Vor 200 Jahren: Die Truppen Napoleons erobern Portugal
Portugal gedenkt in diesen Tagen der Invasion französischer Truppen im Land. Vor fast genau 200 Jahren, am 30. November 1807, fiel Lissabon. Nur wenige Tage zuvor, am 27. November, hatte sich die komplette königliche Familie mit ihrer Entourage hals über Kopf nach Brasilien abgesetzt. Für Portugal folgten lange Kriegsjahre: Die einst so stolze Seefahrernation wurde zum Spielball der Großmächte Frankreich und England.
Am 27. November 1807 war auf den Straßen im Lissaboner Stadtteil Belém der Teufel los. Menschenmassen schoben sich über Straßen und Plätze, Gepäckstücke lagen quer verstreut. Und die Nachrichten waren alles andere als beruhigend: Unterstützt von ihren spanischen Verbündeten hatten die Truppen Napoleons bereits die Grenze Portugals überschritten. Die Einnahme Lissabons war nur noch eine Frage von Tagen. Das Ziel war klar: Schon einen Monat zuvor, am Einen Monat zuvor, am 28. Oktober, hatte Napoleon sein Ziel schon klar gemacht: Im Vertrag von Fontainebleau teilten sich Frankreich und Spanien das portugiesische Territorium untereinander auf.
Warum Portugal? Damals wie heute befindet sich das Land geographisch gesehen in einer Randlage: Fernab im Westen, ein kleiner Staat ohne große Einflüsse. Doch es war vor allem die portugiesische Allianz mit England, die das Land verwundbar machte. Portugals Häfen gewährten den englischen Schiffen weiterhin Einfahrt – eine empfindliche Lücke in Napoleons Strategie, die Engländer komplett vom Kontinent abzuschotten.

Aufruhr am Tejoufer von Belém: Der König reist ab. Ein Stich aus dem Jahre 1890(?) illustriert diese Szenerie. Quelle: Biblioteca Nacional Digital
So kam es also im Spätherbst 1807 zur ersten Invasion französischer Truppen in Portugal. “Ich sehe, dass im Inneren meines Königreiches Truppen des Herrschers von Frankreich und dem König von Italien marschiren und dass diese sich zu dieser Hauptstadt hinbewegen” – so setzt Portugals damaliger König Dom João VI einen Abschiedsbrief an sein Volk an. So rasch sich Napoleons Truppen in Richtung Lissabon bewegen, so hektisch ist auch die Flucht der königlichen Familie. Der Marquês von Fronteira und Alorna beschrieb in seinen Erinnerungen die denkwürdige Abreise vom 27. November 1807:
“Das Gepäck des Hofstaats, dem Wetter ausgesetzt und fast unbeaufsichtigt, reichte von der Rua da Junqueira bis zum Kai und die Fuhrwerke konnten den Platz von Belém nicht erreichen, weil (…) eine riesige Menschenmenge den Platz bevölkerte, das Gepäck und das Regiment von Alcântara, welches eine Ehrenwache aufstellte, behinderten den Verkehr. (…) Nach einer Salve der Garde wussten wir, dass Seine Hoheit an Bord angekommen war. Der größte Teil der Familien teilten sich auf, als Konsequenz der Unordnung, die hier herrschte, und alle betraten das erstbeste Boot, das sie antrafen; das Gepäck verblieb an Land und viele, die die Boote betraten, taten dies auf Schiffen, wo sich nicht ihre Herren befanden (…)”
(übersetzt aus dem Portugiesischen; Originaltexte veröffentlicht auf Infopedia.pt)
Rund 15.000 Menschen verließen an diesem denkwürdigen Tag Lissabon. Der König hinterließ einem Statthalter die Anweisung, die Stadt kampflos an die Franzosen zu übergeben. Mit der Übersiedelung des Hofes nach Brasilien wurde Rio de Janeiro, künftiger Aufenthaltsort des Königs, auch zur Hauptstadt Portugals.
Der Abschied des Königs leitete eine unglückliche Phase in der Geschichte Portugals ein. Zwar kamen im Sommer 1808 englische Truppen den Portugiesen zu Hilfe, um die Truppen Napoleons wieder aus dem Land zu vertreiben. Dieser Kampf zog sich über mehrere Jahre hinweg – und fand auf der gesamten iberischen Halbinsel statt. Francisco de Goyas Bilderzyklus Desastres de la Guerra basiert auf den Erfahrungen dieses Krieges.
Erst 1811 war Portugal wieder komplett von napoleonischen Truppen befreit – doch sowohl Franzosen wie auch Briten agierten nach der Strategie der verbrannten Erde. So bezahlte Portugal einen hohen Preis für den Krieg der Großmächte, der auf seinem Boden ausgetragen wurde: Das Land war pleite und hoffnungslos dem Gutdünken Englands ausgesetzt. Zu einer Zeit, als anderswo in Europa die industrielle Revolution einsetzte, verpasste Portugal den Anschluss und wurde später sogar ein rückständiges Anhängsel seiner Kolonie Brasilien.
Erst die liberale Revolution von Porto im Jahre 1820 befreite das Land wieder von der englischen Übermacht. 1822 erklärte Brasilien seine Unabhängigkeit - und erst dann kehrte die portugiesische Königsfamilie, wenn auch widerwillig, zurück ins eigene Land.
An diese für die portugiesische Geschichte so entscheidende Zeit erinnern im Augenblick mehrere Ausstellungen und Veranstaltungen. So widmet die Nationalbibliothek in Lissabon den Ereignissen eine Sonderschau, die zum Beispiel auch anti-französische Pamphlete aus dieser Zeit zeigt. Und sogar das Teatro Nacional de São Carlos nähert sich dem Thema auf eigene Weise: Mit einer Aufführung von Musikstücken aus der Zeit des Krieges.