Com Que Voz: Wenn Stimmen die Jahrhunderte überlagern
Fado trifft Camões: Dass Sonette von Portugals Nationaldichter Luís de Camões als Texte für Fados dienen, ist nichts Neues. Was aber, wenn etwa von Amália Rodrigues interpretierte Fados (20. Jahrhundert) und alte Sonette (16. Jahrhundert) gleichberechtigt nebeneinander stehen, ja, sogar in Kontakt miteinander treten sollen? Dann passiert Erstaunliches, wie das neue Musikwerk “Com Que Voz” zeigt. Ein Bericht von der deutschen Uraufführung des Stücks in der Frankfurter Alten Oper.
Das Meer, die Entdeckungsfahrten, die Einsamkeit: Diese großen Konstanten beflügeln die portugiesische Kulturgeschichte seit Jahrhunderten. Die Sonette des weltreisenden Nationaldichters Camões zeugen von unendlicher Sehnsucht, vom Schmerz der Ferne. Und auch der sehr viel jüngere Fado greift diese Motive wieder auf – und verwandelt sie in intensive, emotionale Musik.
Mit welcher Stimme das traurige Schicksal beweinen, so fragte schon Camões in seinem Gedicht “Com Que Voz“. Ist es dieselbe Stimme wie die des Fado? Stimmen, die sich finden möchten? Diese Frage ist es womöglich auch, die den italienischen Komponisten Stefano Gervasoni in seinem neuen Werk “Com Que Voz” interessiert: wie die im Gang der Jahrhunderte herumirrenden Stimmen zueinander stehen – und ob sie sich wohl miteinander verständigen können?
Und so lässt Gervasoni in seinem Auftragswerk für das Casa de Música in Porto, das Pariser Centre Pompidou und mit Unterstützung des Ensemble Modern die Stimmen von Fado und Camões nebeinander (gegeneinander? miteinander?) antreten. Uraufführung von “Com Que Voz” war vor einigen Tagen in Porto, gefolgt von der deutschen Erstaufführung am 20. Februar in Frankfurt. Der Fado ist mit Cristina Branco meisterhaft vertreten – und darf musikalisch auch in seiner eigenen Welt fast unverändert verbleiben.
Anders sieht es bei Camões aus: Dem deutschen Bariton Frank Wörner fällt die schwierige Aufgabe zu, die Sonette von Luís de Camões zu interpretieren – und gleichzeitig noch elektronisch mit-interpretieren zu lassen. Die Tonfolgen sind schwierig, die Silben und Wörter abgehackt – und dann lässt Komponist Gervasoni noch den Computer mit viel Rechenleistung immer wieder die Stimme Wörners verfremden: Töne werden lang gezogen, zerhackt, gehen im Rauschen unter, finden wieder zusammen.
Bruchstückhaft dringen die Worte von Camões nur durch. Sie erscheinen wie Botschaften aus fernen Zeiten, die mal schwach, mal fordernd noch ihren Empfänger suchen.
Und der Fado? Scheinbar unberührt stehen in “Com Que Voz” Fado und Camões nebeneinander. Der Aufbau des Werks ist perfekte Symmetrie: Es besteht aus 24 Teilen – 12 klassische Fados, wie sie auch von Amália Rodrigues gesungen wurden (darunter bekannte Werke wie Gaivota, Barco Negro oder auch das fröhlichere Maria Lisboa) – und 12 vertonte Sonette von Luís de Camões.
Fados und Sonette werden im Wechsel vorgetragen – ein starres Muster: Fado – Sonett – Fado – Sonett. Eine Abfolge aus sanfter, nostalgischer Harmonie des Fados und den seltsam verschwommenen, fernen Klängen der Vergangenheit von Camões. Und was zunächst nebeneinander steht, findet mit der Zeit dann (im Gehirn des Zuhörers?) doch zusammen: In den Texten, die über Jahrhunderte hinweg die gleichen Botschaften transportieren. In der Sehnsucht, Zeiten zu überwinden. Und in der Mitte des Werks, da haben sich die Stimmen dann tatsächlich ein einziges Mal auch tatsächlich vereint: In “Com Que Voz” (Mit welcher Stimme). Er ist das einzige von Amália Rodrigues gesungene Gedicht von Camões – und der einzige Fado, der von Cristina Branco und Frank Wörner gemeinsam vorgetragen wurden.
Man mag den Fado nicht immer so wie in “Com Que Voz” hören wollen. Traditionalisten sehen in dem Werk sicherlich einen weiteren Vorstoß, den Fado seiner alten Wurzeln zu berauben. Doch in Wahrheit ist bei “Com Que Voz” das Gegenteil der Fall: Es ist eine Erforschung von Gefühlen, die auch den Fado so faszinierend machen. Umso schöner, dass sich mit Cristina Branco eine der Großen des Fado auf dieses Experiment eingelassen hat.
Weitere Aufführungen von Com Que Voz mit Cristina Branco, Frank Wörner und dem Ensemble Modern folgen am 10. März 2008 im Konzerthaus Berlin, sowie am 11. Juni 2008 in Paris und am 13. Juni 2008 in Brüssel.
hr2 Kultur strahlt am 04. März 2008 um 20:05 Uhr eine Aufzeichnung des Konzerts aus der Alten Oper in Frankfurt auf – auch online über Internetradio zu hören.