Der Lissaboner Zaubergarten des Baron Daupiás wartet noch immer auf sein Erwachen aus dem Dornröschenschlaf
Überwuchert von Pflanzen, zerfressen vom Verfall: Mitten in Lissabon fristet das einstige Anwesen des Barons Frederico Daupiás ein beklagenswertes Dasein. Eine Gruppe engagierter Bürger will nun aus dem zerfallenden Dornröschenschloss mit seiner großen Parkanlage wieder das machen, was es einst war: Ein Zentrum der portugiesischen Gartenkultur, offen für jedermann.
Frederico Romão Daupiás d’Alcochete (1839-1928) war nicht nur ein weit gereister und wohlhabender Mann. Der vierte Baron von Alcochete pflegte auch eine besondere Leidenschaft für Pflanzen, von denen er sich aus allen Ecken der Welt Setzlinge und Samen mitbrachte. Und als sich Frederico Daupiás im Jahr 1896 entschloss, ein großes Grundstück Grundstück an der Rua do Arco à São Mamede in Lissabon zu erwerben, so tat er dies nicht nur, um hier ein schmuckes Wohnhaus zu errichten – sondern auch, um sich und den Bürgern der Stadt eine einzigartige Gartenanlage zu schenken.
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Parlament, Estrela-Park und Botanischer Garten sind nahe: Der Standort des Casa Daupiás (violett eingefärbt). Quelle: Google Maps
Innerhalb kürzester Zeit schaffte es der Baron, das Areal vom wild wuchernden Gestrüpp zu befreien und in eine wahrhaftige Parkanlage zu verwandeln. Bereits zum Jahresende von 1896 sorgte der Baron Daupiás mit einer viel besuchten Chrysanthemen-Ausstellung für Aufsehen. Und das nicht nur, weil die ausgestellten Blumen so hübsch waren: Nie zuvor hatte in Portugal ein Adliger seinen privaten Garten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Im Laufe der folgenden Jahre entwickelte sich der Park des Casa Daupiás zu einem kleinen Paradies inmitten der Stadt, der in Ausstattung und wissenschaftlichem Anspruch durchaus mit dem nahe gelegenen und nur wenige Jahre vorher gegründeten Botanischen Garten mithalten konnte. Begünstigt von der hügeligen Topographie des Geländes am Rücken des Bairro Alto konnte Daupiás den Garten in mehrere Ebenen mit unterschiedlichen Bepflanzungen unterteilen. Zedern, Palmen, Araukarien, Magnolien und mehr – alles hatte in diesem so einzigartigen wie großzügigen Stadtgarten seinen Platz. Unten, im ebenen Teil hinter dem im Jahr 1906 errichteten Wohnhaus von Daupiás, errichtete der Baron verschiedene Gewächshäuser zur Aufzucht weiterer Pflanzenarten.
Um sein grünes Paradies prächtig gedeihen zu lassen, entwickelte Frederico Daupiás ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem. Und auch für diese Anforderung zeigte das Grundstück im Stadtteil São Mamede beste Voraussetzungen: Direkt oberhalb des Gartens verläuft die im 19. Jahrhundert angelegte Wasserleitung des Aqueduto das Águas Livres. Vor der Haustür des Casa Daupiás befindet sich noch heute der Brunnen am Arco de São Mamede.

Der Brunnen am Arco de São Mamede, mit dem darüber verlaufenden Aquädukt. Im Vordergrund sieht man Mauern und Eingangstor zum Casa Daupiás. Aufnahme aus dem Jahr 1939. Quelle: Eduardo Portugal / Stadtarchiv von Lissabon
Mit seinem Werk hier, mitten in der Stadt Lissabon, setzte der Baron Daupiás Maßstäbe. Basierend auf seinen Experimenten und Untersuchungen verfasste er zum Beispiel das Fachbuch Guia de Horticultura Práctica (Handbuch des praktischen Gartenbaus), das für viele weitere Generationen von Pflanzenfreunden zur Referenz wurde. In seinem Haus richtete Frederico Daupiás zudem eine Samenhandlung ein, damit auch andere Gärten von seiner Arbeit profitieren konnten.
Nach Fredericos Tod im Jahr 1928 übernahm dessen Tochter, die Vicomtesse von Assentiz, das Anwesen und die Pflege der Gartenanlagen. Doch im Laufe der Jahre verliert sich Spur und Ruhm der Gärten des Casa Daupiás. Heute befindet sich das Anwesen in einem beklagenswerten Zustand – der Diário de Notícias bezeichnete das Haus sogar als “skandalösestes Beispiel für einen Leerstand in Lissabon”.
