Neues Leben für die Baixa: Vier Großprojekte geplant
Nach dem Erdbeben von 1755 war Lissabons Unterstadt, die Baixa, das Symbol für Wiederaufbau und Wiederaufstieg der Kapitale. Über Jahrhunderte hinweg das unangefochtene Geschäfts- und Machtzentrum der Stadt, befindet sich die Baixa seit einiger Zeit aber in einem Selbstfindungsprozess. Büros und Läden sind an die Peripherie der Stadt gezogen – geblieben sind die Touristen. Geht es nach dem Willen des Bürgermeisters, sollen sie bald zwei neue Museen in der Baixa vorfinden – und über sechs Aufzüge bis hinauf zur Burg schweben können.
Was tun mit der Baixa? Das einst so strahlende Geschäftszentrum Lissabons hat in den vergangenen Jahrzehnten arg an Glanz eingebüßt. Und während Touristen noch immer durch die – von immer mehr internationalen Handelsketten besetzten – Straßen der Unterstadt schlendern, haben andere längst das Weite gesucht: Büros und Banken sind in glitzernde Türme am Stadtrand gezogen, und auch die Zahl der hier lebenden Menschen ging drastisch zurück.
Der Zahn der Zeit hat der Baixa doch recht stark zugesetzt. Rund 65 Prozent aller Gebäude in der Unterstadt sind renovierungsbedürftig, schätzt Lissabons Stadtplaner Manuel Salgado – dies entspreche einer bebauten Fläche von 14,4 Millionen Quadratmetern.

photo credit: Supermariolxpt
Mit einem groß angelegten Aktionsplan will die Stadt Lissabon nun ihrem Zentrum neues Leben einhauchen. Vorrangiges Ziel ist es, die Menschen wieder dazu begeistern, in der Innenstadt zu wohnen. Und auch den Touristen soll mehr geboten werden als die eintönige Aneinanderreihung der Filialen von H&M, Zara & Co.
Bis zum Jahr 2020 will Bürgermeister Antonio Costa mehr als 700 Millionen Euro in die Wiederherrichtung der Baixa pumpen – ein gigantisches Wiederaufprogramm, das schon fast an den Kraftakt des Wiederaufbaus Lissabons nach dem Erdbeben von 1755 erinnert. Mehr als zwei Drittel dieser Summe soll durch private Investoren bestritten werden – ein reduzierter Mehrwertsteuersatz auf dem Gebiet der Baixa könnte hier als Lockmittel wirken.
Das meiste Geld dürfte in die Sanierung der Bausubstanz fließen. Und außerdem hat der Stadtrat in seiner letzten Sitzung beschlossen, vier besonders dringliche Großprojekte vorzuziehen. Dabei handelt es sich um den Bau eines Aufzugs zur Burg, die Einrichtung von zwei neuen Museen in der Baixa und dem Anlegen eines neuen Parks am Carmo-Kloster.
Gerade der Bau eines Aufzugs von der Unterstadt bis zur Burg ist seit Jahren hochumstritten. Noch im Jahr 2001 sorgte der damalige Bürgermeister João Soares für Aufregung, als er Pläne für einen gigantomanischen Lift zum Castelo vorstellte, der die sanfte Silhouette Lissabons hart durchkreuzt hätte.
Nun ist das Thema Castelo-Aufzug zurück: Die neuen Pläne seien jedoch, so beteuert Manuel Salgado, weitaus bescheidener. Nach Medienberichten plant die Stadt nun eine Folge von sechs Aufzügen und Rolltreppen, um den Aufstieg zur Burg künftig zu erleichtern. Einstiegspunkt wird die Rua dos Fanqueiros sein – von dort geht es über die Rua da Madalena und dem Mercado Chão de Loureiro hinauf bis zur Costa do Castelo.

Bald ein Aufzug zur Burg? Dies wäre ein Bestandteil des Plans zur Revitalisierung der Baixa
Foto: jamesg auf Flickr
Ein schöner Plan – wäre da nicht das Unbehagen, das einen bei der Vorstellung von öffentlichen Aufzügen in Großstädten beschleicht. Vandalismus ist auch in Lissabon ein gut bekanntes Problem: Schnell könnten sich die Elevadores zur Burg in eine verschmutzte, selten funktionierende Investitionsruine verwandeln. Wäre hier nicht vielleicht die Einrichtung einer neuen Standseilbahn vorteilhafter gewesen? Die Frage des Aufzugs wird die Lissaboner Stadtpolitik wahrscheinlich auch über die nächsten Jahre hinweg begleiten.
Unstrittiger sind die weiteren Projekte. So soll der ehemalige Sitz der Banco Nacional Ultramarino nahe dem Praça do Comércio die neue Heimat für das aus dem Centro Cultural de Belém verbannte Design-Museum werden.
Und in die einstige Kirche São Julião nahe der Rua de Ouro zieht das Museum der Nationalbank ein. Ein Ausstellungshaus für den Mammon in einer Kirche? Ein seltsamer Gedanke – doch schlimmer, als mit der in den 30er Jahren entweihten Kirche São Julião heute umgegangen wird, kann es eigentlich nicht mehr kommen. Spötter nennen die Kirche schon lange Nossa Senhora dos Mercedes: Denn der ehemalige Kirchenraum wird von der Nationalbank als Garage genutzt, wie auch dieser Filmbeitrag von SIC Notícias zeigt. Die Banco de Portugal hat sich nun ein Herz gefasst und will São Julião nun zum repräsentativen Haupteingang ihres Stammhauses umgestalten und dort auch ihr Museum unterbringen.

Museumsbesucher statt Autos: Heute dient die einstige Igreja de São Julião noch als Garage der Nationalbank. Bild: SIC Notícias
Und schließlich, Projekt Nummer Vier, sollen nahe den Ruinen des Carmo-Klosters noch einige alte und illegal errichtete Polizei-Barracken abgerissen werden, an deren Stelle ein Park treten soll – sicher ein unstrittiger Vorschlag.
Jedes dieser Vorhaben ist sicher ein Gewinn für die Baixa. Doch der Erfolg des gesamten Plans dürfte letztendlich weniger von diesen kostspieligen “Leuchttürmen” abhängen als vom Umsetzen eines durchdachten Gesamtkonzepts. Darauf weist seit Jahren die Bürgerinitiative Cidadania LX hin – und fordert dafür auch ein entschlosseneres Handeln zur Verkehrsberuhigung der Baixa.
Immerhin – die Stadtverwaltung scheint begriffen zu haben, dass die Lage ernst ist. Das zeigt schon die geografische Eingrenzung des Aktionsplanes: Er umfasst exakt das Gebiet, das 1755 durch das Erdbeben zerstört wurde. Wir werden sehen, ob Bürgermeister Antonio Costa sich als neuer Marquês de Pombal erweist, der vor 250 Jahren für den ersten Wiederaufbau der Baixa sorgte.
März 21st, 2008 um 11:57 am
http://www.inst.at/trans/14Nr/scholl14.htm
sagt alles!!
März 27th, 2008 um 11:51 pm
Freunde der Baixa haben nun einen neuen Blog ins Leben gerufen, auf dem regelmäßig über die Entwicklungen aus Lissabons Innenstadt berichtet werden soll:
http://observatoriobaixa.blogspot.com/
April 1st, 2008 um 8:04 pm
Schön, diesen blog gefunden zu haben. Ich werde demnächst Mitglied des ‘observatório da Baixa’ sein.
Was die für den Martim Moniz-Platz vorhaben, ist ¨berhaupt nicht schön.
Bis demnächst