Bei seinen Flüssen hängt Portugal am Tropf Spaniens
Zehn Jahre nach der Expo98 in Lissabon bildet die iberische Halbinsel wieder den Schauplatz für eine Weltausstellung. Standen 1998 in Lissabon noch die Ozeane im Mittelpunkt, so weitet sich der Blick bei der EXPO 2008 im spanischen Saragossa nun auf das Thema Wasser im Allgemeinen. Ein Thema, das auch für Portugal von Brisanz ist: Denn die großen Flüsse des Landes entspringen allesamt in Spanien – und machen Portugal damit abhängig von der Wasserpolitik seines großen Nachbarn.
In Saragossa hängt nun alles wieder vom Wasser ab. Meist führt der durch die Stadt fließende Ebro viel zu wenig Wasser mit sich – in jüngster Zeit jedoch war es nach den anhaltenden Frühlings-Regenfällen so viel, so dass Teile des ausgerechnet in die sensiblen Ebro-Auen hineingebauten EXPO-Geländes bereits zur Eröffnung überflutet waren. So zeigt die mit edlen Motiven angetretene EXPO bereits in der Wahl ihres Geländes die Ambivalenz, mit der das Thema auf der iberischen Halbinsel angepackt wird.
Kaum ein anderes europäischen Land wie das dürregeplagte Spanien muss sich so viele Sorgen um die künftige Wasserversorgung machen. Schon in den vergangenen Jahren sorgten immer wieder Hitzeperioden für extreme Wasserknappheiten, die zusätzlich noch von den durstigen Boombranchen Landwirtschaft und Tourismus verschärft wurde. Erst vor ein paar Wochen musste ein Tankschiff vor Barcelona andocken, um die auf dem Trockenen sitzende Großstadt mit Trinkwasser zu versorgen.

Das EXPO-Gelände in Saragossa. Foto: Expo 2008
Maßnahmen für einen sorgsameren Umgang mit Wasser tun also Not – zumal der Klimawandel der iberischen Halbinsel noch längere und intensivere Dürreperioden einbringen dürfte. So gibt sich die EXPO als “Wasserschau im Dürreland” (FAZ) dann auch ganz öko-effizient. In verschiedenen Themenbereichen stellen die teilnehmenden Länder ihre Konzepte zum Wassersparen dar. Erstmals bei einer Weltausstellung haben auch die Nicht-Regierungs-Organisationen ihren eigenen Pavillon auf einer Weltausstellung.
Portugiesischer Pavillion: Flüsse im Mittelpunkt
Das rege Interesse der Spanier am sorgsamen Umgang mit Wasser möchte auch Portugal für sich nutzen. Die Ausstellung im portugiesischen Pavillion auf der EXPO 2008 widmet sich vorrangig den drei großen Flüssen Tejo, Douro und Guadiana: Drei Ströme, die mit Abstand das wichtigste Süßwasserreservoir für Portugal bilden. Drei Ströme aber auch, die den größten Teil ihres Flusslaufes als Duero, Tajo und wiederum Guadiana auf spanischem Territorium verbringen. So entsteht eine Abhängigkeit, mit der sich jeder Eingriff Spaniens am Flusssystem auch negativ auf Portugals Wasserversorgung auswirken.

In der portugiesischen Politik ist die Abhängigkeit vom spanischen Wasser seit jeher ein delikates Thema. Traditionell sucht Portugal einvernehmliche Lösungen mit Spanien über die gemeinsame Nutzung der Flüsse. Die Lobesworte über eine gelungene Partnerschaft gehören fest zum portugiesischen Tagesgeschäft dazu.
Und so einladend und werbend um die spanische Seite zeigt sich auch Portugals Pavillion auf der diesjährigen Weltausstellung: Als einziger der Länderpavillions verfügt er über eine transparente Glasfassade, die Blicke nach innen und außen zulässt. Durch die großzügige Ausstellungsfläche zieht sich als symbolisch verbindendes Band ein “roter Fluss”, der zu den verschiedenen Informationstafeln führt. Naturschutz, Tourismus, wirtschaftliche Nutzung: Nichts lässt der portugiesische Beitrag aus, um dem internationalen und spanischen Publikum die Wichtigkeit der grenzüberschreitenden Flüsse darzustellen, sie auf das “gemeinsame Amphitheater” einzustimmen, wie kürzlich Rolando Borges Martins – Kurator des portugiesischen Beitrags in Saragossa – dem Nachrichtenmagazin Visão anvertraute.
Immer wieder Streit ums Wasser
Eine Bedeutung, die vom spanischen Nachbarn immer mal wieder ignoriert wird. So erfuhr Anfang der 90er Jahre die portugiesische Regierung aus der Presse, dass Spanien im Rahmen seines groß angelegten nationalen Flussbauplans eine Umleitung von Dourowasser in den Tejo plante. Diese Maßnahme hätte dem Douro mehr als ein Zehntel seines Wassers beraubt – mit spürbaren Auswirkungen für die portugiesische Landwirtschaft, Energiegewinnung und Umwelt. Nicht die Proteste aus Lissabon, sondern ein Zank unter den spanischen Regionen selbst brachte den Wasserplan in dieser Form letztendlich zu Fall – doch die Idee der Douroumleitung blieb zumindest auf dem Papier noch erhalten.

