Flüchtlinge an der Algarve: Der Levante trieb sie Richtung Westen
Erstmals verzeichnet Portugal das Anlanden eines afrikanischen Flüchtlingsbootes an seiner Küste. Nahe dem Hafenstädtchen Olhão an der Algarve endete die Odyssee von 23 jungen Marokkanern: Starke Winde verhinderten, dass sie ihr ursprüngliches Ziel Spanien nicht erreichen konnten. Für Portugal – noch – ein Einzelfall. Doch je besser Spanien seine Küste abschirmt, desto attraktiver könnte auch die portugiesische Küste für die Routen der Menschenhändler werden.
Auf den ersten Blick erzählt das kleine himmelblau bemalte Holzboot im Hafen von Olhão nichts über seine Geschichte. Doch der Eindruck täuscht: Auf dieser winzigen Nussschale überwanden – dicht an dicht gedrängt – 23 junge Marokkaner die Überfahrt von Afrika nach Europa. Eine Reise mit Hindernissen: Denn ursprünglich wollte die Gruppe – 18 Männer und fünf Frauen, allesamt unter 30 Jahren alt – in die spanische Küstenstadt Cádiz übersetzen.

Der Traum vom europäischen El Dorado: Bildergalerie auf Expresso.pt
Der Levante, der in diesen Tagen über dem Mittelmeer heftig wehende Ostwind, trieb das Boot jedoch von seinem Kurs ab in Richtung Algarve. Bei diesen Naturkräften konnte der schwache 10 PS-Motor des Schiffs kaum noch etwas ausrichten. Vier Tage und vier Nächte waren die Flüchtlinge unterwegs, bis die Strömung sie schließlich am Nachmittag des 17. Dezember an den Strand der Insel Culatra vor dem Hafenstädtchen Olhão trieb.
Mit dieser ungewollten Irrfahrt verzeichnet Portugal nun erstmals die Anlandung eines Flüchtlingsbootes aus Marokko an seiner Küste. Im Gegensatz zum Nachbarland Spanien, das Nacht für Nacht Ziel für möglicherweise Tausender afrikanischer Flüchtlinge ist, liegt Portugal nicht auf der Route der Flüchtlinge – aus geografischen, aber auch wirtschaftlichen Gründen: Der Arbeitsmarkt in Spanien ist weitaus attraktiver, auch gibt es dort schon große Immigrantengemeinden aus Marokko.
Politik, Marine und Grenzpolizei versichern deshalb einhellig, hier handele es sich um einen “absoluten Einzelfall” (Innenminister Rui Pereira). Die Algarve werde sich nicht zu einem weiteren Zielgebiet für Flüchtlingsboote aus Afrika entwickeln – sie sei keine “Risikozone”, wie José van der Kellen, Chef der Grenz- und Ausländerbehörde FES an der Algarve, erklärte. Eine etwas seltsame Wortwahl, wie es scheint: Möchte man hier etwa beteuern, Touristen würden auch in Zukunft nicht an den schönen Stränden der Algarve von Flüchtlingen aus Afrika behelligt werden? Andere Urlaubs-”Paradiese” müssen bereits mit dem Einbruch der Wirklichkeit dieser Welt leben: Sehr bekannt ist das Bild des spanischen Fotografen Arturo Rodríguez, wo sich Urlauberinnen am Strand von Teneriffa um die Versorgung gerade angekommener afrikanischer Flüchtlingskinder kümmern (hier ansehen).
Die Irrfahrt der 23 Marokkaner von Olhão begann wie viele andere Flüchtlingstransfers über die Straße von Gibraltar mit der Zahlung einer saftigen Gebühr an den Schlepper: Medienberichte in Portugal schwanken zwischen 300 und 1500 Euro pro Person – Frauen zahlen mehr als Männer. Der Levante, ein heftiger Ostwind im Mittelmeer, trieb das Schiff von seinem Kurs ab. Ursprüngliches Ziel war Cadíz, knapp 100 Kilometer von der marokkanischen Küste entfernt. Als am zweiten Tag die Nahrungsmittel an Bord ausgingen, rief der Schiffsinhaber über Telefon zwei Schnellboote zu Hilfe. Diese Schiffe, nach Ansicht der FES höchstwahrscheinlich Drogenkuriere, brachten Nahrung und Wasser – und nahmen den Menschenschlepper dann auf. Die 23 Flüchtlinge an Bord wurden ihrem Schicksal überlassen, wie der Público berichtet.

Eine Strecke zwischen 200 und 300 Kilometer auf See: Von Marokko nach Olhão. Karte: Google Earth
Am Nachmittag des 17. Dezember bemerkten Fischer am Strand von Culatra das ankommende Boot und alarmierten die Küstenwache. 15 Menschen mussten ärztlich behandelt werden, acht davon im Hospital von Faro: Verbrennungen und Wassermangel hatten den Flüchtlingen zugesetzt. Andere fanden hingegen sogar noch die Kraft zu einer Flucht vor den portugiesischen Behörden und versuchten, sich in den Dünen der Insel zu verbergen. Ein aussichtsloses Unterfangen: Mit Hilfe eines Helikopters wurden bis zum Abend alle Bootsinsassen in Gewahrsam genommen. Mittlerweile wurden die meisten der Ankömmlinge in ein Aufnahmelager in Porto verlegt.
Man müsse alle Sympathie für die Flüchtlinge an der Algarve aufbringen, fordert Henrique Monteiros in seinem Blog O País dos Prodígios – es handele sich hier um “besondere Menschen”: “Bereit, ein Risiko aufzunehmen, unter härtesten Bedingungen zu arbeiten, die sich ein Herz fassen würden um zu überleben”, so Monteiro.
Portugals Innenminister Rui Pereira hält dagegen: “Wenn wir hier nicht konsequent bleiben, so senden wir ein falsches Signal an Tausende von jungen Menschen in Afrika, die unter schlimmen Umständen ihr Leben aufs Spiel setzen, um nach Europa zu gelangen”, sagte er dem Expresso.
Ob sich die Flüchtlinge, getrieben von Armut, Unsicherheit und Perspektivlosigkeit, wirklich von einer Festung Europa beeindrucken lassen? Oder werden sie einfach nur neue Wege suchen, das “europäische El Dorado” (Expresso) zu erreichen? Die portugiesische Marine bereitet sich seit ein paar Jahren darauf vor, dass Portugal vermehrt zum Anlaufziel von Überfahrten aus Afrika könnte: “Ab dem Moment, an dem Spanien es schafft, seine Küstenlinien komplett zu schützen und wenn gute Bedingungen auf See herrschen, ab dann könnten die illegale Immigration an die Küste der Algarve gelangen”, zitiert etwa der Público den Marinekommandanten Silvestre Correia.
Februar 18th, 2008 um 11:18 pm
Die Flüchtlinge sind mittlerweile längst aus Portugal abgeschoben. Das Nachrichtenmagazin Visão fuhr nun nach Marokko, um zu sehen, wie die Flüchtlinge nun leben. Das Resultat: Eine Bildergalerie, abrufbar hier:
http://aeiou.visao.pt/Actualidade/Mundo/Pages/marroquinos.aspx