Ein Bahnhof, abgekoppelt vom Zug der Zeit – die Estação do Rossio in Lissabon
Der Bahnhof am Lissaboner Rossio-Platz ist wieder in Betrieb. Vier Jahre lang war die Estação do Rossio vom Zugverkehr abgeschnitten – der einzige Zugangstunnel musste aufwändig saniert werden. Doch das war nicht das erste Mal, dass der prachtvolle Bahnhof seinen Zweck verloren hatte: Bereits Jahre vor der Eröffnung der Bahnstrecke nach Sintra wartete der längst fertig gestellte Bahnhof auf seinen Gleisanschluss.
Für Verkehrsplaner war und ist Lissabon seit jeher ein schwieriges Pflaster. Die unebene Topographie der Stadt auf sieben Hügeln machte so manch eine direkte Verbindung unmöglich – und forderte immer wieder die Kreativität portugiesischer Ingenieurskunst. Heute ist es die Frage nach dem Standort der dritten Brücke über den Tejo, die die Gemüter bewegt. Am Ende des 19. Jahrhunderts, das Zeitalter der Eisenbahn hatte längst Fahrt aufgenommen, diskutierten die Planer darüber, wie man der so unzugänglichen Schönheit Lissabon zu einem würdigen, zentral gelegenen Hauptbahnhof verhelfen könnte.

Der Rossio-Bahnhof von Lissabon. Foto: pedro prats auf Flickr
Bislang arbeitete man noch mit Notlösungen: Die Vorortbahn ins königliche Sommerrefugium Sintra endete nördlich der Stadtgrenzen, später wurde die Linie an Campolide vorbei bis nach Alcântara am Tejoufer geleitet. Aber auch von dort hieß es dann: Wer in die Baixa wollte, musste in Kutschen oder Pferdebahnen umsteigen.
So reiften bald Pläne, direkt am zentralen Rossio einen echten Hauptbahnhof für Lissabon einzurichten – und diesen über einen kühnen Tunnel zu erschließen. Am 21. Mai 1887 ging es dann los: Gleich von zwei Seiten, in Campolide und am Rossio, fingen Bautrupps an, einen schnurgeraden, insgesamt 2,6 Kilometer langen Tunnel durch den Lissaboner Kalkstein-Untergrund zu graben. Fast genau ein Jahr später, in der Nacht vom 22. auf den 23. Mai 1888, trafen sich die beiden Ausschachtungsteams – eine pünktliche Arbeit, wie sie heute im portugiesischen Tunnelbau leider nur noch selten anzutreffen ist, wie wir noch sehen werden.

2,6 Kilometer unter Lissabon hindurch: Der Verlauf des Rossio-Tunnels. Quelle: Google Maps, eigene Zeichnung
Bis zur Inbetriebnahme des Tunnels dauerte es dann noch etwas Zeit: Am 11. Juni 1890 wurde die Zugverbindung Rossio – Sintra offiziell eröffnet. Der Bahnhof, die Estação de Caminhos de Ferro do Rossio, war zu diesem Zeitpunkt schon seit drei Jahren fertig – und wartete, seiner Bestimmung beraubt, endlich ans Schienennetz angeschlossen zu werden.
Vielleicht ist es diese Zeit des alleine vor sich hin träumenden Bahnhofs, die schon das Schicksal der Estação do Rossio von vornherein bestimmte. Denn anders als das schmuck- und prunkvolle Äußere vermuten lässt, hat der Bahnhof selten den Duft der weiten Welt gespürt – und endete rasch allein als Endstation der Vorortzüge nach Sintra.
Und mit diesem Etwas an Saudade ist die Estação do Rossio vielleicht weniger ein Bahnhof, sondern ein Abbild vom Gang der Dinge in Portugal. Schon die Architektur strahlt den Glanz vergangener Zeiten aus – und erinnert so gar nicht an klassische Bahnhofsarchitektur. Architekt José Luís Monteiro gestaltete den monumentalen, 130 Meter breiten Kasten im verspielten neo-manuelinischen Stil. Eine schöne Reminiszenz an die Zeit des Königs Dom Manuel, während dessen Amtszeit Portugal noch eines der wohlhabendsten Länder Europas war – aber seine besten Zeiten schon längst hinter sich hatte.
Wer eine der beiden hufeisenförmigen Eingangstore durchschreitet, entdeckt schon in der Eingangshalle eine weitere Erinnerung an die verlorene Größe Portugals: Gleich im Foyer steht eine Statue vom sagenumwobenen König Dom Sebastião I.: Eine mythische Gestalt, deren glorreiche Rückkehr über Jahrhunderte hinweg erwartet wurde, um Portugal wieder zu altem Glanz zu verhelfen.
Unten die Vergangenheit – oben der Fortschritt: Die Züge fahren in der Estação vom 21 Meter über dem Rossio gelegenen Dachplateau ab. Nach der Eröffnung des Rossio-Tunnels im Jahr 1890 – nach Aussagen vieler die größte Ingenieurleistung Portugals im 19. Jahrhundert – fuhren anfangs auch internationale Züge wie der legendäre Sud-Express nach Paris hier ab. Mit dem weiteren Ausbau des portugiesischen Streckennetzes verlor die Estação do Rossio ihre Bedeutung jedoch an die provinziellere, aber weitaus verkehrsgünstiger gelegene Station Santa Apolónia.

