Die “andere Algarve” im Aufbruch: Der neue Öko-Tourismus punktet mit Pfiff und Kreativität
Ja, es gibt sie, die Algarve jenseits der Bettenburgen und Hotel-Resorts. Vor allem im Westen und im Hinterland von Portugals beliebtester Tourismusregion warten unzählige Kultur- und Naturschätze auf ihre Entdeckung. Viele junge Öko-Tourismus-Anbieter machen sich gerade daran, auch diese unbekannte Seite der Algarve für Reisende zugänglich zu machen. Doch reichen Kreativität und Enthusiasmus, um dem Massentourismus alter Prägung eine “andere Algarve” entgegensetzen zu können?
Nuno Guimarães ist ein Mann, der seinen Platz in der Welt gefunden zu haben scheint. Und dieser Platz, der ist genau hier, im Westen der Algarve, an der urtümlichen Costa Vicentina: “Spürt Ihr, wie gut die Luft hier riecht?”, ruft er seiner Wandergruppe zu, die er an den Klippen der nahezu unberührten Steilküste im äußersten Westen der Algarve entlangführt. “Hier leben die Menschen noch im Gleichgewicht mit der Natur”.
Vor drei Jahren zog es Guimarães nun von der Großstadt Porto ins ländliche Städtchen Aljezur – einen Schritt, den er nie bereut hat. Denn Nuno Guimarães hat hier, wo der Tourismus bislang kaum Spuren hinterließ, sein eigenes kleines Unternehmen “Carpe Vita” aufgebaut: Mit Wander- und Trekkingtouren, Surfkursen und auch vier kleinen Ferienhäusern in Aljezur, die der Jung-Unternehmer mit traditionellen Techniken und Materialien der Algarve restauriert hat.

Wandern im Einklang mit der Natur: Unterwegs mit Nuno Guimarães an der Costa Vicentina
Die Rückbesinnung auf die Tradition der Region betreibt Nuno Guimarães jedoch nicht aus Folklore. Seine Ideen gehen weiter: Er will den Bewohnern von Aljezur selbst wieder ein Gefühl für den Wert der Tradition, der eigenen Kultur vermitteln. Und das ist fast schon ein revolutionärer Gedanke, auch hier im äußersten Westen der Algarve.
Schlechte Zeiten für Natur-Tourismus
Denn schon über Jahrzehnte hinweg droht ein immer wieder allzu gefräßiger Tourismus, die Region ihrer Identität zu berauben. Urlaubszentren wie Albufeira oder Portimão erinnern mit ihren Hochhäusern eher an Manhattan als an die kleinen Fischerorte, die sie einst einmal waren. Und auch heute noch dreht sich allüberall der Betonmischer: Derzeit befindet sich fast ein Dutzend neuer Hotelprojekte im Bau – ein Teil von ihnen sogar in ausgewiesenen Naturschutzgebieten. Die Baugenehmigung wurde trotzdem erteilt: Die Schaffung von Arbeitsplätzen sei schließlich im nationalen Interesse.
Für die Natur scheint das “nationale Interesse” hingegen deutlich geringer ausgeprägt zu sein. Die Naturparks der Region stöhnen unter einer notorisch schlechten Finanzsituation – und selbst die Quinta Marim, das Besucherzentrum des Naturparks Ria Formosa, kann sich nur mit Mühe dem Zerfall entziehen.
Geht es nach Portugals Masterplan für die landesweite Tourismusentwicklung, dem “Plano Estratégico Nacional para o Turismo“, dann steht für die weitere Entwicklung der Algarve die Natur ohnehin nicht im Vordergrund. Natur findet auf den Azoren und Madeira statt – die Algarve soll hingegen verstärkt als luxuriöse Event- und Partymeile glänzen. Da passen neue Hotels, aber auch die kurz vor der Fertigstellung stehende Formel 1-Rennstrecke “Autódromo do Algarve” bei Portimão perfekt ins Bild.
