Rauchverbot mit Ausnahmen: Portugals neues Anti-Tabak-Gesetz lässt noch Interpretations-Spielraum
Knapp 450 Jahre ist es nun her, seitdem der Tabak von Lissabon aus seinen Siegeszug in Europa antrat. Doch seit Jahresbeginn gilt auch in Portugal ein weit reichendes Rauchverbot. In Ämtern, Restaurants und an allen Arbeitsplätzen heißt es nun: Glimmstengel aus! Und obwohl die große Mehrheit der Portugiesen das Anti-Tabak-Gesetz unterstützt, gibt es bereits erste Fälle von Ungehorsam: Der erste dokumentierte Gesetzesbruch wurde ausgerechnet von dem Mann begangen, dessen Behörde eigentlich über die Einhaltung des Rauchverbots wachen soll.
Vielleicht hätte sich António Nunes zum Jahreswechsel lieber ein paar gute Vorsätze machen sollen. Das Rauchen aufgeben, zum Beispiel. Dann hätte er jetzt etwas weniger Ärger. Denn António Nunes ist der erste dokumentierte Delinquent gegen das seit 1. Januar 2008, Punkt Mitternacht geltende Rauchverbot unter anderem in Gaststätten: Der Diário de Notícias veröffentlichte ein Bild auf der Titelseite, wie Nunes am Neujahrsmorgen gegen 2:30 Uhr im Casino Estoril gemütlich ein Zigarillo raucht. Eine pikante Aufnahme, denn António Nunes hätte es eigentlich besser wissen müssen: Er ist Chef der Agentur für Lebensmittelhygiene ASAE – ausgerechnet jener Behörde also, die über die Einhaltung des Rauchverbots unter anderem in Gaststätten wachen soll.
Im Grunde ist der Fall klar. Geht es nach den neuen Regelungen des Tabak-Gesetzes, so müsste António Nunes bis zu 750 Euro Strafe für seinen Verstoß zahlen – eine Übergangsfrist zur Einführung des Rauchverbots ist nicht vorgesehen. Und auch der Betreiber, das Casino Estoril, könnte mit bis zu 10.000 Euro zur Kasse gebeten werden: Weil kein eigenständiger Raucherbereich gekennzeichnet wurde.
Noch spielt António Nunes hingegen das Unschuldslamm: Er habe nicht gewusst, dass auch Spielcasinos unter das Tabakgesetz fallen. Und wer sich durch den 9seitigen Gesetzestext von Lei 37/2007 durcharbeitet, stellt in der Tat fest, dass Casinos nicht ausdrücklich genannt sind. Wohingegen das Rauchverbot zum Beispiel für die Vorräume mit Geldautomaten von Banken explizit festgeschrieben ist. Eine demnächst tagende Sachkommission soll nun klären, ob auch in Casinos künftig nicht mehr geraucht werden darf.
Ein eher amüsantes Detail am Rande, sicherlich. Doch das Rauchverbot weist insgesamt noch ein paar Interpretations-Spielräume auf. So etwa die Frage nach den richtigen Abzugsanlagen. Kleine Restaurants und Cafés miteiner Fläche von weniger als 100 Quadratmetern haben das Recht, das Rauchen zu erlauben – damit entspricht die portugiesische Regelung dem Anti-Tabak-Gesetz in Spanien, das bereits 2006 eingeführt wurde. In Spanien wurde diese 100 Quadratmeter-Regelung vielfach zum Aushebeln des Rauchverbots genutzt: Über Nacht schrumpfte dort die Fläche vieler Restaurants auf wundersame Weise unter die magische 100er-Grenze, indem die Schankflächen aufgeteilt und als jeweils eigenständige Betriebe angemeldet wurden. Möglicherweise um diese Aushöhlung des Gesetzes zu vermeiden, ist die portugiesische Regelung strenger: Wirte von kleinen Gaststätten dürfen das Rauchen nur erlauben, wenn sie eine Luftabzugsanlage installieren, die den Rauch ansaugt. Doch wie sieht eine solche Anlage aus? Geht es überhaupt, die Luft so zu reinigen? Über die technischen Details der Umsetzung dürfte in Zukunft noch viel diskutiert werden.