Ein Bahnhof im Entstehen: Bau der Zughalle auf dem Dach des Rossio-Bahnhofs. Quelle: Wikipedia
Schon bald war der Rossio-Bahnhof einzig und allein Endpunkt für die Züge nach Sintra. Immerhin – mit dem Wuchern der Schlafstädte entlang der Bahnlinie nach Sintra wurde diese Strecke zur meistfrequentierten Verbindung Portugals. Zuletzt waren es rund 70.000 Fahrgäste, die Tag für Tag den Rossio-Bahnhof als Eingangstor zur Stadt nutzten.
Weit über hundert Jahre lang diente der Rossio-Tunnel treu dem Transit von Zügen der Linha de Sintra – trotz fehlender Sicherheitstechnik glücklicherweise ohne größere Zwischenfälle. Doch dass der in den nackten Fels geschlagene Tunnel nicht für die Ewigkeit dienen konnte, wurde Anfang des neuen Jahrtausends klar. Risse, haarsträubende Sicherheitsstandards, ein fehlender Notausgang – das alles machten ein rasches Eingreifen notwendig.
Im Jahr 2004 schlossen dann die Tore des Rossio-Bahnhofs. Die Estação do Rossio verfiel wieder einmal in ihren manuelinischen Dornröschenschlaf – und zehntausende Pendler mussten ihre tagtägliche Fahrt zur Arbeit neu organisieren. Die Züge fuhren fortan nur bis zur Station Sete Rios am Zoologischen Garten und bogen dann weiter nach Osten bis zum Expo-Gelände ab. Alles nicht so schlimm, beschwichtigte damals noch die für die Eisenbahn-Infrastruktur zuständige Gesellschaft REFER: Bereits im Jahr 2006 würde man die Renovierungsarbeiten im Tunnel abschließen.
Von wegen: Tunnelarbeiten in Lissabon dauern lange. Erst kürzlich ging das Erweiterungsstück der blauen Metro-Linie von Baixa-Chiado bis Santa Apolónia in Betrieb – mit mehr als zehn Jahren Verspätung. Beim Rossio-Tunnel drohte ähnliches Ungemach: Die Kosten explodierten (und liegen nun knapp zehn Millionen Euro über Plan). Letztes Jahr drohte die beauftragte Baugesellschaft gar mit einer weiteren Verzögerung der Arbeiten bis zum Jahr 2011.

Betonarbeiten im Rossio-Tunnel. Quelle: REFER
So schlimm kam es dann doch nicht: Heute, am 16. Februar 2008, wird der Tunnel wieder offiziell in Betrieb genommen. Mit zwei Jahren Verspätung. Und einigen Fragezeichen: Die Bauherren bezeichnen den “Túnel do Rossio” zwar als “sichersten Tunnel Portugals” – mit durchgängiger Videoüberwachung, einem neuen Notausgang, 4.000 Tonnen Stahl und fast 50.000 Kubikmetern eingegossenen Beton. Eine Katastrophenschutzübung für den neuen Tunnel wurde allerdings nie durchgeführt, wie der Diário de Notícias herausfand.
Immerhin, die Zeit des Tunnelbaus wurde auch genutzt, den Rossio-Bahnhof wieder frisch heraus zu putzen - Ministerpräsident José Socrates sprach bei der heutigen Eröffnung der Linie von einer “neuen Station“. Und wie sehr ähnelte die heutige Situation der von 1890: Der Bahnhof war längst fertig und wartete nur noch auf seine Züge. Über vier Jahre hinweg drückten sich Touristen an den geschlossenen Eingangstüren die Nasen platt – und wunderten sich über einen leer stehenden Bahnhof.
Vieles ist besser geworden: Der Zugang zum Bahnhof vom Bairro Alto aus wurde verschönert und als Fußgängerzone gestaltet. Eine Etage des Bahnhofs dient künftig als Museumsbereich für Wechselausstellungen. So wäre der so frisch glänzende Bahnhof eigentlich wieder bereit für größere Aufgaben – etwa als Zielpunkt der schon lange geplanten TGV-Anbindung von Lissabon an Madrid. Doch daran denkt niemand: Die modernen Hochgeschwindigkeitszüge werden wahrscheinlich am kalten Gare Oriente am Expo-Gelände enden. Auch rundum saniert bleibt die Estação do Rossio abgekoppelt vom Zug der Zeit.
Der Bahnhof am Rossio eignet sich vorzüglich als Ausgangspunkt für einen Ausflug nach Sintra. Züge nach Sintra verkehren normalerweise im 15-Minuten-Takt.
Februar 17th, 2008 um 1:13 pm
Wie schön – ich hatte schon in der Zeitung davon gelesen.
Vor zwei Jahren hatte ich mal die Ausstellung im Bahnhof besucht – nur blabla – über die eigentlichen Gründe – man sagt ja, dass Bau des Tunèl Marquês an den Schäden schuld sei – keine Doku. Aber die Vermutungen sind ja in diesem Falle breit gestreut!
Freuen wir uns einfach – und ich denke alle Pendler besonders – dass dieses schöne Bauwerk wieder zum Leben erwacht ist.
März 21st, 2008 um 3:39 pm
Danke für den geschichtlichen Abriss, sehr interessant