Keine Frage – die Weichenstellungen der Tourismuspolitik haben schon ihre Wirkung gezeigt.Besuchten nach Angaben der Zeitung “Observatório do Algarve” im Jahr 2000 noch 8.000 “Natur-Touristen” die Region, so waren es im vergangenen Jahr nur noch kaum messbare 2.300 – ein Bruchteil der Hunderttausenden an Urlaubern, die Jahr für Jahr die Strände der Algarve bevölkern.
Alles verloren also an der Algarve? Nicht unbedingt. Trotz des immensen Drucks durch die finanzkräftigen Investoren bewahrte sich die Algarve an zahlreichen Stellen ihren eigenen Charakter mit faszinierenden Naturlandschaften und reichhaltiger Flora und Fauna. Die gerade einmal rund 150 Kilometer lange Algarve bildet die Heimat von vier großen Naturschutzgebieten, einige davon unter besonderem europäischen Natura 2000-Schutz. Und nicht nur das: Abseits der Souvenir-Läden leben bis heute einige handwerkliche Traditionen weiter, die auch von Urlaubern neu entdeckt werden wollen: Seien es die Korkgewinnung, die Salzfelder von Olhão und Tavira oder die Herstellung von Olivenöl. Gut versteckt, jenseits der Touristenströme wartet die “andere Algarve” auf ihre Entdeckung.

Treffpunkt des Öko-Tourismus: Die Feira Nacional de Parques Naturais in Olhão. Foto: © Feira Nacional de Parques Naturais
Es sind vorwiegend junge Unternehmer wie Nuno Guimarães, die dieses Potenzial in Portugals Süden entdeckt haben – und die es nun für einen naturnahen Tourismus erschließen möchten. Ob Wanderungen, Radfahrten oder Bootstouren: So vielfältig die Angebote sind, so vereint sind ihre Anbieter doch in ihrem Enthusiasmus und ihrer Kreativität.
Schon zum dritten Mal ließ sich nun in Olhão an der Westalgarve die ganze Vielfalt der aufstrebenden Öko-Branche bewundern – und zwar bei der “Feira Nacional de Parques Naturais e Ambientais“, Portugals größtem Treffpunkt der grünen Urlaubsszene. Und was gab es dort nicht alles an neuen Angeboten zu bestaunen: Touren mit geländegängigen Segway-Gefährten durch Wald und Wiesen (Silence Tour). Bequeme Vogelbeobachtung von den weißen Ledersofas des in Olhão beheimateten “Natura Algarve“-Katamarans aus. Kurse zum Erlernen von Brotbacken. Tauchkurse mit historischem Hintergrund : An Ideen herrscht weiß Gott kein Mangel.
Viele Angebote… und das Konzept?
So vielfältig diese Aktivitäten jedoch sind, so gut die dahinterstehenden Ideen erscheinen mögen: Noch immer sind die meisten dieser Anbieter Einzelkämpfer, die ihren Platz in der Nische zu finden hoffen. Zudem kommen unterschiedliche Einschätzungen, was der Begriff “Öko-Tourismus” wirklich bedeutet: Steht Öko nur für einen Ausflug in die Natur? Oder gar für eine Jeep-Safari? Oder steht doch ein ganzheitlicher Aspekt dahinter?
Selbst wenn diese Frage ausgeklammert bleibt: Ein weiterer Schwachpunkt bleibt weiterhin die Vermarktung der Angebote – vor allem im Ausland, wo sich die größte Zielgruppe für Urlaubsangebote der anderen Art befindet. Klar, Portugal und die Algarve bieten zahlreiche verborgene Schätze. Aber:
“Diese Schätze sind nicht immer sichtbar, und es gibt keine klare Karte, die Einwohnern, Touristen und Investoren zeigt, wo diese zu finden sind.”
So schreiben es die “Bienen” der neuen Öko-Consultingfirma “3 Ecobees” auf ihrer Website, auch so ein Geschöpf des frischen, unverbrauchten Öko-Erwachens an der Algarve. Etwas drastischer drückt es Adão Flores, Professor an der “Universidade do Algarve”, nach Angaben des Observatório do Algarve aus: Ja, die Algarve habe Potenzial. Aber ihre Konzepte für Naturtourismus seien “desorganisiert“, ohne “gemeinsame Strategie”.