Wasser aus Spanien: Der Tejo bei Vila Vela de Rodao. Foto: ceiling auf Flickr
Vor drei Jahren, im Dürresommer von 2005, kam es wieder zum Wasserstreit. Entgegen der vertraglichen Absprachen mit Portugal gönnte sich das trockene Spanien einen überaus großen Schluck aus dem Duero – vor allem zu Lasten der portugiesischen Landwirte, die daraufhin von der Regierung in Lissabon Kompensationszahlungen für ihre Produktionsausfälle erhielten. Später räumte auch die spanische Regierung ein, den Vertrag gebrochen zu haben und überwies eine Entschädigungszahlung an Portugal (ein ausführlicher Beitrag zum Thema im Online-Magazin Telepolis).
Nach diesen Irritationen sei das Verhältnis aber nun wieder bestens, gab Orlando Borges, Präsident der portugiesischen Wasserbehörde, wenige Tage vor Eröffnung der EXPO 2008 zu Protokoll. Die Verträge mit Spanien seien nachgebessert worden, klare Regeln zur Entnahme von Wassermengen definiert worden – und beide Partner hätten ein großes Vertrauen zueinander. Doch hält dieses immer wieder gebrochene Vertrauen auch in Krisenzeiten?
Der Klimawandel wird das Vertragswerk zur gemeinsamen Flussnutzung – dessen Wurzeln bereits auf ein Grenzabkommen von 1864 zurückgehen – auf immer neue Proben stellen. Und bislang regeln die gemeinsamen Abkommen vor allem Fragen zur Wassermenge: Doch auch Umweltaspekte wie die Wasserqualität gewinnen an Bedeutung. Was, wenn das Flusswasser aus Spanien immer stärker mit Schadstoffen belastet in Portugal ankommt?
Sorgloser Umgang mit Wasser auch in Portugal
Nicht alle Probleme freilich gehen auf das Konto der Spanier. Auch Portugal muss im nachhaltigen Umgang mit seinen Flüssen einige Hausaufgaben erledigen. Die Landwirtschaft entlässt noch immer zu viele Schadstoffe in die Flüsse, und die überaus große Anzahl von Staustufen bringt die teils fragilen Ökosysteme erheblich durcheinander. Selbst der letzte unberührte Fluss Portugals, der Rio Sabor, soll nun mit einer Staustufe versehen werden – was das Aus für eine der letzten unberührten Naturlandschaften im Norden Portugals bedeuten würde.
Es muss sich also etwas ändern – darauf verweist auch der Portugal-Pavillion auf der EXPO 2008 in seinem letzten Bereich, der “Mudança” (Veränderung) genannt ist. Hier sind die Besucher aufgefordert, ihre Worte, ihre Gedanken für eine bessere Nutzung des Wassers in eine Multimedia-Installation einzubringen.
Der Legende nach, so erzählt uns Wikipedia, hätten sich vor langer Zeit drei Flussgeister nach Spanien begeben, um dort ein Wettrennen an den Atlantik zu beginnen. Eine Nacht schliefen die Geister noch. Der erste, der erwachte, war der Guadiana - und nahm den schönsten und einfachsten Weg hinunter zur Algarve. Der Tejo folgte als nächster und entschied sich für die Route nach Lissabon. Für den Langschläfer Douro blieb nur noch die lange und zerklüftete Strecke durch den Norden Spaniens und Portugals übrig – aber alle drei fanden den Weg zum Atlantik.
Vielleicht macht es die Expo den Flussgeistern gleich – und versorgt die iberische Halbinsel mit einem Strom an Ideen für bessere Wassernutzung, der bald auch nach Portugal überschwappen könnte.
Die offizielle Homepage der EXPO Saragossa (Expo Zaragoza)
Die offizielle Homepage des Portugal-Pavillions auf der EXPO 2008
Juni 15th, 2008 um 3:11 pm
[...] EXPO 2008 im spanischen Saragossa bem