Der Lieblings-Strand der Lissaboner schrumpft: Das Meer nagt an der Costa da Caparica
An schönen Sommerwochenenden gibt es für die Lissaboner kein Halten mehr: Mit Auto, Schiff oder Bus bewegen sie sich in Scharen hinüber zur anderen Tejoseite und belagern die dort liegenden weitläufigen Strände der Costa da Caparica. Doch die Küstenlinie im Bezirk Almada ist in Gefahr: Vor allem im Winter nagt sich das Meer einige Meter von der Küste ab – und der Klimawandel könnte den Prozess sogar noch weiter beschleunigen.
Fällt sie oder nicht? Die Pé Nú-Strandbar an der Costa da Caparica durfte sich vor einigen Wochen eines ungeahnten Medieninteresses erfreuen. Nicht die gastronomische Qualität des beliebten Nachtreffs am Strand von São João war das Thema, sondern der drohende Absturz der gefährlich nah an der Küstenlinie gebauten Strandbar. Hohe Wellen hatten Anfang März immer weitere Teile des Strandes abgenagt, so dass die etwas höher auf einem Felsabhang gebaute Bar fast ins Rutschen geraten wäre. Nur mit Mühe und Not konnten technische Nothelfer die Baracke vor dem Verfall retten.
Die Pé Nú-Bar ist kein Einzelfall. Mittlerweile bedrohen Sturmfluten und hohe Wellengänge in fast jedem Winter die Strandbars und küstennahen Gebäude entlang der Costa da Caparica. Besonders hart traf es den Lieblingsstrand der Lissaboner im vergangenen Jahr: Damals überschwemmten riesige Flutwellen einen direkt am Strand gelegenen Campingplatz.
Eine Bar zum Abstürzen: Nachrichtenbeitrag über die Bar Pé Nú an der Costa da Caparica.
Und genau, wie die Überschwemmungen und Landverluste bald zum winterlichen Ritual an der Costa da Caparica dazugehören, so werden auch die lauten Forderungen der betroffenen Bewohner und Unternehmer nach besseren Küstenschutzmaßnahmen fast zur Routine. Dabei haben die zuständigen Behörden in den letzten Jahren schon einiges versucht, um die Erosion an den Stränden in den Griff zu bekommen.
Mit Hilfe des EU-Förderprogramms Costa Polis werden durchgängige Dünenlinien angelegt, um die Küste auf natürliche Art und Weise zu befestigen. Direkt an den Stränden sollen Buhnen den Verlust an fortgespültem Sand gering halten. Und viele der zu nah an der Küstenlinie gebauten Bars werden derzeit in sicherere Gefilde ein paar Meter weiter umgesiedelt – so auch die Pé Nú-Bar. Hier stacheln die Verzögerungen bei den Neubauten die betroffenen Wirte zu großen Wehklagen an.

Paradiesisch schön: Doch auch das Meer fordert seinen Anteil an der Costa da Caparica. Foto:
Gusty auf Flickr
Doch unter Fachleuten ist es umstritten, ob die gegenwärtigen Küstenschutzmaßnahmen ausreichen – und in wieweit sich die natürlichen Gesetze von Erosion und Sedimenation überhaupt künstlich beeinflussen lassen. Der Ingenieur Fernando Veloso Gomes, der die Küstenschutzprojekte an der Costa da Caparica projektierte, beklagte sich erst im November letzten Jahres, dass nur ein Sechstel der vorgesehenen Menge von künstlich aufgeschüttetem Sand an den Stränden von Caparica ausgebracht wurde. Und weiter: “Was mich besonders schockiert ist, dass man bereits seit 40 Jahren von der künstlichen Sandaufschüttung der Costa da Caparica mit Sand aus dem Hafen von Setúbal redet.”
In der Tat konnten sich in den letzten vier Jahrzehnten die Bewohner und Besucher der Costa da Caparica in einer trügerischen Sicherheit wiegen. Nicht zuletzt einige Küstenschutzmaßnahmen aus den 60er Jahren konnten bislang größere Landverluste verhindern. In den 90er Jahren wurden an den Stränden zwischen Lissabon und Setúbal sogar Sand abgetragen, um das Expo-Gelände in Lissabon aufzuschütten.

