Halb Lissabon ist eine Ebene: Mit dem Fahrrad in der Hauptstadt unterwegs
Noch gelten Fahrradfahrer in Lissabon als absolute Exoten. Das könnte sich bald ändern: Immer mehr Fahrräder erobern die Straßen der Hauptstadt. Und schon im nächsten Jahr will die Stadtverwaltung nach Pariser Vorbild alle sieben Hügel mit praktischen Leihrädern bestücken – zur Freude von Touristen wie Einheimischen.
Es war im Jahr 1895, als der 4. Conde von Avilez das erste auf portugiesischen Straßen verkehrende Auto erwarb. Das aus Paris importierte Modell der Marke Panhard-Levassor war für den Zoll in Lissabon so ungewöhnlich, dass zunächst geklärt werden musste, ob das Auto eine Land- oder Dampfmaschine sei.
Ähnlich exotisch wie die Lenker der ersten Automobile fühlt sich heute so manch ein Fahrradfahrer auf Portugals Straßen (wie bereits in diesem Blog berichtet wurde). Und das gilt ganz besonders in Lissabon: Die Stadt der sieben Hügel befindet sich seit Jahrzehnten fest in der Hand der Autos. Wer auch nur kleinere Distanzen mit dem Rad zurücklegen wollte, galt schnell als lebensmüde: Zu rücksichtslos und zu verstopft ist der Verkehr in der Hauptstadt.

Fahrräder statt Autos: Ein Graffiti an einer Lissaboner Hauswand. Foto: © Bunz auf Flickr
Doch das könnte sich bald ändern. Langsam aber sicher gewinnt das Radfahren auch in Lissabon an Tempo. Die ersten Pioniere sind bereits unterwegs. Einer von ihnen ist der junge Bauingenieur Paulo Guerra dos Santos, der im Rahmen eines Forschungsprojekts derzeit das Wagnis eingeht ist, sich 100 Tage nur mit dem Fahrrad in Lissabon fortzubewegen. Der Ingenieur will im Selbstversuch herausfinden, was noch alles für den Radverkehr getan werden muss.
Wie exotisch das Vorhaben Guerra dos Santos ist, beweist schon das rege Medieninteresse für sein Projekt “100 dias de bicicleta na cidade de Lisboa”. SIC, RTP, Antena 1, Público – allen größeren Zeitungen, Fernsehstationen und Radiosendern hat Paulo Guerra dos Santos bereits Interviews über sein Wagnis gegeben. Und auch in einem Internet-Blog führt er Tagebuch über seine Erlebnisse als Radfahrer in der Stadt.
Manchmal muten die Eintragungen fast rührend an: Akribisch trägt Paulo seine gefahrenen Distanzen ein und schildert Begegnungen mit ihm bereits bekannten Radfahrern. Immer wieder stößt er auch auf Probleme: Besonders moniert werden der schlechte Zustand des Straßenbelags, das Fehlen von Radwegen und sicheren Fahrradständern.
Andererseits ist Paulo Guerra dos Santos immer wieder überrascht, wie gut man sich in Lissabon heute schon mit dem Fahrrad von A nach B bewegen kann: Selbst die Auto- und Busfahrer seien höflicher als man meint.
Und mit noch einem Klischee räumt der Fahrrad-Blogger gleich auf: Dass es in Lissabon viel zu steil zum Fahrradfahren sei. “Halb Lissabon ist eine Ebene“, erklärte Paulo Guerra dos Santos im Público. Rund 37 Prozent der Fläche Lissabons sind ganz flach und bestens fürs Fahrrad geeignet. Ein weiteres Drittel von Lissabons Stadtgebiet weist Steigungen von bis zu zehn Prozent auf, die auch noch mit dem Rad zu bewältigen sind.
Es scheint, als ob langsam die Zeit reif ist, dass in Lissabon die Radfahrer ihr Terrain erobern. Nicht nur Einzelkämpfer wie Paulo Guerra dos Santos sind unterwegs: An jedem letzten Freitag im Monat treffen sich zum Beispiel mehrere Menschen zur “Massa Crítica“, um die Stadt gemeinsam mit dem Rad zu erkunden.

