Taubenhäuser in Trás-os-Montes: Die Wiederentdeckung eines Stücks Kulturgeschichte
Über Jahrzehnte hinweg gehörten kleine, weiß gekalkte Taubenhäuschen fest ins Landschaftsbild von Portugals äußerstem Nordosten, dem Terra Fria. Doch dieses Stück Kulturgeschichte befindet sich in akuter Gefahr: Landflucht und EU-Agrarpolitik ließen viele der so charakteristischen Taubenschläge verfallen. Doch in der Region setzt ein Umdenken ein: Immer mehr Taubenhäuser werden restauriert – und eine kulinarische Woche soll im wahrsten Sinne des Wortes wieder Appetit auf die traditionelle Vogelhaltung machen.
Terra Fria nennt sich der Landstrich rund um die Städtchen Bragança, Vimioso und Miranda do Douro im äußersten Nordosten Portugals. Einsam ist diese Gegend hier, karg und mühsam zu bewirtschaften – wie schon der Name “Kaltes Land” besagt. Über Jahrhunderte hinweg mussten sich die Bauern der Terra Fria mit einer mühevollen Selbstversorger-Wirtschaft über Wasser halten. Und so war die Taubenhaltung für viele Menschen hier ein willkommenes Zubrot, die nicht nur den Speisezettel mit zartem Vogelfleisch bereicherte: Ganz nebenbei produzierten die Tauben noch wertvollen Dünger.
Die Ursprünge der Taubenhaltung liegen weit zurück: Vermutlich vor 5.000 Jahren fingen Menschen im Mittleren Osten an, die Vögel in Taubenschlägen zu halten. In Europa entdeckte man allerdings sehr spät, etwa ab Einsetzen der Renaissance, die Vorzüge von Taubenhäusern. So breiteten sich auch im Nordosten Portugals erst ab dem 19. Jahrhundert die heute als typisch geltenden Taubenhäuschen aus – dann aber in großer Zahl. Heute gibt es in der dünn besiedelten Nordost-Provinz Trás-os-Montes rund 3.500 Taubenschläge aus der Zeit des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Anders als in Spanien oder auch in anderen Regionen Portugals sind sich die Taubenhäuser im Terra Fria in ihrer Baustruktur sehr ähnlich: Von außen weiß gekalkt, errichtet in einer halbrunden Hufeisenform (weiter südlich zum Douro hin sind die Taubenhäuser meist konisch-rund oder auch quadratisch). Die Häuser, lokalisiert am Dorfrand oder auf Feldern in der Nähe von Siedlungen, besaßen wenig Schmuck. Allenfalls den Ein- und Ausflugluken für die Tauben auf dem Dach wurden hin und wieder ein paar Verzierungen spendiert.

Ein typisches Pombal nahe Bragança. Foto: Manuel Anastácio auf Wikipedia
Die Funktionsweise ist denkbar einfach. Denn anders als in der normalen Käfighaltung von Vögeln erforderten die Taubenschläge nur wenig Pflege von den Bauern. Die Tauben, die normalerweise in den zerklüfteten Felshöhlen von Trás-os-Montes nisten, werden durch das Futter in den Häuschen angelockt – und bleiben dort. Denn die “Pombais” bieten nicht nur sichere Nahrung, sondern auch Schutz vor nätürlichen Feinden der Tauben.
Meist wurden die Taubenhäuser auf felsigem Grund errichtet, so dass sie dem Bauern noch nicht einmal Ackerland wegnahmen. Der Nutzen war dagegen groß, denn die hier gehaltenen Felsentauben (pombo-das-rochas) und Hohltauben (pombo-bravo) eigneten sich nicht nur zum Verzehr. Auf dem Boden der Taubenhäuser sammelte sich der Vogelkot zu einem mineralstoffreichen Dünger, dem Pombinho (“Täubchen”), an.
Die große Zeit der Taubenhaltung währte im Terra Fria nur ein gutes Jahrhundert lang. Seit den 1950er Jahren sank die Zahl der bewirtschafteten Taubenhäuser rapide. Landflucht, synthetischen Dünger und seit Mitte der 80er Jahre auch die neu verteilten Fördermittel der EU-Agrarpolitik sorgten für den Niedergang der Taubenzucht im Nordosten Portugals. Die meisten Häuschen verfielen: Ein Stück Kultur- und Landschaftsgeschichte drohte zu verschwinden.