Tagesausklang an der Costa da Caparica: Zahlreiche Buhnen sollen die Küste vor Erosion schützen. Foto:
Gustty auf Flickr
Diese goldenen Jahre ließen anscheinend die Feinfühligkeit beim Umgang mit der Küste schwinden. Entlang der Costa da Caparica schossen endlose Siedlungen mit Hotelbauten in die Höhe, immer dichter wurden die Bebauungen und immer näher rückten die verschiedensten Einrichtungen an die Strände heran – und das macht nun anfällig gegen die Kräfte des Meeres.
Die Costa da Caparica und die nördlich gelegene Cova do Vapor sind seit Urzeiten dem Kommen und Gehen der Erosion ausgesetzt. Während die aus südlicher Richtung anrollenden Meereswellen immer wieder an der Küstenlinie nagen, sorgen die aus der Tejomündung ausgespülten Sedimente wiederum für eine Befestigung des Landes. Beide Kräfte, die der Zerstörung und der Stabilisierung, fanden ihr Gleichgewicht – das aber immer wieder mit Unterbrechungen.
Vor allem Regulierungsarbeiten an der Tejomündung, die in von den 20er bis in die 50er Jahre hinein vorgenommen wurden, zeigten dramatische Auswirkungen: Die Sedimentzufuhr zur Cova do Vapor und zur Costa da Caparica nahm rapide ab, was wiederum zu einer deutlichen Verkleinerung der Strände führte. Ein Vergleich historischer Aufnahmen, wie sie die beiden Forscher Fernando Veloso Gomes und Francisco Taveira Pinto von der Universität Porto in ihrer aufschlussreichen Untersuchung zur Erosion an den Küsten südlich von Lissabon vornehmen, veranschaulicht das Ausmaß des Landverlustes auf plastische Weise.

Die Küstenlinie der Costa da Caparica heute (Quelle: Google Maps) und der Verlauf im Jahr 1870 (gelbe Linie; eigene Darstellung basierend auf Gomes/Pinto: Eurosion Case Study – Cova do Vapor, Costa da Caparica
Nun, wo die Erosion wieder die Oberhand gewinnt, rächt sich der allzu sorglose Umgang mit der Küste, wie er in den letzten Jahrzehnten gepflegt wurde. Und trotz aller Küstenschutzmaßnahmen, trotz aller Verlagerungen von Bars und Campingplätzen: Die Probleme dürften in Zukunft noch größer werden. Alle gängigen Studien zum Klimaschutz gehen aufgrund der globalen Erwärmung von einem weltweiten Anstieg des Meeresspiegels aus. In Portugal dürften dieser nach Berechnungen des WWF bis zu zehn Zentimeter pro Jahrzehnt betragen. Eine Zahl, die niedrig erscheint – aber die dennoch gerade für die Costa da Caparica Bedrohungspotenzial aufweist.
Denn die unter Klimaforschern gängige “Brun’sche Regel” besagt, dass mit jedem Meter Anstieg des Meeresspiegels eine 50 bis 100 Meter breite Küstenlinie verschwindet. Übertragen auf die Costa da Caparica würde dies bedeuten, dass von den heutigen Stränden schon in ein paar Jahrzehnten nicht mehr viel übrig sein könnte. Und noch mehr: Denn die von Erholungssuchende so geliebten Sandstrände der Costa da Caparica übernehmen auch eine natürliche Schutzfunktion: Sie schirmen die geologisch nicht allzu stabile aus Anschwemmungen und Fossilien bestehende Felsformation im Hinterland vor weiteren Abtragungen ab.
Was also tun? Noch begnügen sich Stadt- und Regionalverwaltung mit eher kosmetischen Maßnahmen. Nötig wäre dagegen eine Anpassung der Küstenschutzprogramme an die Herausforderungen des Klimaschutzes. Doch Portugals Umweltminister Nunes Correia beschwichtigt derzeit lieber: “Sturmfluten gibt es immer wieder, wir müssen mit ihnen leben.” In zehn, zwanzig Jahren könnte er dann ergänzen: Auch mit dem Klimawandel müssen wir leben. Mal sehen, wie dann die Costa da Caparica aussehen wird.
März 29th, 2008 um 9:14 pm
Von der Costa da Caparica habe ich leider keine alten Fotos, dafür aber von Carcavelos – und da sieht es mitnichten anders aus.
Dem Klimawandel diese Veränderung zuzuschreiben – dem kann ich nur zustimmen.
Ich habe diese Veränderungen zwar nur über 42 Jahre beobachten können – aber schon diesen Zeitraum finde ich mehr als ausreichend für diese gravierenden Strandverkleinerungen.