Schiffsfund vor Namibia: Eine letzte Spur zu Bartolomeu Dias?
Ein kürzlich vor der Küste Namibias gefundenes Schiffswrack aus dem 16. Jahrhundert gibt viele Rätsel auf. Technisch gesehen war das vermutlich aus Portugal oder Spanien stammende Schiff ziemlich marode – und doch voll beladen mit Reichtümern und Kostbarkeiten. Handelt es sich hier etwa um das Boot, das den portugiesischen Entdecker Bartolomeu Dias auf seiner letzten Fahrt in die Tiefe riss?
Das beginnende 16. Jahrhundert muss eine aufregende Zeit gewesen sein. Angelockt von den Reichtümern Asiens begannen die europäischen Staaten, insbesondere Portugal und Spanien, mit Macht die Suche nach neuen Handelsrouten aufzunehmen. Gerade die portugiesischen Seefahrer konnten große Erfolge verbuchen: Schon im Jahr 1488 entdeckte Bartolomeu Dias das Kap der Guten Hoffnung. Wenige Jahre später gelang es dann Vasco da Gama, die Reise nach Indien komplett zu machen.
Vor 500 Jahren entwickelte sich allmählich vor der Atlantikküste Afrikas ein reger Schiffsverkehr. Jetzt galt es, den Handel mit Indien und fernöstlichen Ländern aufzubauen, neue Allianzen zu schmieden, sich handfeste Vorteile im beginnenden globalen Wettbewerb zu sichern. Und doch war die Technik längst nicht ausgereift: Entdecker wie Händler segelten mit wahren Nussschalen über die Weiten der gerade im südlichen Afrika auch vom Sturm aufgepeitschten Meere – ohne die heutigen nautischen Instrumente und mit noch geringen Kenntnissen über die Topographie des bereisten Gebiets.
So ist das vor wenigen Tagen vor der Küste Namibias gefundene Schiffswrack ein typisches Beispiel jener Zeit, als der Reiz des Reichtums stärker war als die Angst vor dem Untergang. Und es ist fast eine Ironie, dass einer der modernen Jäger nach Reichtümern, nämlich der südafrikanische Diamantenkonzern De Beers, nun das Wrack der Rohstoff-Sucher aus der alten Zeit gefunden hat. De Beers erforscht derzeit die Küste Namibias nach neuen Diamantenvorkommen – und schreckt dafür nicht zurück, mit künstlichen Dämmen Teile des Atlantiks trocken zu legen. Und kaum verschwand das Meer, so legte es einige Geheimnisse frei: Die Diamantensucher stießen auf Kupfer, und rasch wurde klar – hier könnte ein Schatzschiff geborgen worden sein. Über das Ende April frei gelegte Schiffswrack haben mittlerweile zahlreiche Medien weltweit berichtet (siehe zum Beispiel SPIEGEL ONLINE oder BBC).
“Auf so einen Fund habe ich 20 Jahre gewartet”, jubelt der von De Beers zur Untersuchung des Schiffs eingesetzte Archäologe Dieter Noli nun. Und wer will es ihm verdenken? Denn das Wrack von Namibia könnte sich wirklich als wahre Schatztruhe für die Forschung erweisen. Zumindest birgt es viele Geheimnisse, die noch geklärt werden müssen. So hat Noli bereits jetzt Spuren der Arbeit von Holzwürmern in den Schiffswänden konstatiert: Bereits zum Zeitpunkt des Untergangs muss das Boot also recht betagt gewesen sein. Als einziges nautisches Instrument konnte ein Astrolabium, ein relativ ungenauer Vorgänger des heutigen Sextanten, geborgen werden.
So spärlich die technische Ausrüstung war, so üppig fiel die restliche Fracht aus. Das Schiff war voll beladen mit Reichtümern, und das macht die ganze Geschichte so rätselhaft: Goldmünzen aus Spanien, weitere Gold- und Silbermünzen aus Portugal, sowie große Mengen an Elfenbein und Kupfer. Das Kupfer, so spekuliert Noli, könnte die portugiesische oder spanische Regierung bestellt haben, um Material für neue Kanonen zu besorgen. Elfenbein war ebenfalls ein Handelsgut, das vom Adel kontrolliert wurde. Aber warum dann die vielen Münzen? Damit hätte die Fracht doch eigentlich bezahlt werden können? War der Kapitän ein Pirat, oder ein besonders gerissener Händler?
All das hat ihm am Ende nichts genutzt. Vermutlich kenterte das so hoffnungslos überladene Boot im Sturm und versank dann in den Tiefen des Meeres – bis es von den Schatzsuchern der Moderne wieder ans Tageslicht befördert wurde.

Stürmisches Meer, winzige Boote: Bartolomeu Dias bei der Entdeckung des Kaps der Guten Hoffnung. Eine Illustration aus dem Jahre 1902. Quelle: Wikipedia
Nun beginnt also die Suche nach der wahren Identität des “Schatzschiffes von Namibia”. Vieles spricht dafür, dass es aus Portugal stammt – und wer weiß, vielleicht war es ja sogar das letzte Schiff von Bartolomeu Dias. Dias, der mit seiner Entdeckung des Kaps der Guten Hoffnung eigentlich der wahre Wegbereiter für die Seeroute nach Indien war, konnte diesen großen Erfolg persönlich nie so richtig für sich ausnutzen. Es war Vasco da Gama, der vom König damals auf die finale Entdeckungsmission des Seewegs nach Indien geschickt wurde, und nicht Bartolomeu Dias: Warum dies so war, ist bis heute unklar.
Und auch bei der weiteren Mission fuhr Bartolomeu Dias nur als “Beifahrer” und Kommandant eines kleineren Schiffes mit: Es war die Entdeckungsreise, die Pedro Álvares Cabral im Jahr 1500 mit einer großen Flotte an Karavellen anführte. Ziel war wiederum Indien gewesen, doch die Schiffe trieben nach Westen ab und entdeckten so durch Zufall Brasilien.
Später fuhr die Cabral-Flotte dann über den Südatlantik weiter, um später doch noch Indien zu erreichen. Doch nur die wenigsten mitfahrenden Karavellen erreichten letzendlich Asien, und auch das Schiff von Bartolomeu Dias sank bei schweren Stürmen am 23. Mai 1500 vor der Küste des südwestlichen Afrikas. Ob das nun gefundene Schiff das von Dias war, soll nun erforscht werden.
Die Forschungen könnten die vom Schatzschiff aufgeworfenen Fragen klären – Spanien und Portugal haben bereits ihre Mithilfe angekündigt. So könnte sich hier, knapp 8.000 Kilometer Luftlinie von Lissabon entfernt, endlich ein weiteres Puzzlestück für die Erforschung der portugiesischen Seefahrtsgeschichte hinzufügen lassen. Doch selbst, wenn das Geheimnis des Schatzschiffes von Namibia gelüftet werden sollte: Andere Rätsel bleiben bestehen. In Portugal findet zum Beispiel die These immer mehr Gehör, dass auch Christoph Kolumbus ein Portugiese war – der dann im spanischen Auftrage Amerika entdeckte. Wer weiß, ob das Meer eines Tages uns eine Antwort auf diese Frage aus der Tiefe der Geschichte an die Oberfläche zaubert.
Artikel erstellt unter Verwendung von Materialien aus Portugalnyt, dem führenden skandinavischen Portal zu Portugal: “Skat kan stamme fra portugisisk skib fra opdagelsestiden“.