Garranos in Nord-Portugal: Die Wildpferde mit keltischem Stammbaum sind vom Aussterben bedroht
Seit Jahrzehnten versucht der portugiesische Staat, die einzigartigen Garrano-Pferde im Nationalpark Peneda-Gerês wieder auszuwildern. In der Tat leben heute einige der Wildpferde wieder in Freiheit. Dennoch ist die Zukunft der Garranos bedroht: Schon in wenigen Jahrzehnten könnten die Nachfahren des iberischen Ponys ausgestorben sein. Größte Feinde sind der Wolf – und ein verbissener Kampf um den Lebensraum, der durch die Waldbrände der letzten Jahre weiter zusammenschrumpfte.
Nein, so edel wie die eleganten portugiesischen Lusitanos sind sie nicht. Aber sie sind auch keine Ponies, obwohl ihre geringe Höhe von gerade einmal 1,35 Meter fast darauf schließen ließe: Die Garrano-Pferde, fast ausschließlich im äußersten Norden Portugals beheimatet, sind seit 1993 als eigenständige Pferderasse staatlich anerkannt. Klein, kompakt, mit einer konkaven Kopfform tragen die Garranos auch heute noch das Erbe des iberischen Ponies aus keltischen Zeiten mit sich – ein Pony, das man heute noch auf uralten Höhlenzeichnungen bewundern kann.
Im hügeligen und oft kargen Norden Portugals fanden die Garrano-Pferde ihren idealen Lebensraum. Sie fügten sich perfekt in die dortige Bergwelt ein. Kantigen Felshänge erklimmen sie mühelos. Und trotz ihres Zwergwuchses erreichen die Garranos oft erstaunliche Laufgeschwindigkeiten - die noch heute bei so manch einem Dorf-Pferderennen in der Region Minho bewundert werden können. Hier, in der abgeschiedenen Bergwelt lebten die Garranos so bis ins 20. Jahrhundert hinein ohne größere genetische Mischungen mit anderen Pferderassen. Neben den weiter südlich in Portugal beheimateten Sorraias gilt das Garrano-Pferd als “autochthone” Art (ohne Einflüsse von außen).

Gestatten, ich bin ein Garrano. Foto: mário venda nova auf Flickr
Später erkannte freilich auch der Mensch die Vorzüge der kleinen Garranos – und nutze sie als ebenso gelehrige wie geduldige Packpferde sowie für leichtere Arbeiten in der Landwirtschaft. Noch zur Zeit des zweiten Weltkrieges transportierten Garranos Bergarbeiter in die entlegenen Minen von Portugals Nordosten. Die Domestizierung der Rasse ging bis ins 20. Jahrhundert so weit, dass die ursprünglichen Wildpferde so gut wie ausgestorben waren.
Erst mit dem Eingreifen des portugiesischen Staates etwa ab dem Jahr 1940 begann wieder ein umfangreiches Auswilderungsprogramm der Garranos, vor allem in der Serra do Gerês. Dort, wo 1970 dann auch zum Schutze der Garrano-Pferde der Nationalpark Peneda-Gerês entstand, leben heute die meisten der verbliebenen 1.600 Garranos. 95 Prozent der Pferde leben in einer “halb-wilden” Form in herumziehenden Herden, meist aber in Besitz eines privaten Halters. Die einzelnen Herden bestehen aus 30 bis 40 Stuten, die von einem Hengst begleitet werden. Die Führung und Auswahl der Weideflächen übernimmt jedoch in der Regel eines der weiblichen Pferde, wie Conceição Silva vom Garrano-Züchterverband ACERG kürzlich im Diário de Notícias erklärte. Der Hengst sei vor allem für die Verteidigung der Herde gegenüber Wölfen und anderen Pferden verantwortlich.
Garrano schon in wenigen Jahrzehnten ausgestorben?
Doch trotz ihres staatlichen Schutzes sind die Garranos mittlerweile so vielen Gefahren ausgesetzt, dass selbst der stärkste Hengst seine Herde nicht mehr verteidigen könnte. Bereits in wenigen Jahrzehnten könnten die Garranos ausgestorben sein, befürchtet denn auch José Leite, ebenfalls aktiv im Züchterverband ACERG. Besondere Sorgen macht Leite die geringe Zahl der noch lebenden Garranos – und die niedrige Reproduktionsrate. Eine Stute könnte pro Jahr nur ein Fohlen zur Welt bringen, erklärt José Leite. Die jungen Fohlen sind jedoch besonderen Gefahren ausgesetzt: Etwa die Hälfte von ihnen wird vom Wolf gerissen – und eine weitere große Gruppe fällt dem Schlachtbeil für Pferdefleisch verarbeitet zu werden. Nach Schätzungen des ACERG sind es mittlerweile nur noch 15 Prozent der Fohlen, die letztendlich heil durchkommen.
