Shopping-Center statt Mercado: Ungewisse Zukunft für Portos historischen Bolhão-Markt
Egal, wie hektisch das Treiben in der Stadt auch sein mag – innerhalb der Mauern des Mercado do Bolhão in Porto geht alles seinen gewohnten Gang. Händler bieten ihre frischen Waren an, Kundinnen prüfen das Angebot mit kritischem Blick – und für ein Schwätzchen bleibt auch immer ein wenig Zeit. Doch diese Welt des traditionellen Handels ist in Gefahr: Geht es nach dem Willen der Stadtverwaltung, wird aus der einzigartigen Markthalle ein banales Shopping-Center.
Mitten in Porto steht eine herrschaftliche Trutzburg des Handels, ein wahrer Palast der Frische: Der Mercado do Bolhão strahlt mit seiner neo-klassizistischen Fassade schon nach außen hin seine Besonderheit aus. Und in der Tat ist die Bedeutung des Marktes nicht zu unterschätzen: Das Gebäude, konzipiert vom Architekten António Correia da Silva, entstand während der Zeit des Ersten Weltkriegs von 1914 bis 1917. Eine Zeit, die auch für Portugal mit politischen Unsicherheiten verbunden war – und in der der Mercado do Bolhão speziell dazu bestimmt wurde, die Versorgung der Einwohner Portos mit Lebensmitteln jederzeit zu sichern.
Heute, in Zeiten der Supermärkte und Mega-Kaufhäuser, sieht die Welt zwar ein wenig anders aus. Und doch ist der Mercado do Bolhão immer noch so etwas wie der “Bauch von Porto” geblieben. Auf zwei Stockwerken – im offenen Innenhof und auf den Galerien im Obergeschoss – bieten Dutzende Händler das Frischeste an, was auf den Feldern rund um Porto geerntet wurde. Dazu noch allerhand anderes: Blumen, Fleisch, Fisch, ja, selbst lebende Tiere werden hier noch gehandelt.
Ein Spaziergang durch den Mercado do Bolhão (wie zum Beispiel in dieser Fotogalerie des Público) ist eine wahre Reise für die Sinne: Wer die Augen schließt, hört nur noch das leise Gemurmel der Händler, nimmt die Gerüche der Lebensmittel wahr – eine von festen Mauern geschützte Welt.

Alles, was der Bauch begehrt: Der Mercado do Bolhão in Porto. Foto: danielel auf Flickr
Doch die Mauern des Bolhão sind brüchig geworden. Jahrzehntelang hat Porto zu wenig Geld in den historischen Markt gesteckt – und das hatte Folgen: Ein im Auftrag der Stadtverwaltung erstelltes Gutachten deckte zahllose Baumängel im Mercado do Bolhão auf. Risse in den Mauern, veraltete Infrastruktur, zum Teil besteht sogar Einsturzgefahr – das seit 2006 unter Denkmalschutz stehenden Gebäude muss dringend renoviert werden.
Und nun geht’s los: Stolz präsentierte Portos Bürgermeister Rui Rio Anfang des Jahres den Vertrag mit der holländischen Firma Tramcrone für eine Total-Renovierung des Bolhão-Marktes. Und auf dem Papier sehen die Pläne famos aus: “Der neue Bolhão wird modern und funktional sein, aber auch die alten, emblematischen Strukturen erhalten”, heißt es von Seiten der Stadtverwaltung. Tramcrone wird rund 50 Millionen Euro in die Sanierung stecken – später wird die Stadtverwaltung mit dem Markt dann also “Geld verdienen statt welches auszugeben”, wie Rui Rio sich selbst bereits für diese Großtat beglückwünschte. Bei baldigem Baubeginn könnte der frisch renovierte Mercado do Bolhão schon zu Weihnachten 2009 seine Tore öffnen.