Wer heute ein paar Schritte vom portugiesischen Nationalparlament die Rua de São Bento hinauf läuft, trifft bald auf die Rua do Arco de São Mamede, wo sich, versteckt hinter den Hausnummern 6 bis 8, das Casa Daupiás befindet. Hier, geschützt durch eine hohe Mauer, beginnen die Parkanlagen, die sich – versteckt von Häuserzeilen – bis hinunter zur Rua da Imprensa Nacional ziehen. Bis vor kurzem lag an diesem Endpunkt des Gartens noch der Pátio do Gil, das Haus des berühmten romantischen Dichters und Historikers Alexandre Herculano – es wurde aber vor einigen Jahren für den Bau eines gesichtslosen Mehrfamilien-Appartmenthauses abgerissen. Die Pflanzen wuchern bereits über den Mauern des Parks, ein intensiver Duft erfüllt die Luft. Über dem Chalet von Frederico Daupiás, durch das schmuckvolle schmiedeeiserne Eingangstor gut erkennbar, hat sich jedoch die Ruhe eines verfallenden Altbaus gesenkt.
Trauriger Zustand heute: Bilder des Casa Daupiás von Fernando Jorge, Lissabon – für größere Ansichten bitte auf ein Bild klicken
Ein ähnliches Schicksal drohte auch dem Casa und Park Daupiás: Das gesamte Areal befindet sich im Besitz einer Immobiliengesellschaft, die bereits verschiedene Anläufe zu Abriss und Neubau auf dem Gelände startete.
Glücklicherweise ist die portugiesische Denkmalsverwaltung IPPAR dabei, das Casa Daupiás mitsamt seinen Park als Kulturerbe zu erklären – was zunächst aber nichts am beklagenswerten Zustand ändert. Außerdem fällt das Gebiet wegen seiner Nähe zum Aquädukt unter dessen erweiterte Denkmalschutzrichtlinien, was weitere Veränderungen an der Nutzung ebenfalls erschwert. Was also tun?
Eine Gruppe engagierter Lissaboner Bürger der Initiative “Cidadania LX” will nun Bewegung in die Debatte bringen. Sie haben ein mehrseitiges Positions- und Ideenpapier erarbeitet, das das Casa Daupiás endlich aus dem Dornröschenschlaf aufwecken soll. So ließe sich das Haus selbst etwa als Sitz der Stadtteilverwaltung von São Mamede sowie für verschiedene pädagogische Zwecke rund um die Gartenkultur nutzen. Aber vor allem in der Herrichtung des Gartens liege ein großes Potenzial für Lissabon, so die Autoren. Sie sehen hier die Chance zur Herrichtung eines urbanen Gartens für Lissabon, wie es ihn noch nicht gibt. Eine Idee wäre es zum Beispiel, Flächen des Daupiás-Gelände den Bürgern zur eigenen Bewirtschaftung zu überlassen. Diese Idee hätte sich in großen Metropolen wie London oder Paris bewährt, so die Freunde des Casa Daupiás. Außerdem wäre es denkbar, den Garten als Lehreinrichtung für Schulen zu nutzen.
Doch nicht nur das: Mit der Wiedereröffnung der Gärten des Daupiás gewänne Lissabon einen attraktiven neuen Park hinzu, der ein reizvolles Dreieck mit dem Botanischen Garten und dem Park am Principé Real – bekannt für seinen Markt biologischer Erzeugnisse -bilde.
An prominenten Unterstützern für die Initiative fehlt es nicht: Neben zahlreichen Universitäts-Professoren spricht sich zum Beispiel auch Nuno Daupiás d’Alcochete, ein direkter Nachfahre des Barons Frederico Daupiás, für diese behutsame Wiederherrichtung des Zaubergartens an der Rua do Arco à São Mamede aus. Nun liegt es an der Lissaboner Stadtpolitik, zu handeln. Noch gäbe es sogar Gelegenheit, einige alte Bäume und Reste aus dem Garten zu retten – ein Gutachten der Stadtverwaltung selbst kam vor einigen Jahren zu dem Schluss, dass sich immerhin noch 15 Bäume in gutem Zustand befänden. Doch mit jedem Jahr, das verloren geht, verfällt der so einzigartige Garten ein Stück weiter in seinen überwucherten Zustand zurück, den der Baron Frederic Daupiás 1896 vorfand, als er das Grundstück erwarb.



Juni 8th, 2008 um 5:38 pm
[...] leer, warten auf eine neue Aufgabe – darunter auch zahlreiche architektonische Schätze von Rang (siehe auch den Artikel über das Casa Daupias). Man darf gespannt sein, wohin es die Initiatoren dann ziehen [...]