Abseits des EU-Afrika-Gipfels: Wo Lissabon wirklich afrikanisch ist
Das hat Lissabon noch nicht gesehen: 5.000 Delegierte, Beobachter und Helfer versammeln sich in der portugiesischen Hauptstadt zum EU-Afrika-Gipfel. Und obwohl Portugals Ministerpräsident José Socrates zur Konferenzeröffnung Lissabon als “afrikanischste Stadt der EU” bezeichnete, spielt sich das große Politikertreffen doch weitgehend in der abgeschotteten Parallelwelt von Luxushotels und Messegelände ab. Wer allerdings ein wenig sucht, findet abseits des Gipfelgeschehens das wahre afrikanische Gesicht der Hauptstadt.
Erstmals seit Jahren treffen sich die europäischen Regierungschefs mit ihren afrikanischen Kollegen zu einem großen Gipfel. Und so ist, trotz aller Querelen um den Besuch des simbabwischen Diktators Robert Mugabe, der EU-Afrika-Gipfel das große Prestigeprojekt der portugiesischen EU-Ratspräsidentschaft. Klar, dass bei einem solchen Politikereignis alle Kräfte aufgefahren werden: Auf rund 10 Millionen Euro belaufen sich die Kosten für Sicherheit, Organisation und Rahmenprogramm.

Für die sonst von den internationalen Politikströmen so abgelegene Hauptstadt Lissabon sind die Gipfeldimensionen einzigartig: Regierungschefs und ranghohe Vertreter von über 50 afrikanischen Ländern werden anreisen, dazu Repräsentanten der 27 EU-Mitgliedsstaaten und weiterer Organisationen. Hinzu kommen schätzungsweise 1.400 Journalisten. Nichts bleibt ungezählt bei diesem Großereignis – und so notiert der Expresso sogar ganz sorgfältig die 120 Hostessen, die für die Bewirtung der Gäste während des Gipfels angeheuert wurden.Und auch die Mannschaftsstärken der einzelnen Delegationen sind nicht zu verachten: Selbst das kleine Gabun mit gerade einmal etwas mehr als einer Million Einwohnern bringt 127 Personen mit nach Lissabon. Da liegt der Verdacht nahe, dass so manch eine Regierung den EU-Gipfel auch als angenehmen Kurztrip für Freunde und Verwandte versteht. Zumal die Unterkunft nicht die schlechteste ist: Insbesondere die Hotels der Fünf-Sterne-Kategorie vermelden während der Gipfelzeit eine Auslastung von 80 bis 100 Prozent. Allein Angola, ein vom jahrzehntelangen Bürgerkrieg ausgezehrtes Land, hat nach Informationen des Jornal de Notícias 80 Zimmer im Lissaboner Ritz gebucht.
Nur einer verweigerte sich den Nobelherbergen der Stadt: Lybiens Staatschef Muammar al-Gaddafi bezieht vor den Toren Lissabons ein großes Beduinen-Zeltlager. In Oeiras, direkt am Tejoufer gelegen, bezog Gaddafi im Fort Julião da Barra ein riesiges Zelt, in dem ein großer Teil seiner 200-köpfigen Delegation Unterschlupf findet – mitsamt einigen lebenden Tieren, die zur Verpflegung der Mannschaft gleich mitgebracht wurden. Diese Sonderwünsche, und nicht zuletzt auch die vielen mitgeführten Waffen, bereiteten den portugiesischen Organisatoren wohl am meisten Kopfschmerzen bei ihrer Gipfelvorbereitung.

Das Zelt von Muammar al-Gaddafi im Fortaleza Julião da Barra. Bild: RTP (Hier geht’s zum kompletten Nachrichtenbeitrag)
So groß der Organisationsaufwand für den Gipfel auch sein mag: Die größten Teile finden in abgeschotteten Bereichen statt – und der normale Lissaboner dürfte, von einigen Verkehrsbehinderungen abgesehen, nur wenig vom afrikanischen Besuch mitbekommen. Die Delegationen residieren in Hotels, der Gipfel selbst spielt sich im auch eher abgelegenen ehemaligen Expo-Gelände, dem heutigen Parque das Nações, ab.