Die Besucher würden sich aber gehörig die Augen reiben, was dann aus dem historischen Mercado do Bolhão geworden ist: Ein stinknormales Shopping-Center. Denn genau das sind die Pläne, die Stadt und Investor mit dem Mercado do Bolhão haben. Folgt man den ersten Zeichnungen wird der Innenbereich komplett entkernt – und durch die übliche Center-Einrichtung aus Glas, Metall und bunten Fußböden ersetzt.
“Anker-Geschäfte” wie zum Beispiel ein großer Supermarkt werden den Mercado do Bolhão künftig beherrschen, eine Reihe von Restaurants (womöglich sogar mit einem McDonalds?) das Atrium bevölkern. Bei so viel Druck des Kapitals müssen die traditionellen Markthändler in den zweiten Stock weichen – unter offenem Dach, mit separatem Eingang scheinen sie eher nur noch geduldet als die eigentlichen Herren im Haus zu sein.

Ein Markt, der zum Center wurde: Die Pläne für den Mercado do Bolhão. Zeichnung: Jornalismo Porto Net
Heute, selbst in seinem derangierten Zustand, strahlt der Mercado noch die alte Bedeutung aus. Als Einkaufszentrum würde seine lange Historie jedoch nur noch zur schmückenden Außenmauer dienen. Markthändler und viele Einwohner Portos sind deshalb entsetzt, wie mit dem Bolhão umgegangen wird. Und obwohl die Verträge für den Umbau längst unterschrieben sind, regt sich nun massiver Protest in der Bevölkerung.
Bürgerinitiativen demonstrieren gemeinsam mit den traditionellen Händlern für eine Renovierung des Bolhão – aber gegen eine Banalisierung des Ortes zum Shopping-Center. Der Protest trägt sogar bis nach Lissabon: Dort wurden dem Nationalparlament Ende Februar rund 50.000 Unterschriften gegen den Umbau der Markthalle übergeben. Auch im Internet regt sich der Widerstand: Vor allem der von drei Studenten gestartete Blog Manifesto Bolhão informiert regelmäßig über anstehende Aktionen zur Erhaltung des Mercado do Bolhão.
Der geplante Umbau ist schließlich auch nicht ohne Alternative. Bereits Ende der 90er Jahre entwickelte der Architekt Joaquim Massena Pläne für eine sanftere Renovierung des Marktes. Dieser Vorschlag wurde sogar von der Stadtverwaltung beschlossen, doch der später an die Macht gekommene Bürgermeister Rui Rio kippte die Vorhaben dann wieder zugunsten der neuen Center-Pläne. Die Kosten des Massena-Projekts wurden damals mit umgerechnet rund 13 Millionen Euro (2.500.000.000 Escudos) beziffert – deutlich günstiger also als die Kosten für den nun anvisierten Groß-Umbau. Der Nachteil hier: Dieses Geld hätte dann die Stadt Porto selbst aufbringen müssen, während nun der private Investor die Kosten übernimmt. Nun gibt die Stadt aber die Hoheit über das Grundstück für 50 Jahre vertraglich an Tramcrone ab, erhält dafür regelmäßige Gewinnbeteiligungen aus den Mieteinnahmen.
Manchmal zahlt man eben auch für scheinbar gewinnbringende Geschenke von reichen Investoren einen hohen Preis.
Unterschriftenliste gegen die Umbaupläne des Mercado do Bolhão im Internet bei Petition Online
März 17th, 2008 um 12:19 am
Aber kennen wir das nicht von Portugal?
Es ist doch auch traurig, wenn viele der alten Häuser mit wunderschönen Azulejos verfallen.
Mußte Porto nicht erst Kulturhauptstadt werden, damit an der Ribeira Sanierungsarbeiten anfingen??
Aber mit EU Geldern im Alentejo Zäune ziehen und jetzt sogar im Monchique eine Formel 1 Rennstrecke bauen.
Manchmal finde ich das Alles einfach unverständlich!
Dezember 22nd, 2008 um 11:40 pm
Ich habe tolle Bilder von Porto auch vom Markt ins Net gestellt LINK:
fotowelt.chip.de/meine_bilder/kaichie