A Ginjinha ist wieder da. Mit echten Gläsern!
Ginjinha aus Plastikbechern? Undenkbar! Doch genau dieses Schicksal drohte Lissabons ältester Bar für Ginjinha, einem typischen Likör aus Sauerkirschen. Und nicht nur das: Die Hygieneagentur ASAE stellte eine lange Mängelliste in dem Traditionslokal fest – und drohte damit, fast über das Ziel hinaus zu schießen. Monatelang war “A Ginjinha” geschlossen - seit diesem Wochenende sind die Türen aber wieder geöffnet. Es gilt, die Rückkehr einer Legende zu feiern.
Der Lissaboner Alltag kann ganz schön anstrengend sein: Busse stehen im Stau, Gesprächspartner verspäten sich über das erlaubte Maß hinaus, Lärm, Enge, Hektik: Wie gut, dass es auch so manch einen Geheimtipp für die kleine Stärkung zwischendurch gibt. Orte wie die Mini-Bar “A Ginjinha” am Largo de São Domingos nahe dem Rossio zum Beispiel. Versteckt in einem kleinen Hauseingang schenkt dieses in den 1860ern gegründete und nun schon seit fünf Generationen in Familienbesitz betriebene Lokal nur ein einziges Getränk aus: Ginjinha, ein erfrischender Sauerkirschlikör mit 18 Prozent Alkohol.

Ein Schlückchen in Ehren: A Ginjinha am Largo de São Domingos 8, Lissabon. Foto: SFTC auf Flickr
In der schön verzierten Bar, die nur eine doppelflügelige Tür und einen winzigen Ausschankraum beansprucht, läuft das Geschäft von morgens um Neun bis abends um Zehn auf Hochtouren: Geschäftsleute, Touristen, Flaneure, die Schuhputzer vor der Tür – jeder, der in Lissabon eine kleine Stärkung benötigt, schaut hier gerne vorbei. Und der hier ausgeschenkte Ginjinha ist wirklich von besonderer Qualität – das sagt schon ein altes Werbeplakat aus den 30er Jahren am Hauseingang:
“E mais facil com uma mão
dez estrelas agarrar
fazer o sol esfriar
reduzir o mundo a grude
mas ginja com tal virtude
é difícil de encontrar”Es ist leichter, mit einer Hand zehn Sterne zu fassen, die Sonne abkühlen zu lassen, die Welt auf ihren Leim zu reduzieren*, doch Ginja (Ginjinha) mit dieser Kraft ist schwierig zu finden.
(*vielleicht hat für diesen Satz jemand noch eine bessere Übersetzung anzubieten?)
Seit dem 15. November 2007 jedoch mussten Lissabons Ginjinha-Freunde um den Fortbestand dieser so exquisiten Anlaufstelle bangen. An diesem Tag kam die Hygieneaufsicht ASAE in der Bar zu Besuch – und senkte den Daumen für “A Ginjinha”. Die Mängelliste war lang: Essen dürfe nur noch verpackt ausgegeben und der Ginjinha in Plastikbechern ausgeschenkt werden (wie es der Konkurrent “Ginjinha sem Rival” in der nahen Rua das Portas de Santo Antão leider schon seit längerem praktiziert). Selbst für Zahnstocher gab es neue Regeln.
Und so musste A Ginjinha zum Verdruss ihrer Kunden in den folgenden Tagen die Türen schließen – auf gut Portugiesisch wurde natürlich auch kein Hinweisschild über die Gründe angebracht, so dass bei enttäuschten Gästen rasch die Gerüchteküche zu brodeln begann.
Die Eigentümer schrieben zwar keinen Zettel an die Tür, blieben aber ansonsten nicht untätig. Über Wochen hinweg lieferten sich die Hygieneaufsicht und A Ginjinha einen spektakulären Kleinkrieg. So befanden die Inhaber der Ginjinha-Bar am 27. November, dass man das Lokal nun genug gesäubert hätte – und öffneten eigenmächtig wieder die Tore. Ein paar Stunden war mit der kleinen Ginjinha-Revolution Schluss – die Hygieneaufsicht bestand nun auf einer grundsätzlichen Renovierung des Lokals.
Je länger sich die Schließung und einige gerichtliche Auseinandersetzungen hinzogen, umso mehr stand zu befürchten, dass die traditionelle Ginjinha-Bar irgendwann ganz zu verschwinden drohte. In der Zwischenzeit bildete sich sogar eine lose Gruppe von Amigos da Ginjinha, die über einen Internet-Blog auf eine Wiedereröffnung drängten.