Darf nicht fehlen: Não fumadores-Signets in den Restaurants
Und auch wichtig: Die Restaurants müssen sich als Nicht-Raucher-Lokale zu erkennen geben. In dieses Detail hat sich schon am 1. Januar ein Wirt an der Algarve verstrickt: Der Restaurantbesitzer aus Fuzeta bei Olhão wollte eigentlich ganz korrekt sein, und meldete der Polizei einen rauchenden Gast in seinem Lokal. Die Polizei rückte an – und stellte fest, dass im Lokal die vorgeschriebenen “Rauchen verboten”-Schilder fehlten. Der Gast war unschuldig: Denn wie hätte er vom Rauchverbot wissen sollen? Und so gehörte der arme Wirt zu den ersten zwei Portugiesen, die schon am 1. Januar 2008 ein Bußgeld wegen des neuen Tabak-Gesetzes zu erstatten hatten (der andere Fall wurde aus Aveiro gemeldet).
Größere Lokale haben die Möglichkeit, einen separaten Raucherbereich einzurichten – und müssen hier, falls dieser nicht räumlich abgetrennt vom Nichtraucherbereich abgetrennt ist, ebenfalls für die Abluftanlagen sorgen. Da dies oft kompliziert und mit erheblichen Kosten verbunden ist, sind die meisten Restaurants und Cafés – ob groß oder klein – lieber den Weg des Total-Verbots gegangen: Geraucht werden darf künftig nur noch vor der Tür.
Selbst klassische Treffpunkte für Kettenraucher wie die Traditionscafés Nicola in Lissabon und Majestic in Porto haben die Aschenbecher komplett von den Tischen geräumt. Ja, sogar im Colombo, dem größten Einkaufszentrum der iberischen Halbinsel, heißt es nun: Rauchen verboten. Colombo-Chef António Bettencourt verweist auf die Erfahrungen aus anderen Branchen: “Die Flugzeuge hörten auch nicht auf zu fliegen, als dort das Rauchen verboten wurde. Niemand wird also aufhören, zum Colombo zu kommen”, sagte er der Nachrichtenagentur Lusa.
Zu den wenigen verbliebenen Bastionen für Raucher gehört das Café Brasileira in Lissabon, das ein Rauchverbot nur für das im Keller liegende Restaurant einführte. Hier, wo auch Kettenraucher Fernando Pessoa von Zeit zu Zeit saß, gibt es noch entschiedene Verfechter für das Rauchen in Cafés, wie ein Reporter des Deutschlandfunks herausfand (hier der komplette Bericht). Kaffee und Tabak – das gehöre untrennbar zusammen, so der Tenor der Kaffeehausbesucher.
Und das gilt gerade für Lissabon: Denn von hier aus trat im Jahre 1560 der Tabak seinen Siegeszug in Europa an. Schon bald nach der Entdeckung Brasiliens kursierten die ersten Informationen über ein eigenartiges Kraut zum Rauchen. So zitiert der Público in einem lesenswerten Beitrag über die Geschichte des Tabaks (hier nachzulesen) den Jesuitenpater und Missionar Manuel da Nóbrega, der in einem Brief aus Brasilien vom 6. Januar 1550 schrieb, dass die Mahlzeiten in Südamerika äußerst schwer verdaulich seien. Doch:
“Gott schenkte Abhilfe mit einem Kraut, dessen Rauch sehr bei der Verdauung und bei anderen körperlichen Beschwerden und beim Abführen des Magenschleims hilft. Bis jetzt gibt es noch keinen von unseren Brüdern, der es nutzt, wie es auch andere Christen nicht tun, um sich nicht mit den Ungläubigen zu vermischen, die es (das Rauchen) sehr schätzen. Ich hätte es zwar nötig, wegen der Feuchtigkeit und meines Katarrs, enthalte mich aber.”