Und auch in höherem Alter ist das Überleben der Garranos nicht gesichert. Vieles deutet darauf hin, dass im Norden Portugals gerade ein Kampf um Lebensräume entstanden ist, den die Pferde mit ihrem Leben bezahlen müssen. Anfang Juni wurden in Paredes de Coura in der Nord-Region Minho zehn mit einem Jagdgewehr erschossene Garrado-Pferde aufgefunden. Auftakt einer schrecklichen Serie? Schon wenige Wochen später, am 25. Juni, gab es im nahen Mourim einen weiteren Fall mit fünf erschossenen Garranos.
Konflikt mit Landwirten
Allgemein wird davon ausgegangen, dass in beiden Fällen Landwirte zur Waffe gegriffen haben. Viele Bauern ärgert es seit langem, dass die mit EU-Fördermitteln unterstützten Garrano-Herden auf ihren Mais- oder Gemüsefeldern “wildern”. Umzäunungen oder Mauern sind für die wendigen Pferde leicht zu überwinden. Erst recht seit den heftigen Waldbränden in den vergangenen Jahren verschärfte sich das Problem: Denn die Garranos finden wegen vieler verkohlter Flächen in freier Wildbahn weniger Weideland - und tun sich deshalb häufiger auf Gemüseackern gütlich. Dies bringe so manch ein Landwirte derart in Rage, dass er zu den Waffen greife – und damit ein “Verbrechen gegen die Natur” anrichte, wie der Umweltschützer und Garranohalter Pedro Alarcão im Diário de Notícias sagte.
Auf dem Rücken der Garrano unterwegs in Peneda-Gerês
Alarcão ist selber Halter von Garranopferden. Gemeinsam mit seiner Frau Anabela Moedas führt er Wildpferde-Touren durch das Gebiet von Peneda-Gerês durch – und setzt sich gleichzeitig für den größten natürlichen Feind der Wildpferde, den in der Region recht unbeliebten Wolf ein. Immerhin: Wenn schon nicht mehr bei den Landwirten, so doch im Fremdenverkehr haben die Garranos neue Freunde gefunden. Touren auf dem Rücken der sanften und friedlichen Pferde sind beliebt und lassen sich auch von Reit-Anfängern gut meistern. Die Zahl der Angebote steigt dementsprechend: So von Pedro Alarcãos eigenem Unternehmen Ecotura oder – für Einsteiger – als Tagesausflüge von der Quinta da Caniçada aus. In Deutschland kann man Garrano-Touren auch beim Anbieter “Urlaubspferd” buchen.
Die touristische Nutzung des Garranos scheint derzeit wirklich einer der sinnvollsten Wege zu sein, den Bestand der uralten Garrano-Rasse – und damit das Erbe des iberischen Ponys – zu sichern. Denn schon in den Garranos von heute findet sich nicht nur 100 Prozent iberisches Pony – sondern auch schon ein paar Gene von Araber-Pferden, die Mitte des 20. Jahrhunderts auf den staatlichen Gestüten Portugals hineingekreuzt wurden.
Vor allem Herdenbesitzer, die die Garranos für die Erzeugung von Pferdefleisch nutzten, seien an weiteren Züchtungen interessiert, um die Qualität des Fleisches zu verbessern. Dennoch gibt es hier auch eine breite Gegenbewegung: ACERG, das portugiesische Landwirtschaftsministerium, Nationalparkverwaltung sowie das Gestüt der staatlichen Fundação Alter Real arbeiten daran, die Garranos in ihrer möglichst ursprünglichen Form weiter zu erhalten. Doch es ist ein Kampf gegen die Zeit: Schon die Tötungen der 15 Tiere im Juni, eigentlich nur zwei Einzelfälle, haben den Bestand der Garrano-Pferde um einen weiteren Prozentpunkt dezimiert – viel mehr solcher “Gewalttaten gegen die Natur” dürfen nicht mehr passieren.
Ein Artikel in Kooperation mit Portugalnyt, dem führenden skandinavischen Portal zu Portugal (Vilde heste i Portugal i fare for udryddelse - 2008, Portugalnyt.dk )
August 6th, 2008 um 8:56 pm
Hy,
habe mit interesse Ihren Artikel gelesen. Kann man diese Pferde auch in Deutschland züchten.
Viele Grüße
Franz Frick
Dezember 22nd, 2008 um 8:04 am
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