Amadeo de Souza-Cardoso: Wanderer zwischen den Stilen, Pionier der modernen Kunst
Er war ein Pionier der Malerei des frühen 20. Jahrhunderts: Der Portugiese Amadeo de Souza-Cardoso, der sich selbst gern als Wanderer bezeichnete. Hin- und hergerissen zwischen Portugal und Paris, aber auch als Suchender zwischen den verschiedenen Kunststilen seiner Zeit. Eine Ausstellung im Hamburger Ernst Barlach Haus legt die Spuren des hierzulande fast vergessenen Souza-Cardoso wieder frei.
Zwischen dem ersten und dem letzten Bild in der Amadeo de Souza-Cardoso-Ausstellung im überschaubaren Hamburger Ernst Barlach Haus liegen vielleicht nur zwanzig oder dreißig Meter. Auch zeitlich reicht die Spanne nicht allzu weit: Das erste ausgestellte Souza-Cardoso-Werk stammt aus dem Jahr 1910, das letzte von 1917 . Und trotzdem scheinen zwischen Anfang und Ende Welten zu liegen: In Aussage, in Wahrnehmung, in der Ausdruckskraft.
Das älteste gezeigte Bild, Bellevue aus dem Jahr 1910, ist noch eine farbenfrohe, nur ansatzweise abstrahierende Darstellung einer lieblichen Hügellandschaft mit hohen Turmhäusern, die an Macke oder Klee erinnert. Wie anders dagegen das letzte Werk, Registrierkasse aus dem Jahr 1917: Eine chaotische, fast dadaistische Zusammenstellung von Gegenständen – ergänzt um sinnfreie Zahlen als letzte nicht mehr abstrakt zerlegbaren Einheiten.
Erstaunlich, dass beide Bilder vom selben Künstler stammen – und dass nur sieben Jahre zwischen ihnen liegen. Allein dieser Kontrast zeigt das große Talent von Amadeo de Souza-Cardoso, sich künstlerisch in verschiedenen Formen gekonnt auszudrücken. Und, wer weiß – diese Entwicklung im Zeitraffer zeigt vielleicht auch, unter welchem künstlerischen Drang und Schaffensdruck Souza-Cardoso stand: Er starb mit 30 Jahren an den Folgen der Spanischen Grippe.
Die Krankheit erfasste den Künstler unvermutet – und doch scheint es manchmal ein zwingender Gedanke zu sein, dass das Schicksal Amadeo wenn nicht schon zur Eile, dann zumindest zum kraft- und fantasievollen Spiel mit den Möglichkeiten künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten angetrieben hat. Denn auf einen einzigen Kunststil lässt sich das Werk Amadeo de Souza-Cardosos nicht begrenzen.
Inspiriert vom Kubismus, fasziniert vom Futurismus, angezogen vom Dadaismus: Souza-Cardoso lebte in einer Zeit der stilistischen Aufbrüche in der Kunst und ließ sich von den vielen Entwickungen auch anregen. Festlegen lassen wollte er sich hingegen nie: Nur Künstler sein, das war sein Ziel.

Porträt von Amadeo de Souza-Cardoso. Foto: Museu Municipal Amadeo de Souza Cardoso, Amarante
Und zumindest zu Beginn seiner künstlerischen Karriere schien Amadeo de Souza-Cardoso zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Geboren 1887 in Manhufe (Nord-Portugal) und versehen mit ersten zeichnerischen Ausbildungen in Lissabon zog es den jungen Amadeo am 14. November 1906 – seinem 19. Geburtstag – nach Paris: Damals das Zentrum der Welt, in dem die umwälzenden Entwicklungen aus Wissenschaft, Psychologie und Kunst ihre größte Resonanz fanden.
Ursprünglich kam Amadeo de Souza-Cardoso in die französische Hauptstadt, um Architektur zu studieren. Rasch kühlte jedoch sein Interesse an diesem Fach ab und er widmete sich immer stärker der Karikatur und später der Malerei. Von Anfang an stand er dabei in Kontakt mit vielen bedeutenden Künstlern seiner Zeit: Mit seinem Namensvetter Amedeo Modigliani verband ihn eine enge Freundschaft, und auch mit Kollegen wie August Macke, Constantin Brancusi oder dem Künstlerpaar Robert und Sonia Delaunay stand er in Kontakt.
