Espuma. Die Fortsetzungs-Geschichte (2): Hinter dem Brunnen
Was bisher geschah: Seltsame Schaumströme fließen die Hügel Lissabons hinunter. Der Erzähler dieser (Fortsetzungs-)Geschichte macht sich auf die Suche nach dem Ursprung des merkwürdigen Schaums und gelangt zu einer großen Menschenansammlung am Fuße der Burg Lissabons…
Das musste die Quelle des merkwürdigen Schaums sein, dachte ich. Und tatsächlich, was ich hier oben sah, hatte ich mein Lebtag noch nicht gesehen. Alle Schaulustigen standen versammelt um einen der kleinen Brunnen, wie man sie an so vielen Straßenecken Lissabons findet. Die Brünnchen, schlicht in der Form ihrer Becken und in ihrem Material, sind stille Diener, die durstige Passanten an warmen Sommertagen mit ein paar Spritzern erfrischenden Wassers versorgen. Und damit diese freundlichen Wasserspender nicht zum Badeort von Tauben oder anderen Tieren werden, muss zunächst mit der Hand einen kleiner Hebel umgelegt werden, damit eine gluckernde Fontäne klaren Wassers freigegeben wird.
Und auch hier oben am Fuße der Burg stand ein solcher Brunnen – und ich muss zugeben, trotz vieler Spaziergänge hier hatte ich ihn nie so recht bemerkt. Und doch war dieser ach so normale, unscheinbare Brunnen etwas Besonderes: Denn er war die Quelle des Schaums, der sich über so viele Straßen Lissabons erstreckte. Beständig und unbezwingbar quoll aus seinem Becken der weiße Schaum, der sich dann einen Weg hinunter auf das Straßenpflaster bahnte und über Abflüsse und Ritzen seinen Weg in die Alfama fand.
So, wie am Anfang eines großen Stroms auch kleine Quellen stehen, so war die Ursache für Lissabons Schaumteppich auf den ersten Blick ganz unscheinbar. Und ließ sich andererseits kaum stoppen. Wie mir einer der Feuerwehrmänner erklärte, hätten sie zu Beginn versucht, den Ausstoß aus dem Becken mit einem simplen Stöpsel aufzuhalten. Doch dieser sei sofort wieder in die Luft gehüpft, bezwungen vom Druck des nachrückenden Schaums. Und auch alle rabiateren Mittel hätten nichts geholfen, pois, so etwas habe er noch nicht erlebt.
Nur wenige Meter neben uns fing eine junge Reporterin an, aufgeregt in ihr Mikrofon zu schnattern. Anscheinend flimmerte sie gerade mit der Sensations-Nachricht über alle Bildschirme Portugals. “Wie die Behörden versichern, ist der Schaum absolut nicht gesundheitsgefährdend”, berichtete die Reporterin mit weit aufgerissenen Augen. Danach wartete sie ein paar Sekunden, anscheinend stellte ihr jemand in einem fernen Studio eine Frage, die direkt in ihren Ohrstöpsel übertragen wurde. Denn nach der kurzen Schweigepause redete die Reporterin gleich weiter, in fast ähnlicher Geschwindigkeit wie die Schaumströme: “Natürlich hat die Lissaboner Feuerwehr alles unter Kontrolle. Nachdem erste Versuche, den Schaum zu stoppen, scheiterten, versucht man nun, die Leitung des Brunnens zu kappen.” Damit ging der vor ihr stehende Kameramann ein paar Schritte zur Seite und filmte in ein offenes Gulliloch, in dem sich offenbar ein Feuerwehrmann zu schaffen machte.
Nur zu gerne hätte ich auch ein Blick in das Loch geworfen. Doch dem stand ein rotes Absperrband entgegen, und außerdem wurde just in diesem Augenblick meine Aufmerksamkeit jäh abgelenkt. Ich weiß nicht, was meinen Blick in die hintere Ecke des kleinen Platzes hier oben lenkte – war es eine spontane Bewegung, eine tanzender Lichtpunkt, oder nur ein Stück Intuition? Jedenfalls sah ich dort hinten, wo unter den schattenspendenden Bäumen ein paar alte Frauen saßen, eine seltsam verhuschte Person auf dem Boden kriechen.
Beim näheren Hinsehen erwies sich dieses Wesen als eine Frau, umhüllt mit einem weiten, dunklen Kleid. Eine Frau mit unbestimmbaren Alter: Unter einem eher lose um den Kopf gebundenen Tuch lugten ein paar schwarze Haarstränen hervor, das fein geschnittene Gesicht noch faltenlos, und doch schienen die warmen, braunen Augen auch ein Stück Erfahrung auszudrücken.
In ihrem schwarzen Kleid hockte die Frau hinter einer Parkbank und bewegte sich wie eine Pflanzenforscherin, auf der Suche nach einem ganz seltenen Exemplar einer winzigen Blumenart. Und in der Tat, sie hätte Botanikerin sein können: In der Hand hatte die Frau eine Lupe. Die vermeintliche Forscherin schien versunken in ihrer Suche zu sein, völlig unbeeindruckt vom Treiben in ihrer nächsten Umgebung.
Ich rückte ein wenig näher an sie heran. Während ihrer Suche murmelte die Frau einige Worte. Und nun, kurz vor der Wurzel eines alten Kastanienbaumes, hielt die Frau inne: “Hier ist also des Rätsels Lösung”, hörte ich sie nun murmeln, und dann noch deutlicher: “Wie immer liegt alles in der Vergangenheit.”
Fortsetzung folgt. Sachdienliche Hinweise von Seiten der Leser sind wie immer willkommen.