SOS Azulejo: Ein portugiesisches Kulturgut gerät ins Visier internationaler Kunsträuber
Was wäre Portugal ohne seine Azulejos? Die meist großformatigen Wandmosaike aus blauen Kacheln schmücken bis heute viele Häuser und Kirchen im Land. In den letzten Jahren häufen sich jedoch die Fälle dreister Azulejo-Diebstähle im Land. Ein neues Projekt mit Namen “SOS Azulejo” will nun Käufer und Besitzer historischer Azulejos sensibilisieren.
Nicht nur Politik und Wirtschaft haben sich globalisiert – auch die Kriminalität agiert längst über Grenzen. Und neben Drogen- und Menschenhandel hat sich auch das Verschieben geraubter Kunst zum lukrativen Geschäft entwickelt. Und in diesem düsteren Business sind die blau strahlenden historischen Azulejos aus Portugal ein überaus lohnendes Objekt: Sie sind wertvoll – und leicht zu transportieren .”Was gibt es Besseres, um Geldwäsche zu betreiben?” fragt dann auch Leonor Sá vom Museum der portugiesischen Polícia Judiciária in der Wochenzeitung “Sol“.
Und so hat die Zahl der Fälle von geraubten Azulejos in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Allein im Jahr 2006 zählte die Polizei nur im Großraum Lissabon über 30 Fälle von Azulejo-Diebstahl - mit einer wesentlich höheren Dunkelziffer. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

Vorsicht, Azulejo-Piraten! Ausschnitt eines Azulejo in Lissabon. Foto: zoe52 auf Flickr
Die Diebe schlagen vor allem in leer stehenden Landhäusern und Quintas vor den Toren Lissabons zu. Diese Häuser sind oftmals unzureichend geschützt – und die Azulejo-Klauer haben alle Zeit der Welt, die Kacheln von den Wänden abzulösen. Auch zahlreiche Häuser in Lissabons Innenstadt wurden schon ihrer Azulejos entledigt: Selbst auf der Burg von Lissabon, dem Castelo de São Jorge, verschwand vor ein paar Jahren ein großes Wandmosaik, das unsere liebe Frau von Karmel mit dem Jesuskind darstellte (siehe Auflistung unten).
Leonor Sá bestätigt, dass die Räuber normalerweise “sehr genau” wüssten, auf welche Azulejos sie es abgesehen hätten – offensichtlich erfolgen einige Diebstähle aufgrund gezielter Bestellungen wohlhabender Kunstsammler. Und oftmals verrichten die Täter ihr Werk ganz offen, wie der Lissaboner Architekt Fernando Jorge bei einem Spaziergang durch die Stadt feststellen musste. Er erwischte einen Azulejo-Dieb in flagranti, wie er sich am heruntergekommenen ehemaligen Wohnhaus von Fernando Pessoa in der Avenida Casal Ribeiro 1 zu schaffen machte. Auch die eilig herbeigerufene Polizei konnte in diesem Fall nichts mehr ausrichten.

Illegale Ablösung von Azulejos am ehemaligen Wohnhaus von Fernando Pessoa in der Avenida Casal Ribeiro. Foto: Fernando Jorge, Lissabon
Die Polícia Judiciária will dem Treiben der Azulejo-Diebe nun mit einer Informationskampagne unter dem Titel “SOS Azulejo” entgegen treten. Das Projekt, gestartet im März vergangenen Jahres unter Leitung von Leonor Sá, beginnt langsam, Fahrt aufzunehmen. Wichtigster Meilenstein wird am 28. Februar 2008 die Freischaltung einer Website unter der Adresse www.sosazulejo.com sein.
Die Website wird Informationen für Azulejo-Käufer wie auch für Besitzer von Häusern mit alten Azulejos enthalten – sowie über eine Bilddatenbank geraubter Azulejos verfügen. Information hilft schon weiter – denn bereits mit einfachen Handlungsanweisungen könnte man dem Problem des Azulejo-Diebstahls entgegenschreiten, erklärt Leonor Sá.
So sollten Käufer historischer Azulejos auf einen genauen Herkunftsnachweis achten. Und für Besitzer von Azulejos gilt, dass sie ihre kunsthistorischen Schätze besser schützen und zumindest auch – zum Beispiel mit Fotos – dokumentieren müssten.
Vorbild der Kampagne “SOS Azulejo” ist die vor drei Jahren gestartete Aktion “Igreja Segura“, die ebenfalls auf Prävention durch Information setzte. In der Zwischenzeit konnte dank dieser Aktion die Zahl an Kunstdiebstählen aus Kirchen verringert werden. Man kann nur hoffen, dass der Erfolg der Azulejo-Kampagne ähnlich ausfallen wird – und wir die Mosaike auch weiterhin dort bestaunen dürfen, wo sie hingehören: An der Wand.
Azulejo-Diebstahl: Schwere Fälle in den letzten Jahren*
- Nossa Senhora das Prazeres, Amadora: Innerhalb von drei Tagen wurden im April 2006 tausende Azulejos aus einem Landhaus bei Buraca entwendet.
- Palácio de Marques de Pômbal, Oeiras: Im Dezember 2006 wurde in diesem vom ungarischen Architekten Carlos Mardel erbauten Palast aus dem 18. Jahrhundert der Diebstahl eines Wandmosaiks von 1770, bestehend aus 72 Kacheln, festgestellt.
- Largo da Trindade, Lissabon: Innerhalb einer Woche im Mai 2002 wurden im Haus mit der Nummer 16 am Largo da Trindade (Chiado) rund 225 Azulejo-Kacheln aus dem Jahr 1730 entwendet.
- Palácio Belmonte, Lissabon: In diesem Palast direkt an der Lissaboner Burg, Drehort von Wim Wenders’ Film “Lisbon Story”, verschwanden im Januar 2001 17 Wandmosaike mit Azulejos aus dem 18. Jahrhundert
- Castelo de São Jorge, Lissabon: Auch in der Burg von Lissabon selbst kam es im Mai 2000 zu einem Diebstahl eines Azulejo-Wandbildes aus dem 18. Jahrhundert
- Igreja de Santa Luzia, Lissabon: Im Sommer 1996 entwendeten Diebe ein großes Azulejos-Wandbild, das den Terreiro do Paço vor dem großen Erdbeben von 1755 zeigte. Auch der der Kirche vorgelagerte Miradouro verfügt über schöne Azulejos, die sich aufgrund von Bauarbeiten in einem erbarmungswürdigen Zustand befinden.
- Convento dos Capuchos, Sintra: Einer der ersten registrierten Fälle von Azulejo-Diebstahl. Im Jahr 1984 verschwanden aus einer Kapelle des Kapuzinerkonvents ein wertvolles Wandbild von der Geißelung Christi. Auch mehr als 20 Jahre später fehlt von den Azulejos jede Spur.
*Quelle: Wochenzeitung Sol, 12. Januar 2008
Januar 19th, 2008 um 10:14 pm
“Auch der der Kirche vorgelagerte Miradouro verfügt über schöne Azulejos, die sich aufgrund von Bauarbeiten in einem erbarmungswürdigen Zustand befinden.”
Ich denke genau hier “liegt der Hund begraben”.
Ich finde, dass die Portugiesen fast zu spät aufwachen, um ihre historischen Kostbarkeiten zu schützen und zu erhalten.
Ich war 1996 in Porto und entsetzt über den baulichen Zustand der Ribeira. Porto mußte erst Kulturhauptstadt werden, damit hier etwas saniert wurde.
Auch viele alte und schöne Azulejos vergammeln irgendwo in Lissabon.
Schade!!