Doch das wahre afrikanische Gesicht Lissabons, das befindet sich ohnehin woanders. Es ist über die Stadt verstreut, zeigt sich mal versteckt, mal offener – und erfordert vom Besucher immer etwas Spürsinn und manchmal auch Mut, es zu finden. Wer sich die Mühe macht, wird jenseits des Gipfels im Lissaboner Alltag “Lisboa africana” aufspüren können.
Über mehrere Jahrhunderte hinweg war Portugal Kolonialmacht in Afrika. Seit der De-Kolonialisierung in den 70er Jahren stieg die Zahl der afrikanischen Immigranten in Portugal rapide an. Heute leben nach Daten des nationalen Statistikinsituts rund 120.000 Afrikaner (mit Aufenthaltserlaubnis) in Portugal, von denen die übergroße Mehrheit aus den portugiesischsprechenden Ländern stammt.
Einer der Treffpunkte afrikanischen Lebens ist der Rossio, Lissabons zentraler Platz: Hier stehen viele Immigranten zusammen, oft streng nach Herkunftsländern aufgeteilt, und unterhalten sich. Und auch wenige Meter weiter, im Centro Comercial am Martim Moniz-Platz, findet man trotz des chinesischen Vormarsches noch einige afrikanische Läden. Doch längst haben sich afrikanische Restaurants, Läden und andere Einrichtungen von diesen typischen Treffpunkten über das gesamte Stadtgebiet hinaus verteilt.
Und auch die Portugiesen selbst verlieren immer öfter ihre Berührungsängste zur afrikanischen Kultur und Lebensart. Führten – und führen – viele Afrikaner lange Zeit fast ein eigenes, abgekapseltes Leben in der Hauptstadt, abgespeist mit billigen Jobs auf Baustellen, so entdecken doch viele Lissaboner den afrikanischen Lebensstil in ihrer Stadt. “Sete”, der Veranstaltungskalender des Nachrichtenmagazins Visão, widmete “Lisboa Africana” kürzlich sogar eine ganze Sonderausgabe: Mit Adressen von guten Restaurants, Diskotheken, Friseursalons, Tanzschulen, Geschäften – und sogar einem Online-Shop für die auch in Portugal beliebter werdenden Baby-Tragetücher made in Africa.
Trotz dieses leisen Aufstiegs kämpfen die meisten Afrikaner in Lissabon weiterhin mit schwierigen Lebensverhältnissen. Die große Mehrheit der Immigranten lebt in den gesichtslosen und von Kriminalität und Verfall geplagten Außenbezirken der Hauptstadt. Sie übernehmen die Billigjobs, neuerdings in zunehmender Konkurrenz zu Einwanderern aus Osteuropa. Und sie führen den afrikanischen Lebensstil in Lissabon weiter – auch und gerade dann, wenn die roten Teppiche für den Afrikagipfel längst wieder eingerollt sind.
Afrika in Lissabon: Drei Empfehlungen
- Kleidung, Dekoration, Alltagsgegenstände gibt es bei Africamente in der Rua Coelho da Rocha 81C (Campo Pequeno, Straßenbahn 28)
- Auf Kunsthandwerk hat sich Pó di Terra in der Rua D. Pedro V 62 (am Príncipe Real, Bairro Alto) spezialisiert
- Populärer Treffpunkt für afrikanisches Essen ist das kapverdianische Restaurant Casa da Morna in Alcântara – Rua Rodrigues Faria 21 (Straßenbahn 15). Mitinhaber ist der bekannte Sänger Tito Paris. Jeden Abend Live-Musik (ab 22:30 Uhr).
Dezember 8th, 2007 um 5:22 pm
Na ja, wo das richtige afrikanische Leben – oder besser gesagt Hausen – ist, da kommt eh kein Tourist hin.
Es ist ganz schön trostlos und sicher nicht zum Vorzeigen geeignet.
Sócrates hat einen Satz gesagt:
A GAFFE DE JOSÉ SÓCRATES
O PM português afirmou que Lisboa era a cidade Europeia mais africana. Ninguém reparou, mas Sócrates enganou-se. O que ele quis dizer foi: Lisboa é a cidade africana mais europeia.
Ou Portugal é, porventura, Europa?
Na denne – er war sicher noch nicht dort, wo es am Afrikanischsten ist!!
Dezember 9th, 2007 um 10:38 am
Über die schwierigen Lebensverhältnisse in Cova da Moura auch ein kurzer, aber erhellender Beitrag auf Euronews:
http://www.euronews.net/index.php?page=info&article=458163&lng=3