Wie die Geschichte zeigte, brach dann aber auch so manch ein Europäer seine Enthaltsamkeit gegenüber dem Tabak. Zehn Jahre später, im Jahr 1560, war es dann der französische Gesandte Jean Nicot am Hof von Dom Sebastião in Lissabon, der für die Verbreitung des Rauchkrauts in Europa sorgte. Nicot schickte etwas Tabak aus Brasilien an die damalige französische Königin Katharina de Medici, die unter starken Migräneanfällen litt. Nicot hielt den Tabak für ein wundersames Heilmittel für fast alle Krankheiten dieser Welt. Rasch machte der Tabak dann die Runde – erst am französischen Hof, später in ganz Europa. Kein Wunder, dass die Tabakpflanze noch heute nach ihrem ersten großen Promotoren benannt ist: Nicotiana.
Auch später, nachdem sich der Tabak vom Heil- in ein Genussmittel verwandelt hatte, profitierte der portugiesische Staat von der Pflanze. Denn ähnlich wie in Spanien und Frankreich verfügte in Portugal über Jahrhunderte hinweg der Staat über das Monopol im Handel mit Tabak – mit beträchtlichen Einnahmen, wie der Público schreibt: Im Jahr 1716 sorgte der Tabak für ein Fünftel der Staatseinnahmen - mehr als doppelt so viel, wie das legendäre Gold aus Brasilien damals einbrachte.

Als Rauchen noch Glamour hatte: Postkarten von Plakaten aus den 30er Jahren für den “Fado do Cigarro”. Foto: lamarde auf Flickr
Inspiriert von französischen und englischen Vorbildern, entwickelten sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts dann auch in Portugal erste Ansätze einer Anti-Tabak-Bewegung. Es war also ein langer Weg bis zum Rauchverbot – für ganz Europa.
Allen Wehklagen der Wirte zum Trotz: Nach einer Umfrage des Instituts Eurobarometer unterstützt die große Mehrheit der Portugiesen das Rauchverbot. 81 Prozent der Bevölkerung halten das Verbot von Rauchen in Restaurants für sehr richtig oder tendenziell richtig (Deutschland: 69 Prozent). Wesentlich geringer ist die Zustimmung für ein Rauchverbot in Bars und Kneipen: Hier sind noch 69 Prozent (Deutschland: 46 Prozent) dafür – immerhin aber weiterhin eine absolute Mehrheit.
Überhaupt wird in Portugal nach den Zahlen von Eurobarometer unterdurchschnittlich viel geraucht: 27 Prozent der Portugiesen greifen zum Glimmstengel – das ist wenig im europäischen Vergleich (Portugal ist sogar das europäische Land mit der größten Zahl an Menschen, die niemals geraucht haben: 58 Prozent). Wer in Portugal hingegen raucht, der tut dies intensiv: 98 Prozent der Raucher greifen mindestens einmal am Tag zur Zigarette. In Zukunft wird dies freilich immer öfter an der frischen Luft geschehen.
Januar 3rd, 2008 um 11:34 pm
Na, wenn ich auf nix so gespannt bin, dann aber doch darauf, wie das Nichtrauchergesetz in Portugal umgesetzt wird.
‘ne bica ohne Cigarros?? Fast unvorstellbar.
Ich glaube, dass dann viele Outdoor Möglichkeiten zum Sitzen erweitert werden müssen!!
Januar 8th, 2008 um 3:48 pm
Ich lebe nun seit Jahren in Portugal und kann nicht glauben, dass wircklich jemand schreibt in Portugal gaebe es weniger Raucher als in Deutschland. Hier wird ueberall geraucht, sogar in der Bank oder Sparkasse!!! In jeder Mall, kaum hat man den Supermarkt verlassen, schon ist man von Rauchern umbeben. Ob Flughafen, Restaurant,Bank oder Mall hier hat man den Eindruck es raucht jeder und ueberall.
Die Statistik Deutschland/Portugal halte ich fuer falsch.