Vom Verfall bedroht: Zerstörtes Taubenhaus in Nordost-Portugal. Foto: PALOMBAR
Doch Rettung ist in Sicht. Seit ein paar Jahren wächst wieder das Bewusstsein für die alten Taubenhäuser: Sie sind nicht nur ein Anziehungspunkt für Touristen, sondern auch wichtig für die Bewahrung der Landschaftsgeschichte der Region: “Es sind alte Bauten, Beispiele für die Volksarchitektur der Region, errichtet mit heimischen Materialien, und vielfach mit interessanten Standorten – auch aus landschaftlichen oder ökologischen Gesichtspunkten”, beschreibt zum Beispiel José Carlos Barbosa von der Fachhochschule für Agrarwesen in Bragança die Bedeutung der Taubenhäuser. Auf jeden Fall passen die Taubenhäuser bestens in das Leitbild einer nachhaltigen, ökologischen Landwirtschaft.
Und so ist es ein Glücksfall, dass viele der Taubenhäuser nun wieder liebevoll restauriert werden. Gefördert mit Entwicklungsgeldern der EU sorgt der Verband PALOMBAR zusammen mit der regionalen Entwicklungsagentur Corane für die Herrichtung alter Taubenschläge. Rund 60 Häuser wurden – auch mit Hilfe von Freiwilligen – bereits in der Region renoviert. In ganz Portugal und den benachbarten spanischen Grenzregionen zusammen genommen sind es sogar 350.
Sicher ein schöner Erfolg: Aber wird mit der Renovierung der Häuser auch wieder die traditionelle Taubenhaltung dauerhaft ins Terra Fria zurückkehren? Oder mutieren die in strahlendem Weiß glänzenden Pombais zu einer pittoresken Fotokulisse für Touristen? PALOMBAR und Corane bemühen sich nach Kräften, bei den Menschen der Region selbst wieder ein Bewusstsein für den Wert der Taubenhaltung zu schaffen.

So soll es sein: Ein restauriertes Taubenhaus. Foto: PALOMBAR
Eine Maßnahme, ebenfalls von der EU gefördert, ist zum Beispiel die Ausrichtung eines Restaurant-Festivals (“Jornadas do Borracho”), in dem die Wirte des Terra Fria Gerichte rund ums Täubchen anbieten (hier ein Bericht im Expresso zum Thema). Das Festival findet noch bis zum 1. Januar 2008 mittlerweile bereits zum dritten Mal statt. Typisch “transmontanisch” sind die Tauben, wenn sie mit Kastanien und Pilzen serviert werden.
Die Wirte sind mit der Resonanz zufrieden – und würden ihr Angebot an Taubengerichten gerne auch auf das ganze Jahr ausdehnen. Einziges Problem: Der Nachschub an Täubchen fehlt. So berichtet der Público, dass es noch an der notwendigen Logistik fehlt, die die Tiere aus den Taubenschlägen zum Schlachter bringt, zumal die Hygienevorschriften sehr hoch sind. Erst, wenn auch dieser Projektschritt erfüllt ist, dürfte der Absatzmarkt für die Tauben weiter wachsen.
Und auch so manch ein Angebot für Touristen rund um die Taubenhäuser ist in Vorbereitung. Gemeinsam mit dem spanischen Nachbarn wurden drei Routen zu typischen “Pombais” entwickelt (über die sich jedoch leider nichts im Internet finden lässt). Zusätzlich bietet PALOMBAR auf seiner Website – allerdings nur auf Portugiesisch – ein paar Wandertipps zu Taubenhäusern. Und nicht zuletzt lassen sich viele Pombais auch an der bereits preisgekrönten Touristenroute “Rota Terra Fria” erkunden.
Mai 21st, 2008 um 5:11 pm
[...] Thema und Guna hat schon alles klar gemacht…. Zum Thema Tr