Via Algarviana als Wegbereiter
Da ist es gut, dass bereits in wenigen Monaten möglicherweise der entscheidende Wegbereiter für einen erstarkenden Öko-Tourismus an den Start geht: Der Wanderweg Via Algarviana.
Die Via Algarviana schlängelt sich über 240 Kilometer und 14 Etappen von Alcoutim an der spanischen Grneze bis hin zum Cabo de São Vicente im äußersten Westen der Algarve. Die Strecke zieht vor allem durch das dünn besiedelte und touristisch bislang kaum erschlossene Hinterland der Algarve. Ganz bewusst passiert die Route des Wanderwegs immer wieder Stationen, an denen sich kulturelle Anknüpfungspunkte zur Tradition und Leben an der Algarve finden lassen: Sei es bei der Herstellung des Medronho-Schnapses, bei steinzeitlichen Fundstätten oder an den weiterhin bewirtschafteten Korkplantagen – hier lässt sich ein Stück des Landes, auch aus menschlicher Sicht, erleben.

Korkeichen: Auch ein Stück Kulturlandschaft an der Algarve (hier bei Monchique)
Projektleiter João Ministro und seine Mitstreiter der Umweltschutzorganisation Almargem, die die Via Algarviana aufbauen, haben mit diesem Wanderweg etwas Neues geleistet: Ein durchdachtes Konzept für den Öko-Tourismus, der über einzelne Ortschaften weit hinaus geht – und dementsprechend auch mit vielen Problemen und Widerständen zu kämpfen hatte. Und die Via Algarviana ist weit mehr als ein Wanderweg: Sie könnte zum Rückgrat eines naturnahen Tourismus “der Erfahrungen” werden, der das teilweise etwas ramponierte Image der Algarve zu verbessern vermag.
Erste Ideen sind schon da: So plant die bei Aljezur lebende Deutsche Sofia von Mentzingen für nächstes Jahr die Durchführung von Eselswanderungen auf einigen Teiletappen der Via Algarviana. Das dürfte nur der Auftakt für weitere Angebote sein, sobald die Via Algarviana im Herbst diesen Jahres endgültig beschildert und eröffnet sein wird.
Folge dieser Fährte lautet der Werbespruch der Via Algarviana. Und wer weiß, vielleicht könnte dieses Motto viel umfassender wirken, als es die Projektentwickler am Anfang geglaubt haben. Die andere Algarve, sie ist im Aufbruch.
- Offizielle Website der Via Algarviana
- Ein Erfahrungsbericht von der Erstbegehung der Via Algarviana auf “Wandern in Portugal”
Juli 30th, 2008 um 12:34 pm
Sehr schöner Artikel, der sehr treffend die gewonnenen Eindrücke beschreibt!
Juli 30th, 2008 um 1:43 pm
Moin,
wir konnten uns dieses Jahr davon überzeugen, dass die Touriverwaltung in die Richtung endlich ein bisschen was tut, was sich für uns in den Percursos Pedestres (Wanderführer des Tourismusverbandes) und immer mehr markierten Wanderrouten dokumentiert.
http://tinyurl.com/6odnuq (engl., PDF > 10 MB)
http://tinyurl.com/5nydwg (pt., PDF >10 MB)
Nun mag das alles nicht sehr koordiniert sein, aber verglichen mit der Situation 2003 sind das glatt paradiesische Zustände
Viele Grüße
Rainer
Juli 30th, 2008 um 6:19 pm
Ola Gilbert it was a pleasure meeting you in Algarve this past weekend, hope you enjoyed the fair. Just wish you had more time to visit our booth as we had fantastic biologic wine and food from the Algarve waiting for you.
Keep up the great work with your blog and thanks for the mention on your post. Much appreciated!
Cheers,
Moses
September 4th, 2009 um 7:19 am
Sehr schöner Bericht.Finde das Thema Öko-Tourismus eigentlich sehr interessant und wichtig. Danke für diesen Bericht.Toller Blog!