Ai, Mouraria! Ein Traditions-Stadtviertel kämpft gegen den Niedergang
Ein Reichen-Viertel war die Mouraria noch nie. Und doch ist der Zustand des Lissaboner Traditions-Stadtteils besorgniserregend: Immer mehr Bauten verfallen, immer mehr Menschen – vor allem junge – verlassen das Viertel. Basta, das reicht: So sagen es sich nun viele Bewohner der Mouraria – und fordern mit einer agilen Bürgerinitiative die Renovierung des so charakteristischen Stadtteils von Lissabon ein.
Wer hätte das gedacht? Es steckt noch Leben in der Mouraria! Wer am vergangenen Samstag durch die Gassen des historischen Stadtteils ging, durfte Zeuge einer farbenfrohen und lauten Parade der Mouraria-Bewohner werden. Auf den Straßen herrschte munteres Treiben, in den Restaurants gab es Fado: Endlich konnte die Mouraria wieder einmal sich und ihre Kultur feiern.
Freude, Leben, Bewegung: Das ist es, was der Mouraria in letzter Zeit gefehlt hat. Fast schon schicksalhaft schien sich das Viertel seinem lethargischen Untergang hingegeben zu haben. Immer mehr Häuser verfielen, und spätestens seit dem bedrohlichen Anwachsen der Drogenszene an vielen Ecken des Viertels schien klar zu sein: Die Mouraria hat keine Zukunft mehr.
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Laute Töne für die Mouraria: Die Parade am 15. März. Foto: Renovar A Mouraria
Die Gratwanderung zwischen Überleben und Niedergang, das war schon immer das Schicksal der Mouraria. Dieses Viertel im Schatten der Burg, das schöne und bis heute viel zu wenig beachtete Aschenputtel Lissabons, war bereits zu seiner Entstehung die Heimat der Armen und Verlierer. Gegründet wurde die Mouraria im Jahr 1170: Damals fanden hier die nach der christlichen Rückeroberung noch in Lissabon verbliebenen Mauren ihre neue Heimstatt – und gaben dem neuen Stadtteil gleich noch seinen Namen.
Und auch später, vor allem im 20. Jahrhundert, war die Mouraria immer der Mittelpunkt des anderen, des multikulturellen Lissabons. Hier lebten viele Afrikaner aus den (ehemaligen) portugiesischen Kolonien, hier sind heute immer mehr Chinesen zu Hause. In diesem geheimnisvoll, dunkel-schillernden Treffpunkt der Kulturen gedieh ein Musikstil so wunderbar, den Portugal heute als den seinen verkauft: Der Fado.
Heute ist der Fado chic – Sängerinnen wie Mísia, Mariza oder Cristina Branco haben ihn weltweit populär gemacht. Entstanden ist der Fado jedoch als die melancholische Musik der Armen, der Benachteiligten – und die hatten in der Mouraria ihre Heimat. So erstaunt es nicht, dass unzählige Fados die Mouraria besingen. Nicht nur das: Zwei der größten Fado-Interpretinnen unserer Zeiten, die unvergessliche Amália Rodrigues und die heute weltweit bekannte Mariza – stammen aus diesem Teil Lissabons.
Amália Rodrigues mit dem Fado Ai, Mouraria! (Aus dem Jahr 1982 – Video bei Youtube)
Zu viel beschönigende Nostalgie ist nicht angebracht, wenn es um die Mouraria geht. Doch die heutigen Zustände sind in der Tat besorgniserregend. Der Verfall von Häusern ist ein allgegenwärtiges Phänomen. Und die vielfach unhaltbaren Wohnzustände sorgen dafür, dass immer weniger junge Familien hier leben. Was also tun?
Seit einigen Wochen tut sich nun eine Initiative von Bürgern der Mouraria mit viel Engagement für ihren Stadtteil hervor: Mit dem Blog Renovar A Mouraria haben die Freunde des Stadtteils eine interessante Internet-Plattform geschaffen und auch eine Online-Petition ist am Laufen, die die verantwortlichen Politiker endlich zum Handeln antreiben soll (bitte hier unterzeichnen!).

Hier muss etwas geschehen: Viele Häuser der Mouraria sind bereits unbewohnbar. Foto: Renovar A Mouraria
Schön zu sehen ist aber, dass die Initiative nun auch Wirkung weit über die virtuelle Welt hinaus zeigt – wie die Parade am 15. März bewies. Und auch andernorts regt sich hier und da neues Leben in der Mouraria. Künstler finden hier ihre (günstige) Heimat – neue Ateliers und Galerien wie die Galeria Colorida sind dafür ein erstes Anzeichen. Und weiterhin gilt: Wer wirklich einmal exotisch essen möchte, muss in der Mouraria auf Entdeckungstour gehen. Nur hier wartet ein Restaurant für goanesische Spezialitäten auf seine Gäste. Und nur hier gibt es die wirklich afrikanische Küche zu probieren.
März 20th, 2008 um 9:45 am
Wenn ich mir die Zahlen der Online Petitionen für Lissabon (Eléctrico 24 und Mouraria) und für Porto (Bolhão Mercado) anschaue, dann könnte ich fast der Meinung sein, dass die Alfacinhas gar nicht so viel Interesse an Dingen in ihrer Stadt haben.
Fehlt es an PR?? Oder liegt es an der Mentalität??
Schade!!!!