Die ersten künstlerischen Gehversuche Amadeo de Souza-Cardosos stießen bei Kollegen durchaus auf freundliches Interesse. Selbst bis nach Amerika schafften es seine Bilder: 1913 nahm die New Yorker Armory Show, eine Ausstellung für moderne Kunst, einige Werke des Portugiesen auf.
Caminheiro, Wanderer - um diesen Begriff ergänzte Amadeo de Souza-Cardoso oft seine Unterschrift in Briefen an die Mutter. Und in Paris war es, wo er die Wanderschaft durch die Stile aufnahm: Bald schon begann er mit Elementen des Kubismus zu experimentieren, widmete sich aber ebenso auch der detailgetreuen Federzeichnung. Und auch eines seiner interessanten Werke entstand 1912 in Paris: Eine an Fantasie und Stilvielfalt übersprühende Illustration zu Gustave Flauberts Légende de Saint Julien l’Hospitalier – wie alte mönchische Codices mit der Hand geschrieben, umrahmt von mal figürlichen, mal rein schmückenden Ornamenten.
Doch nicht nur stilistisch war Souza-Cardoso ein Wanderer: Der Maler entwickelte eine wahre Lust daran, sich in eine eigene Welt der Ritterromantik hineinzufantasieren. Ob Dom Quijotte, verwunschene Sagenlandschaften oder an die Gestaltung von Wandteppichen erinnernden Darstellungen von Stierkämpfen: Immer wieder beschwört Souza-Cardoso eine untergegangene, vielleicht nie dagewesene Welt hervor, an die er sich über die unterschiedlichsten Wege anzunähern versucht.
1914 kommt dann der große Wendepunkt in Amadeo de Souza-Cardosos Leben. Während einer Reise mit seiner Frau Lucie Pecetto nach Portugal überrascht ihn am 3. August 1914 die Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich. Eine Rückkehr nach Paris ist ausgeschlossen - die französische Hauptstadt sollte er nie wiedersehen.
Obwohl seinem Heimatland in tiefer Liebe verbunden, fühlt sich Souza-Cardoso in Portugal von den künstlerischen Entwicklungen der Zeit abgeschnitten. Immer wieder plant er die Rückkehr nach Paris, immer wieder zerschlägt sich dieses Vorhaben. In dieser Zeit widmet sich Amadeo de Souza-Cardoso vermehrt der Volkskunst seines Landes – und greift Farben und Motive Portugals verstärkt auf. Meisterhaft, wie etwa in der Darstellung von Fischerhäuschen die konkrete Darstellung in abstrakte Wahrnehmung übergeht (Das helle Häuschen – Landschaft, 1916).

Volkslied und Russin und Figaro (1917) von Amadeo de Souza-Cardoso. Quelle: Wikipedia
Den Wanderer Souza-Cardoso zog es noch weiter: Bis hin zu den avantgardistischen Bildern, in denen zerlegte Gegenstände in einer verrückten Nicht-Beziehung stehen. Zum Beispiel hier: Volkslied und Russin und Figaro – mit der Russin ist übrigens Sofia Delaunay gemeint. Die Delaunays sind 1917 vor dem Krieg nach Portugal geflohen – die letzten verbliebenen Freunde aus Pariser Zeiten, mit denen Souza-Cardoso sich (nicht immer reibungsfrei) austauschen konnte.
Am 30. Oktober 1918 stirbt Amadeo de Souza-Cardoso an den Folgen der Spanischen Grippe. Ein zu früher Tod, der viel Freiraum lässt für Gedankenspiele, was der so begabte Künstler noch hätte produzieren können (oder eben auch nicht). Und ein zu früher Tod, der das Wissen um die Bedeutung dieses großen Talentierten rasch wieder vergessen ließ.
Nun wird Amadeo de Souza-Cardoso langsam wieder entdeckt: Als “Pionier aus Portugal” (so der Name der Ausstellung in Hamburg). Oder zumindest als Wanderer, dessen Spuren eine genauere Betrachtung verdienen.
Die Ausstellung “Amadeo de Souza-Cardoso – ein Pionier aus Portugal” läuft noch bis zum 30. März 2008 im Hamburger Ernst Barlach Haus. Die Bilder Souza-Cardosos sind ansonsten auch in der Fundação Calouste Gulbenkian – Centro de Arte Moderna in Lissabon sowie im Museu Municipal Amadeo de Souza-Cardoso in Amarante zu sehen.

