Was das Erdbeben von Lissabon mit dem 11. September zu tun hat
Heute vor 257 Jahren – am 1. November 1755 – wurde Lissabon von den Folgen eines starken Erdbebens in weiten Teilen zerstört. Die Nachricht von dem Ereignis bewegte damals die Menschen in ganz Europa. Ein Bild spielte in der Wahrnehmung des Erdbebens als Katastrophe eine ganz besondere Rolle.
Der Begriff des “Katastrophen-Journalismus” hat heute einen schlechten Beiklang. Und doch gehört er gerade zum Bild-Medium Fernsehen fest dazu: Überschwemmungen, Terroranschläge, Flugzeugabstürze – all diese Negativ- und Horror-Ereignisse verbuchen wir unter dem Etikett “Katastrophe”.
Zur “Katastrophe” werden diese Geschehnisse allerdings erst durch die Bilder, über die wir sie wahrnehmen. Heute sind es Fernsehbilder, oft sogar – wie am 11. September 2001 - live gesendet. Doch schon vor fast 300 Jahren formten Bilder ganz deutlich die Einstufung und Wahrnehmung eines bestimmten Ereignisses – und ganz besonders deutlich beim Erdbeben von Lissabon.
So viel zu den Parallelen – unterschiedlich war damals jedoch die Bedeutung des Begriffs “Katastrophe”. Darauf weist der deutsche Forscher Dr. Jörg Trempler in einem ausführlichen Interview mit der taz hin (“Die Erfindung der Katastrophe”, taz, 1.11.2007).
Die Ereignisse vom Allerheiligentag 1755 klingen auch heute noch erschütternd: Am Vormittag des 1. Novembers bebt in Lissabon drei bis sechs Minuten lang die Erde. Häuser stürzen ein, ganze Erdspalten tun sich auf. Doch damit nicht genug: Eine kurze Zeit später anrollende Tsunamiwelle und der Feuersturm über den Häusern sorgen für zehntausende Todesopfer. 85 Prozent der Häuser Lissabons sind zerstört, bis zu 90.000 Menschen mussten ihr Leben lassen.
Was heute die Live-Berichterstattung von CNN machen würde, übernahmen damals hastig gedruckte Flugblätter, die in ganz Europa verteilt wurden: Stiche mit Szenen von der Verwüstung, ergänzt um etwas Text über die Umstände. Diese Massenware war damals schon normal – doch ein Stich ragt aus der Masse heraus, wie Jörg Trempler zeigt. Es handelt sich um ein erst 1757 fertiggestelltes Bild des französischen Stechers Jacques Philippe Le Bas.

Das Bild weicht zunächst nicht von den damals schon üblichen Zerstörungs- und Feuersbrunstdarstellung ab: Im Vordergrund stehen Häuserruinen, noch fast glühend von der Feuersbrunst. Doch das Besondere ist: Im Hintergrund sieht man schon die Gebäude des “neuen Lissabon”, die nach dem Erdbeben vom Marquês de Pombal errichtet wurden. Genau durch diese Gegenüberstellung des Alten und Neuen werde der Zukunftscharakter deutlich herausgestellt, so Jörg Trempler in der taz. Und weiter:
“Wenn man diese Architektur genau betrachtet, dann ist sie neu, zeigt, dass die Stadt nicht so wieder aufgebaut wird, wie sie einstmals stand, sondern moderner. Dadurch ist erstmals das Buchstäbliche einer Katastrophe dargestellt, der Wendepunkt.”
Auf diesen Aspekt kommt es Trempler besonders an: Dass die Katastrophe, vor allem auch in der Theatersprache des 18. Jahrhunderts, als “Wendepunkt” verstanden werden soll – und nicht nur als etwas rein Negatives, wie wir es heute tun. Das Bild von Jacques Philippe Le Bas setzt also einen ganz anderen Akzent – und passt so auch irgendwie in die damalige Zeit.
Und heute? Hätten andere Bilder, etwa vom 11. September, auch zu einer anderen Wahrnehmung dieser “Katastrophe” geführt? Die Wahrscheinlichkeit dafür ist hoch. Zwar könne man Ereignis und Darstellung nicht mehr trennen, so Trempler. Doch man müsse “in aller Deutlichkeit sagen, dass die Fernsehbilder kein bloßer Spiegel sind und wir nur wie durch ein Fernglas zugucken.”
Zum kompletten Interview in der taz