Sultan Parameswara aus dem indonesischen Handelsstaat Srivijaya in Malakka nieder und gründete ein malayisches Sultanat. 1414 nahm Parameswara muslimischen Glauben an und leitete so die Islamisierung Südostasiens ein. Zur Staatsreligion wurde der Islam aber nicht: Weiterhin wurde munter in Malakka gehandelt, und es waren vor allem ausländische Kaufleute vor allem aus Indien und China, die die Hafenstadt dann groß machten.
Florierendes Handelszentrum für die Welt
In die Zeit von Sultan Parameswara fällt denn auch der beispiellose Aufstieg Malakkas als zunächst regionales und später globales Handelszentrum. Die Stadt entwickelte sich zum Anziehungspunkt für Menschen aus der gesamten asiatischen Welt. Die wohlhabenden Herrscher und Kaufleute Malakkas leisteten sich ein – für europäische Verhältnisse – kaum vorstellbares Luxus. Um die Stadt zu ernähren, fuhren Jahr für Jahr 50 bis 60 Dschunken von Zentral-Java nach Malakka, jeweils beladen mit 15.000 Tonnen Reis. Malakka muss ein wahrer Schmelztiegel der Kulturen, Sprachen und Religionen gewesen sein: Historiker berichten, dass im 15. Jahrhundert 84 Sprachen in der Stadt gesprochen wurden. Bei so viel Vielfalt gab es fast nur ein einziges einigendes Band: Die malayische Sprache, die sich als Lingua Franca für den Handel in Asiens Hafenstädte etablierte.

Das portugiesische Fort “A Formosa” in Malakka. Karte ca. aus dem Jahr 1630. Quelle: Wikipedia
Der Reichtum Malakkas blieb natürlich auch in Europa nicht unbemerkt. Vor allem die Portugiesen, die im Wettlauf mit Spanien wie besessen den Seeweg nach Indien aufspüren wollten, zeigten sich an den Handelsmöglichkeiten von Malakka interessiert. Und es war ja auch klar: Wer in Malakka Fuß fassen konnte, hatte unmittelbaren Zugriff auf die lukrative Gewürzroute. Den Gewürzhandel zwischen Asien und Europa beherrschten damals noch die Araber. So waren die portugiesischen Expeditionen nach Asien auch weniger vom Motiv geleitet, Land zu gewinnen als das arabische Handelsmonopol zu brechen.
Vor genau 500 Jahren unternahm der damalige portugiesische König Manuel I. den ersten Versuch, Verbindung mit Malakka aufzunehmen. Am 5. April 1508 verabschiedete der König in Lissabon eine Handelsflotte unter Führung von Diogo Lopes de Sequeira, um einen Stützpunkt in Malakka aufzubauen.
Die Araber waren von der neuen Konkurrenz aus Westeuropa freilich alles andere als begeistert – und wehrten deshalb die Ankunft der Portugiesen in Malakka mit aller Macht ab. Sequeira konnte fliehen, musste aber einige seiner Männer in Asien zurücklassen – einige starben bei den Gefechten, andere gerieten in malayische Gefangenschaft. Die portugiesischen Gefangenen, so schreiben Fernando Jorge und Lim Huck Chin in “Voices from the street”, waren denn auch interessanterweise die ersten Kontaktpersonen zwischen Ost und West. Denn sie schafften es, die malayische Sprache zu erlernen und Botschaften nach Hause zu übermitteln.

Was vom Fortaleza übrig blieb: Das Santiago-Tor (Porta do Santiago). Foto: lloydi auf Flickr
Portugal verfügte bald also über bessere Kenntnisse der Lage in Malakka und wagte drei Jahre einen zweiten Anlauf. Dieses Mal führte Afonso de Albuquerque die Mission an, und zunächst schien alles glatt zu laufen: Am 1. Juli 1511 betrat Albuquerque malakkischen Boden und versuchte, wie damalige Chronisten berichten, zunächst Signale des Friedens auszusenden. Dennoch eskalierten bald Aggressionen gegen die portugiesischen Neuankömmlinge, so dass Albuqerque doch zu den Waffen griff.
Am 15. August 1511 fiel Malakka dann endgültig unter portugiesische Gewalt. Damit eroberte sich das aufstrebende portugiesische Weltreich östlich des bereits etablierten Stützpunktes Goa einen Handelsposten, von dem aus das gewinnbringende Gewürzgeschäft aufgerollt werden konnte. Und obwohl Afonso de Albuquerque auch das gewaltige Fort “A Formosa” errichtete, hielt er sich nicht allzu viel mit Machtpolitik auf. Vielmehr versuchte er mit aller Macht, den Handel am Leben zu erhalten. Und das mit viel Multi-Kulti: Albuquerque förderte beispielsweise Ehen zwischen Portugiesen und Einwohnern Malakkas – und baute auf die Loyalität einer zunehmend gemischten portugiesisch-asiatischen Bevölkerung.
Mit der Dominanz der Portugiesen veränderte auch Malakka langsam sein Gesicht: Bauten die Neuankömmlinge ihre Häuser zunächst noch im lokal üblichen Stil, nämlich mit Holz, so entstanden nach und nach immer mehr Gebäude aus Stein in europäischer Bauweise. Neben Wohn- und Geschäftshäusern wurden auch viele Kirchen gebaut – im Zuge der Händler erreichten schließlich auch die katholischen Missionare Asien. Berühmtester Besucher unter ihnen war der Jesuitenpater Francisco de Xavier im Jahr 1545, auf dessen Betreiben auch die heute einzige noch in Teilen erhaltene portugiesische Kirche “Nossa Senhora de Monte” entstand. Die später St. Paul genannte Kirche diente zeitweise auch als Begräbnisstätte für Francisco de Xavier.