So einen Hügel herunterfahren kann ja auch mal Spaß machen. Aufnahme vom Lisboa Downtown-Rennen 2005. Foto: pedro prats auf Flickr
Den endgültigen Durchbruch fürs Fahrradfahren in der Hauptstadt könnte hingegen ein Projekt der Lissaboner Stadtverwaltung bringen: Sie plant bereits für das Jahr 2009 die Einführung eines Leihfahrradsystems, wie es schon in vielen anderen europäischen Städten (z.B. Paris oder Frankfurt) praktiziert wird. Derzeit laufen laut Público Vorstudien für ein solches System: Geplant ist, dass die Stadt Lissabon eine Konzession über 2.000 Fahrräder ausschreiben möchte, die über die auf den sieben Hügeln zum Verleih angeboten werden. Ob der Verleih komplett kostenlos oder gegen eine Gebühr erfolgen soll, ist noch unklar. Eins scheint aber sicher zu sein: Die Zukunft des Fahrrads hat in Lissabon gerade erst begonnen.
April 4th, 2008 um 11:02 am
Ich wage aber zu bezweifeln, dass das Radfahren für die Alfacinhas eine Alternative zum Auto oder öffentlichen Verkehrsmittel sein wird – höchstens eine Freizeitbeschäftigung.
Denn wenn ich die Damen und Herren in ihren tollen Outfits morgens in die Büros fahren sehe, kann ich sie mir nicht unbedingt so gestylt auf dem Fahrrad vorstellen.
Und die heiligen Kühe – wie de Fietsen in den Niederlanden – werden die Radfahrer in Lissabon sicher nicht werden!!
April 11th, 2008 um 12:22 am
Lisa, da hast du wohl recht
Für die wird es ja schon schwierig genug sein die Avenida da Liberdade hochzustrampeln – dann wird das ja nichts. Was ich übrigens auch noch für bedenklich halte (ist in Berlin aber genauso): Beispielsweise auf der Avenida da Índia hätte ich immer Angst in die Straßenbahnschienen zu fahren und dann umzufallen. Und bis die Câmara Municipal Radwege ausweist, steht der Flughafen in Alcochete schon längst und die TGV-Züge rasen über den Tejo nach Madrid…
April 11th, 2008 um 8:34 am
Ich wäre da etwas optimistischer. Paris wurde vor ein paar Jahren auch noch als absolut fahrrad-untauglich eingeschätzt: Rasende Autofahrer, gefährliche Behinderungen im Verkehr, kaum Fahrradwege.
Und heute? Tout Paris ist mit dem Vélo unterwegs. Das sollte doch auch im Klein-Paris Lisboa möglich sein…
Mai 7th, 2008 um 12:02 pm
Bei den portugiesischen Autofahrern sicherlich ein gefährliches Unterfangen!
Juli 25th, 2008 um 8:39 am
Hallo Gilberto,
danke fürs Linken auf mein Bild. Vor Verwendung hätte ich mir aber zumindest eine kurze Info gewünscht. Das Bild ist nämlich auch nicht CC sondern C All rights reserved.
Gruß,
Antje / bunz
Juli 28th, 2008 um 8:51 pm
Hallo,
danke für den netten Kontakt – und das Verständnis. Viel Erfolg für den Blog!
Grüße
Antje
Juli 30th, 2009 um 3:27 am
[...] ONLINE – Nachrichten – Reise Dann habe ich mal gegoogelt, obs Neuigkeiten aus Lissabon gibt: Halb Lissabon ist eine Ebene: Mit dem Fahrrad in der Hauptstadt unterwegs | portugalmania.de Radfahren ist in Portugal noch immer ein Abenteuer | portugalmania.de Muss sagen, dass sich [...]
August 21st, 2009 um 10:37 pm
Ein Anfang wurde ja bereits gemacht und zwar ein neuer Radweg von Cais de sondres nach Belem – 7 km Radweg…hat einer eine Idee, wo es in Lissabon Räder zum leihen gibt?