Der Fado kehrt zu seinen Wurzeln zurück: Rabih Abou-Khalil “auf Portugiesisch”
Experimentierfeld Fado: Nachdem Portugals Fado-Sängerinnen bereits seit Jahren mit Lust am Probieren die Grenzen des Fados ausloten, ziehen nun die Männer nach. Mit Ricardo Ribeiro wagt ein junger und doch traditionell ausgerichteter “Fadista” die Verbindung der Genres – und sucht nach den Linien, die vom Fado zur Musik von Rabih Abou-Khalil, Meister auf der arabischen Kurzhalslaute, führen.
So langsam könnte selbst den treuesten Freunden des Fado die Geduld ausgehen. Fado elektronisch, Fado schwedisch, Fado literarisch – immer wilder werden die Crossover-Projekte, die mit dem traditionellen portugiesischen Musikstil betrieben werden. Und nun auch noch Fado unterlegt mit Klängen der arabischen Kurzhalslaute Oud? Das klingt übertrieben – und dennoch erweist sich die CD “Em Português“, die genau diese Verbindung schafft, als eine der interessantesten musikalischen Neuerscheinungen des Jahres.
Die CD ist eine gemeinsame Produktion des weltweit bekannten Oud-Spielers Rabih Abou-Khalil mit dem jungen portugiesischen Fadosänger Ricardo Ribeiro. Beide Musiker sind ihrer Tradition und ihrem Können sehr verpflichtet: Der in München lebende Abou-Khalil ist mit seiner Instrumentalmusik auf der Kurzhalslaute bereits seit Jahrzehnten eine feste Größe in der Weltmusik. Der 25-jährige “Fadista” Ricardo Ribeiro gilt als einer der talentiersten Fado-Sänger seiner Generation – und hat sich doch vor allem dem traditionellen, im intimen Rahmen vorgetragenen Fado verschrieben.

Auf Portugiesisch, in arabisch. Foto: Enja Records
So kann man davon ausgehen, dass beide Musiker der Idee eines gemeinsamen Projekts zunächst eher skeptisch gegenüberstanden – und später bei der Umsetzung mit Umsicht handelten. Ricardo Ribeiro spricht auch im Nachhinein noch von einer “sehr komplizierten” Aufgabe. Auch Rabih Abou-Khalil empfand die Idee zunächst als “verrückt” – bis die Neugierde siegte.
Ideengeber für die Fado-Arbeit Rabih Abou-Khalils war Ricardo Pais, der Direktor des Nationaltheaters São João in Porto. Doch Abou-Khalil ließ den ungewöhnlichen Gedanken zunächst einige Jahre reifen – bis er dann die Stimme von Ricardo Ribeiro bei der Interpretation von “Cabelos Brancos” hörte: “Ich mochte die Art, wie er mit seinen Begleitmusikern umging. Wir dachten, wir müssten zusammen arbeiten,” erklärte Rabih Abou-Khalil das Zusammentreffen der beiden Künstler im Online-Magazin “Cronicas da Terra”.
So ist die nun veröffentlichte Produktion mit dem Namen “Em Português” auch eher als Zusammenarbeit zweier Musiker anstatt einer eher künstlichen Verbindung zweier Musikstile zu verstehen. Es geht um die individuelle Ausdruckskraft, um Verständnis, um neue musikalische Ideen.
Was ist hier noch Portugiesisch?
Dennoch: Was ist am Ende noch “Portugiesisch” auf einer Platte, die sogar “auf Portugiesisch” heißt? Ganz eindeutig ist es der Gesang von Ricardo Ribeiro, der hier zwölf Gedichte verschiedener portugiesischer Dichter vertont. In seiner Tonalität und Melodie ist auch noch ganz deutlich die Farbe des Fados herauszuspüren. Doch der Gesang von Ricardo Ribeiro kontrastiert mit der arabischen Oud-Musik von Rabih Abou-Khalil, und fügt sich dennoch überraschend harmonisch in deren Rhythmus ein. Vielleicht, weil beide Musiker die gleichen Gefühle einfach nur unterschiedlich ausdrücken?
Sehnsucht, Melancholie, Fatalismus: Das sind auch einige Konstanten, die Fado und die leicht klagende Musik der arabischen Oud verbinden. Möglicherweise glückt das Experiment von Rabih Abou-Khalil auch deshalb so gut, weil beide Stile die gleichen Wurzeln haben. So vielschichtig und geheimnisumwittert die Herkunft des Fado sein mag: Entstanden ist er im arabisch geprägten Stadtviertel Mouraria in Lissabon, und unverkennbar sind seine orientalischen Einflüsse. Rabih Abou-Khalil und Ricardo Ribeiro vollbringen – gemeinsam mit den ebenfalls beteiligten Luciano Biondini, Michel Godard und Jarrod Cagwin das kleine Kunststück, diese alte Verbundheit in neuer Form wieder zugänglich zu machen.
Die CD “Em Português” ist bei Enja Records erschienen und u.a. bei Amazon erhältlich.
Vollständige Hörproben finden sich auf der MySpace-Seite von Rabih Abou-Khalil
Weitere Informationen auch bei HR2 Kultur.