Gehen oder bleiben? Noch immer eine Frage für viele Portugiesen
Rund eine viertel Million Ausländer lebt mittlerweile in Portugal, allen voran die vielen “neuen” Arbeiter aus Osteuropa. Doch ein Einwandererland ist Portugal dadurch nicht geworden – im Gegenteil. Mehr als eine Million Portugiesen leben derzeit im Ausland. Und eine neue Welle der Emigration hat gerade erst eingesetzt, wie aktuelle Untersuchungen zeigen.
Soll ich gehen oder bleiben? Ganze Generationen von Portugiesen haben sich immer wieder diese Frage gestellt. Und Hunderttausende entschieden sich in den letzten Jahrzehnten für die Ferne: Mittlerweile leben 1.049.500 Portugiesen außerhalb der Landesgrenzen. Damit stelle Portugal die weltweit siebtgrößte Emigrantengemeinde, ermittelte eine neue Untersuchung der Universidade Lusófona.
Und die Zahl der Auswanderer nimmt Jahr für Jahr zu. Helena Rato, Forscherin am Instituto Nacional de Administração, spricht sogar von einer neuen Welle der Emigration: “Pro Jahr kommen auf 15 Einwanderer nach Portugal rund 100 Portugiesen, die ihr Land verlassen”.
Es sind vor allem die jungen, gut ausgebildeten Menschen, die derzeit Portugal den Rücken kehren. Sie finden in ihrer Heimat, wenn überhaupt, nur unterbezahlte Jobs. Ganz anders dagegen in den boomenden Wirtschaften Großbritanniens, Spaniens oder der Schweiz, die den qualifizierten Einwanderern aus Portugal mehr Chancen bieten.
Allein im vergangenen Jahr verließen mehr als 17.000 Portugiesen ihr Land, um fernab der Grenzen ihr Glück zu suchen. Beliebtestes Ziel war Frankreich (7.399 Einwanderer), gefolgt von der Schweiz (4.785), Großbritannien (3.893) und Deutschland (2.398).
Doch die Zahlen sind nur Näherungswerte – und erscheinen allesamt eher zu niedrig angesetzt zu sein. Seitdem das nationale Statistikinstitut im Jahr 2002 die Zählung der Emigranten einstellte, tappen Politiker und Forscher über die tatsächliche Lage der Auswanderung im Dunkeln. Eine Ahnungslosigkeit, von der viele glauben, dass sie der Regierung nicht allzu ungelegen kam: “Weder gibt es eine aktuelle Zählung, noch gibt es jegliches Interesse an einer solchen Zählung, denn das wäre für die politische Einschätzung der Regierung nicht förderlich”, mutmaßt zum Beispiel der in London portugiesische Einwanderer betreuende Pfarrer Pedro Rodrigues gegenüber der Wochenzeitung Sol. Und im gleichen Blatt bestätigt ihn Mafalda Durão Ferreira, die ehemalige Chefin der Konsularbehörde Portugals: “Das Fehlen von Daten erleichterte das Schweigen über eine ungeliebte Tatsache: Die Portugiesen wanderten weiterhin aus und tun es heute noch.”
Ebenfalls ungern geredet wird über die wirtschaftliche Bedeutung, die Transfer-Überweisungen von im Ausland lebenden Portugiesen heute noch haben. Nach Schätzungen von Mafalda Durão Ferreira flossen im Jahr 2007 etwa 7,3 Millionen Euro zurück nach Portugal – und zwar pro Tag. Macht über’s Jahr gerechnet eine Summe von 2,6 Billionen Euro – immerhin gut drei Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes Portugals.
Doch die Emigranten stützen nicht nur die Wirtschaft ihres Heimatlandes, sie könnten sogar zu ihrem weltweiten Wachstum beitragen. Davon zeigt sich zumindest der für die im Ausland lebenden Portugiesen zuständige Staatssekretär Antonio Braga überzeugt: Die Emigranten seien wichtige Multiplikatoren für die Kultur und Wirtschaft Portugals. Sie könnten deshalb auch der portugiesischen Wirtschaft bei ihrer weltweiten Expansion helfen.
Vielleicht auch aus diesem Grund will sich die Regierung nun dem Thema Auswanderung wieder stärker annehmen. Im April soll ein “Observatorium zur Emigration” (Observatorio da Emigração) eingerichtet werden, das auch Untersuchungen zu Motiven und zum Heimatbezug der Auswanderer durchführen soll.