Und nun, am Samstag 19. Januar 2008, war es wieder so weit: A Ginjinha ist wieder da! Und sie ist schöner denn je: Neue Wände, neue Theke, neue Beleuchtung, eine Spülmaschine und sogar ein kleines Waschbecken für die Kunden, wie von der ASAE gefordert. Und es gibt zum Glück noch… Glasbecher! Wie gehabt fließen jetzt wieder für einen Euro ein paar Schlückchen Ginjinha aus charakteristischen Flaschen mit eingelegten Sauerkirschen in die kleinen Gläser – ein Tropfen bleibt außerdem traditionellerweise für die Hand übrig.
Das Comeback von A Ginjinha ist auch ein schönes Beispiel, dass die Hygieneaufsicht ASAE gerne einmal über ihr Ziel hinaus schießt – grundsätzlich aber doch eine wichtige Arbeit leistet. Die Behörde hat sich in den letzten Jahren zum Schrecken vieler portugiesischer Wirte entwickelt – und sorgt doch in vielen Fällen für mehr Sauberkeit und Hygiene in den Restaurants und Bars. Und es geht doch: Die wiedereröffnete Ginjinha zeigt, wie sich moderne Ansprüche an Sauberkeit und Hygiene auch mit alten Kulturgütern vertragen kann.
A Ginjinha ist wieder zurück – und schon hat die ASAE wieder bei einer portugiesischen Institution zugeschlagen. Diesmal traf es die Mercearia Aliança in Faro. Dieses kleine, uralte Lebensmittelgeschäft direkt am Hafen von Faro besitzt viel Charme und eine hinreißend altmodisch Einrichtung. Andererseits sei die Schließung gut, sagt Blogger Paulo Querido:
“Dunkel, schlampig, müffelnd, verrumpelt(…), abblätternde Wände, dekadent, alt, muffig, schmutzig – das sind die Farbtöne des traurigen Bildes, das ich heute von der Mercearia Aliança habe. Deshalb applaudiere ich der ASAE. Das Typische, das Historische und die Frage der Seele haben ihre Bedeutung, aber dürfen nicht als Entschuldigung für Nachlässigkeit und Schlimmeres herangezogen werden. (Und die Mercearia Aliança verdient mehr als was sie gewesen ist).
Wollen wir hoffen, dass auch die Mercearia Aliança in Faro eine so glückliche Rückkehr erlebt wie A Ginjinha in Lissabon. Prost!
Ginjinha-Bars in Lissabon:
- A Ginjinha
Largo de São Domingos 8 (Rossio). Täglich 9 bis 22 Uhr - Ginjinha Popular
Rua das Portas de Santo Antão 61 (Rossio), 7-24 Uhr - Ginjinha Rubi
Avenida da Liberdade 5 (nahe dem Elevador da Glória), 7-24 Uhr - Ginjinha Sem Rival
Rua das Portas de Santo Antão 7 (Rossio), 7-24 Uhr - A Licorista
Rua dos Sapateiros 224 (Baixa), 6:30-19:30 Uhr.
Januar 20th, 2008 um 11:00 pm
Die ASAE hat sicher ihre guten Seiten, schießt aber, wie der Bericht zeigt, wirklich manchmal über das Ziel hinaus. Was übrigens auch das Veterinäramt (gleiche Aufgabe) in Deutschland macht, wenn sie neue EU Vorschriften auf den Tisch bekommen – da habe ich doch so einige schon abschmettern können.
Ginjinha gab es übrigens vor 40 Jahren auf der Feira Popular auch an einem speziellen Stand – hmm lecker – ich habe heute noch den Geschmack auf der Zunge!!
Juli 11th, 2009 um 5:05 pm
Hallo,
wer kann mir sagen wo ich diese Ginja noch kaufen kann ausser in Lissabon? Ich meine diese spezielle Marke, “Espinheira Ginja”. Ich habe schon im Supermarkt “Modelo” nachgeschaut aber diese Marke gab es dort nicht. Wo könnte ich noch gucken?? Gibt es die vielleicht am Flughafen Faro im Duty Free??
Danke,
LG, C.
Dezember 27th, 2009 um 10:28 pm
Hallo,
kann mir jemand sagen, ob ich den Espinheira Ginja irgendwo im Internet bestellen kann (versandt nach Deutschland)?
Danke.
Christoph