Auch mit 120 sorgt Pessoa noch für Unruhe
Am 13. Juni wäre Fernando Pessoa 120 Jahre alt geworden. Pünktlich zum runden Geburtstag sorgt der Autor des “Buchs der Unruhe” wieder für einigen Wirbel: Teile aus dem Nachlass des Dichters stehen zum Verkauf – und drohen außer Landes zu verschwinden. Ein Trost bleibt: Das Internet bietet sich als letzte Heimat für Pessoas Erbe an.
Was hätte Fernando Pessoa wohl zum Internet gesagt? Vieles spricht dafür, dass der Dichter mit den vielen Persönlichkeiten seinen Spaß an diesem ebenfalls so zersplitterten und vielschichtigen Medium gefunden hätte: Ungeordnete Texte, die sich im Cyberspace wie in der großen Truhe Pessoas versenken. Links, die das Internet fast so undurchschaubar machen wie das Straßengewirr der Alfama. Ja, vielleicht hätte Pessoa statt im Martinho da Arcada das ein oder andere Mal sogar in ein Internet-Café verirrt.
Nun könnte sich das Internet sogar als letzter Bewahrer von Pessoas Nachlass erweisen. Nicht nur, dass Texte von Fernando Pessoa und seinen verschiedenen Heteronymen bereits viel Verbreitung im Web gefunden haben: Bald könnte das Internet der einzige, wenn auch virtuelle Ort sein, in dem Pessoas persönliche Bibliothek noch in ihrem ganzen Zusammenhang abrufbar ist.
Nach seinem Tod hinterließ Fernando Pessoa nicht nur die legendäre Truhe voller zumeist unveröffentlichter Manuskripte und Texte, sondern auch eine umfangreiche Privat-Bibliothek. Einen Teil dieses Nachlasses, rund 1.200 Bücher, verkauften die Erben an den portugiesischen Staat. Diese Dokumente befinden sich heute im Literatur- und Dokumentationszentrum “Casa Fernando Pessoa” in Lissabon. Der Rest der Sammlung verblieb jedoch im Familienbesitz – und sorgt nun für Ärger. Denn die Besitzer – eine Nichte und ein Neffe Pessoas – scheinen wild entschlossen zu sein, einige Teile “ihres” Pessoa-Nachlasses in klingende Münze zu verwandeln.

Die Website der Unruhe: http://casafernandopessoa.cm-lisboa.pt
Schon im letzten Jahr brachten sie einige Werke aus der persönlichen Sammlung Pessoas unter den Hammer. Buchstäblich in letzter Minute schaffte es der renommierte Pessoa-Forscher Jerónimo Pizarro, die veräußerten Bücher mit einem Hochleistungs-Scanner zu digitalisieren: “An einem Tag arbeiteten wir bis Mitternacht”, berichtete Pizarro später im Público. “Immer als wir dachten, wir hätten es nun geschafft, tauchte schon wieder etwas Neues auf.” Nun steht wieder eine Verkaufstranche an: Im Dezember möchten die Erben von Fernando Pessoa einige astrologische Schriften aus dem Besitz des Dichters unter den Hammer bringen. Darunter befindet sich auch der möglicherweise unter englischen Liebhabern hoch gehandelte Briefwechsel Pessoas mit dem obskuren britischen Magier Alestair Crowley (zur denkwürdigen Begegnung Pessoas mit Crowley findet sich hier ein ausführlicher Bericht).
Sollte am Schluss nicht doch noch der noch betont uninteressierte portugiesische Staat zuschlagen (wer will auch schon frühzeitig die Preise in die Höhe treiben?), müsste Pizarro also wieder mit seinen Scannern anrücken – und könnte so zumindest ein weiteres Stück des Nachlasses für die Nachwelt sichern. Vollständig kann die Bibliothek Pessoas ohnehin nicht mehr abgebildet werden. Denn schon zu Lebzeiten entfernte der Dichter Werke aus seinem Besitz – und auch in den Jahrzehnten nach seinem Tod 1935 verschwanden einige Stücke aus dem Nachlass.
Ausgewählte Werke aus der Pessoa-Bibliothek im Internet
Noch stehen die Digitalisierungen Pizarros nicht im Internet zur Verfügung, sondern werden für rein universitäre Zwecke genutzt. Doch für ein paar andere Werke aus der Pessoa-Bibliothek dürfte sich das schon bald ändern. Denn Pizarro hat nun auch in der “Casa Fernando Pessoa” – dem ehemaligen Wohnhaus des Dichters im Stadtteil Campo Pequeno – zahlreiche Werke aus dem dortigen Bibliothek digitalisiert. Über Wochen hinweg herrschte im ersten Obergeschoss des Hauses ein reges Treiben: Bücher wurden hin- und hergeschleppt, die einzelnen Seiten wurden im Tageslicht auf dem Balkon fotografiert.
Pünktlich zum 120. Geburtstag sollten dann die ersten 200 Werke digitalisiert im Internet abrufbar sein. Ganz geklappt hat dieses ambitionierte Projekt noch nicht – Probleme mit der Scan-Software haben den pünktlichen Start verhindert. Aber, immerhin, ein kleines Geschenk wurde Fernando Pessoa zu seinem 120. Geburtstag doch noch kredenzt: Das “Casa Fernando Pessoa” nahm seine neue Website in Betrieb, auf der sich dann bald auch die eingescannten Werke finden werden.
Unter der Adresse casafernandopessoa.cm-lisboa.pt verfügt das “Casa Fernando Pessoa” endlich wieder über einen würdigen Internetauftritt, nachdem die alte und bei Google noch hoch gelistete Webpräsenz seit Jahren in den Händen einer amerikanischen Spam-Firma liegt und nicht mehr abgeschaltet werden kann. Aber auch diese kleine Ungereimtheit aus dem Cyberspace ist vielleicht wieder eine der typischen pessoanischen Verwirrungen. Denn auch mehr als sieben Jahrzehnte nach seinem Tod vermag Pessoa weiterhin zu überraschen. Selbst aus Büchern, die im “Casa Fernando Pessoa” gelagert würden, fielen immer mal wieder Zettel mit bisher unbekannten Gedichten Pessoas heraus, wie die Institutsleiterin Inês Pedrosa kürzlich der Wochenzeitung Sexta berichtete. Wer weiß, was sich dann noch im Internet aus Pessoas Privat-Bibliothek herausfinden lässt.
Juni 17th, 2008 um 9:41 pm
Dieser Verkauf hat schon im Mai in den portugiesischen Medien – z.B. im Jornal “Público” – ziemlich hohe Wellen geschlagen.
Auch wenn der Staat sich bisher bedeckt gehalten hat – die Medien haben es sicher nicht getan.
Juni 18th, 2008 um 9:00 pm
[...] gut recherchierten Beitrages von Gilberto in seinem Blog portugalmania.de empfehlen >>> Auch mit 120 sorgt Pessoa noch f