Neue Touristen-Route an der Algarve: Auf der Suche nach dem besten Kork der Welt
Die Region um São Brás de Alportel in der Nähe von Faro rühmt sich, Herkunftsgebiet des “besten Korks der Welt zu sein”. Stimmt das? Besucher können sich jetzt von der besonderen Qualität des algarvianischen Korks überzeugen: Auf der neu eingerichteten “Rota da cortiça”, der Route des Korks. Entlang der Küstenlinie der Algarve hat die Urlaubsindustrie längst das Kommando übernommen – und drängt traditionelle Tätigkeiten wie etwa die Fischerei oder die Fischverarbeitung immer stärker in die Defensive. Anders hingegen im hügeligen Hinterland der Algarve: Hier lassen sich noch einige alte Fertigkeiten und traditionelle Handwerke finden.
So auch in São Brás de Alportel: Das 15 Kilometer nördlich von Faro gelegene 10.000-Einwohner-Städtchen ist auch heute noch ein Zentrum der portugiesischen Korkindustrie. Und nicht nur das: In den Eichenwäldern der angrenzenden Bergregion Serra do Caldeirão wird sogar der qualitativ “beste Kork der Welt” gewonnen.
Trotz einer langen Vorgeschichte, die bis in die Zeit der Mauren zurückreicht, hat erst der Kork die Stadt São Brás de Alportel groß gemacht. Vor allem die im späten 19. Jahrhundert entstehende korkverarbeitende Industrie ließ die Bevölkerungszahl des Ortes derart anschwellen, dass São Brás im Jahre 1914 als eigenständiger Landkreis (Concelho) von Faro abgespalten wurde.

Entrindete Korkeichen an der Algarve. Da die Korkgewinnung an einem Baum nur alle neun bis zwölf Jahre erfolgen kann, bezeichnet die Zahl auf den Bäumen das Jahr der letzten Bearbeitung. Foto: Simon Pow auf Flickr
In der Zwischenzeit musste die Korkindustrie der Gegend bereits einige Krisen überwinden. Und doch ist die Branche bis heute in der Region aktiv. Davon können sich Algarve-Reisende auf einer neu eingerichteten touristischen Route selbst überzeugen: Die “Rota da Cortiça” (Route des Korks) führt zu sechs verschiedenen Stationen, an denen Wissenswertes über die Gewinnung und Verarbeitung von Kork vermittelt wird.
Die Initiatoren des mit EU-Mitteln geförderten Projekts wollen nicht nur die Geschichte des Korkanbaus zeigen – sondern beweisen einen umfassenden Blick, der auch Kork als Naturprodukt, als innovativer Werkstoff und als Bestandteil des traditionellen ländlichen Lebens umfasst. Jede der sechs Stationen ist dementsprechend einem Oberthema zugeordnet: Historisches Erbe, Natur, Landleben, Tradition, Innovation und Wissen – all das wartet auf die Algarve-Touristen, die der Route des Korks nachspüren möchten.
Den Anfang macht ein Besuch im Museum von São Brás de Alportel, das einen separaten Ausstellungsbereich über Korkgewinnung und -nutzung anbietet: Mit der Ausstellung alter Maschinen zum Pressen und Trocknen des Korks erlaubt das Museum einen ersten Überblick zum traditionellen Werkstoff Kork.
So viel aber erst einmal zur Theorie – schon die zweite Station führt direkt hinein in die Serra do Caldeirão: Der Berggürtel, wo sich die guten Korkeichen befinden, die den Kork aus São Brás de Alportel weltweit berühmt gemacht haben. Hier, in der Abgeschiedenheit des Waldes, lassen sich die zum Teil entrindeten Korkeichen ansehen und anfassen. Die Station will außerdem Informationen bereithalten, wie eine Korkeiche fachmännisch entrindet und der gewonnene Kork dann gestapelt wird.
Zurück aus dem Wald bietet die dritte Station eine willkommene Erfrischung: Denn sie wendet sich kurz vom Thema Kork ab und führt zu den Dörfern des Barrocal inklusive dem Stopp an einer traditionellen Destille, die unter anderem den köstlichen Medronho (Schnaps aus Baumerdbeeren, den Medronhos) herstellt.
Karte der Stationen an der Kork-Route. Quelle: Rota da Cortiça
Tradition und Innovation sind die Oberthemen der vierten und fünften Station. Während die vierte Station zunächst zu einer Korkfabrik führt, die noch nach traditionellen Techniken arbeitet, zeigt Station Nummer fünf ein Unternehmen, das ganz auf moderne Produktionstechnologien setzt – und zum Beispiel die Korken für Champagner herstellt.
Die letzte Station ist für die meisten Tagestouristen wahrscheinlich weniger interessant: Vorgesehen ist hier der Besuch des “Centro de Recursos”, in dem es dann um schon fachlich sehr tiefe Debatten und Vorträge rund um den Korkanbau und die nachhaltige Bewirtschaftung der Korkeichen geht.
Doch ob mit fünf oder sechs Stationen: Interessant wird das Aufspüren des besten Korks der Welt auf der Rota da Cortiça allemal. Zumal sich diese Touristen-Route in eine ganze Reihe von Maßnahmen eingliedert, mit denen vor allem das Hinterland der Algarve sich auf den Weg zu mehr Qualitäts- und Kulturtourismus machen möchte. Ein anderes Beispiel für diese Projekte ist der Wanderweg Via Algarviana.