Texturen der Vergangenheit: Eine Detailaufnahme der St. Paulskirche in Malakka. Foto: e-chan auf Flickr
Wer heute nach den portugiesischen Zeugnissen in Malakka sucht, muss sich nur noch mit versteckten Resten zufrieden geben. Im Jahr 1641 übernahmen die Holländer das Kommando, gefolgt von den Briten – und beide stülpten auch dem Bild der Stadt ihre Vorstellungen über. Anfang des 19. Jahrhunderts begann die Abtragung des portugiesischen Forts – dies zum Teil aber unter heftigen Protesten der Bevölkerung.
Mit dem Fall von Malakka an die neuen Machthaber setzte auch der schleichende Niedergang der Stadt ein. Für Holländer wie für Briten war Malakka nur noch ein Nebenschauplatz – bei den Niederländern hatte Batavia die Rolle als Handelszentrum übernommen, für das britische Königreich war später dann Singapur die Referenz. Von der imposanten Befestigungsanlage “A Formosa” ist lediglich ein kleines Tor übrig geblieben. Die St. Paulskirche ist – in Teilen – erhalten. Eine kleine Kristang-Gemeinschaft pflegt bis heute noch die portugiesische Sprache.
UNESCO-Weltkulturerbe Malakka: Konflikte vorprogrammiert
Malakka, heute eine Stadt mit gut 300.000 Einwohnern, fasziniert wie schon vor hundert Jahren Isabella Bird noch immer durch das reiche kulturelle Erbe. Aus diesem Grund ernannte die UNESCO kürzlich bei ihrer Vollversammlung in Kanada Malakka (auf malayisch: Melaka) gemeinsam mit der britischen Gründung George Town zum UNESCO-Weltkulturerbe: “Die Einflüsse Asiens und Europas haben die Städte mit einem speziellen multikulturellen Erbe ausgestattet, das berührbar und auch nicht berührbar ist,” heißt es in der Begründung.
Der besondere Schutz von Malakka kommt gerade zur rechten Zeit – und wird möglicherweise auch zu manch einem Konflikt führen. Denn Lim Huck Chin und Fernando Jorge weisen in “Malacca – Voices from the street” besorgt darauf hin, dass das historische Stadtzentrum von Malakka in höchster Gefahr ist. Immer mehr Gebäude der historischen Altstadt, ja, ganze Straßenzüge verschwinden mittlerweile, um im Namen eines kurz gedachten Fortschritts gesichtslosen Neubauten Platz zu machen. An vielen Stellen ist das 2006 erschienene Werk bereits zu einem Dokument verlorener historischer Orte in Malakka geworden.
Noch wispern die alten Mauern Malakkas von den Begebenheiten der Vergangenheit. Von den goldenen Zeiten, als Malakka ein Treffpunkt der Kulturen war – ein erstes Positivbeispiel für die Globalisierung. Doch die Gefahr ist groß, dass die Stimmen bald verstummen – und vom monotonen Dröhnen der Moderne übertönt werden. Es bleibt zu hoffen, dass der UNESCO-Schutz für ein Umdenken sorgt.
Das Buch “Malacca – Voices from the street” ist weltweit in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich. Alle Informationen auf der Website zum Buch
Die Autoren sind insbesondere im deutschsprachigen Raum noch an Buchhandlungen interessiert, die das Buch vertreiben möchten – Kontakt auch über portugalmania (gilberto@portugalmania.de oder Kontaktformular).