Mag das Leben an der Küste auch noch so laut toben: Hier, ein paar Kilometer nördlich, lassen sich noch viele Entdeckungen in einer faszinierenden Kulturlandschaft machen. Bis hin zum besten Kork der Welt.
Die Rota da Cortiça wird in den kommenden Wochen offiziell eröffnet. Dann wird auch eine Website mit weiterführenden Informationen zum Verlauf und den Stationen entlang der Strecke freigeschaltet. Bis dahin steht bereits eine Broschüre (auch in deutscher Sprache) zum Download bereit.

Mai 5th, 2008 um 6:52 pm
Es ist sehr schön, wenn man mit dem Wort “Algarve” nicht nur Strände und Hotelburgen verbinden kann.
Aber auch hier steht wohl touristische Vermarktung über allem!
Obgleich – ich als eingefleischter Alentéjo Fan finde immer noch dort die Korkeichen am Schönsten!!! Auch ohne touristische Vermarktung!!!
Mai 6th, 2008 um 7:59 am
Hallo Lisa,
Dass Hotelburgen in der Algarve nur einen wirklich kleinen Teil der Realität abbilden, weiß man, wenn man sich mal ein wenig mehr mit dem Landstrich auseinandersetzt.
Auch ich bin ein Kritiker von sinnlosem Hotelbauwahn und Küstenzugebaue: Aber diese pseudoromantische Sichtweise nervt mich ehrlich gesagt: Vom Tourismus leben dort eine ganze Menge Portugiesen. Und wenn man ein Geschäft betreibt, dann doch bitte professionell und dazu gehört auch die böse böse Vermarktungsmaschinerie.
Es lässt sich leicht verurteilen, wenn man – im Vergleich zu den Portugiesen, die in der Summe noch weit vom Anschluss an mitteleuropäischen Lebensstandard entfernt sind – im kuscheligen Nest sitzt.
Und aus Touri-Sicht: Es mag nun mal nicht jeder in seinem Urlaub mit der Entfernung auch gleich noch 50 Jahre zurückreisen. Was für dich ein toller Urlaub ist, ist für andere unvorstellbar. Ich kann mir deinen Urlaub vermutlich auch nicht als meinen vorstellen. Andererseits bekommt mich auch niemand mehr in ein “Hotel mit HP”. Aber für andere ist genau das die richtige Form der Entspannung.
Du glaubst hoffentlich nicht wirklich, der Alentejo würde auf “touristische Vermarktung” aus einer edlen Motivation heraus verzichten.
Gruß
Rainer
Mai 6th, 2008 um 10:01 am
Wer sich für die Korkgewinnung interessiert, sollte auf jeden Fall (auch) das Korkmuseum in Silves besuchen. Echt interessant !
Ob die Fabriken an der Route sich auf Touristenbesuch freuen, werde ich gelegentlich mal testen :=)
Gruss
Marlene
Mai 6th, 2008 um 12:14 pm
Hallo Rainer,
ich fliege nach Portugal NICHT um immer 50 Jahre zurückzureisen – und glaube mir, ich bin nicht realitätsfremd, weil ich nämlich meine Portugalaufenthalte NUR in einer portugiesischen Familie verbringe – und ob ich nun in einem kuscheligen Nest sitze – weißt du das??
Wie sagte schon der alter Fritz: “Es soll jeder nach seiner Façon selig werden.”
Was ich Dir zugestehe, das gestehe bitte auch mir zu!! Lasse mir also meine “pseudoromantische” Sichtweise – Du müßtest doch darüber stehen und nicht Dich davon nerven lassen – denn Du weißt es doch besser – siehe Dein Posting!!
Gruß Lisa
Mai 6th, 2008 um 12:41 pm
Moin,
ich beobachte in D einen Hang dazu aus der Ferne gern über andere zu richten. Kaum jemand macht sich die Mühe, dass mal aus der Perspektive der Leute die dort und davon leben zu sehen.
>und ob ich nun in einem kuscheligen Nest sitze – weißt du das??
Sicher kuscheliger als die Bauern im Alentejo oder die Kellner aus der Algarve, wenn du dir regelmäßige Reisen dorthin leisten kannst
>Wie sagte schon der alter Fritz: “Es soll jeder nach seiner Façon selig werden.”
Das kann ich unterstützen. Aber wenn das dein Motto ist, passen damit unreflektierte und polemische Kommentare wie “Aber auch hier steht wohl touristische Vermarktung über allem!” nicht zusammen.
>Du müßtest doch darüber stehen und nicht Dich davon nerven lassen
Ach, persönlich ficht mich das nicht an. Was mich nervt, ist dass man sich gerne und leicht über Dritte stellt, ohne deren Perspektive zu berücksichtigen.
Ich habe bewusst “man” gesagt, weil du hoffentlich insgeheim anders denkst
. Aber diese Aussagen laufen mir generell oft über den Weg. Und meist eignen wir uns, die wir ein-/zwei-/dreimal pro Jahr in den Urlaub fliegen, nicht als Moralapostel.
ciao
Rainer