Vaterlandsverräter oder Nationalheld? Auch an seinem 85. Geburtstag hegt Portugal ambivalente Gefühle gegenüber José Saramago
Heute, am 16. November, feiert der portugiesische Schriftsteller José Saramago seinen 85. Geburtstag. Für Saramago kein Grund, sich zur Ruhe zu setzen: In schöner Regelmäßigkeit stachelt er in Portugal erregte Debatten an – wie zuletzt über den Anschluss des Landes an Spanien. Und so polarisiert Saramago bis heute – und widersteht gekonnt allen Anwandlungen, ihn als Nationalhelden zu verehren…
Wenn heute José Saramago seinen 85. Geburtstag feiert, dann wird dies in der ausländischen Presse stärker gewürdigt als in seinem Heimatland Portugal. Das ist durchaus als symptomatisch zu verstehen: Denn anders als zum Beispiel in Deutschland, wo sich Saramago einen treuen und ihm ergebenen Leserkreis erobert hat, ist der Schriftsteller in Portugal bis heute eine umstrittene Figur. Und so hievt die heutige Ausgabe des Diário de Notícias zwar ein literarisches Thema auf ihre Titelseite – doch dort geht es nicht um Saramago, sondern um die Veröffentlichung der portugiesischen Ausgabe vom letzten Harry Potter-Band.
Vielleicht passt dieses Zusammentreffen aber auch ganz gut ins Bild. Denn es scheint, dass noch immer viele Portugiesen bei José Saramago nicht recht wissen, ob sie es hier mit einem Dichterfürsten zu tun haben – oder doch eher mit einem bösen Lord Voldemort, dem “Gott-sei-bei-uns” Portugals. Seit seinem literarischen Aufstieg sorgte Saramago immer wieder für heftige Debatten und Polemiken in Portugal – sei es in der literarischen wie auch politischen Arena.
Andererseits sind in dieser Beziehungskiste immer wieder aufrichtige Annäherungsversuche zu verzeichnen. Trotz aller Kritik verfügt Saramago auch in Portugal über zahlreiche Leser. Der nationale Literaturpreis, der Premio Camões, wurde ihm nicht verwehrt. Und spätestens seit 1998, als José Saramago der Literatur-Nobelpreis zugesprochen wurde, setzte fast so etwas wie eine kurze Liebesaffäre von Portugal und seinem berühmten Sohn ein. Damals tauchten über Nacht an jeder Ecke Lissabons Plakate auf, die José Saramago zum großen Preis beglückwünschten.
Doch Saramago wäre nicht Saramago, wenn er sich von der national angehauchten Begeisterung über den Nobelpreis hätte einwickeln lassen. Und so blieb er bis heute der große Unabhängige, der sich von keiner Gruppe vereinnahmen ließ – nicht von den ihm nahestehenden Kommunisten. Ganz zu schweigen vom bürgerlichen Establishment, zu dessen Feindbild er nach der Veröffentlichung seiner Romane “Das Memorial” (1982) oder “Das Evangelium nach Jesus Christus” (1991) ohnehin gehörte.
In der schönen Regelmäßigkeit, mit der Saramago bis heute neue Romane produziert, sorgt er auch immer wieder für neue Debatten in seinem Heimatland. So versetzte Saramago in diesem Sommer das Blut vieler Portugiesen in Wallung, als er die Angliederung des Portugals an Spanien befürwortete. Dieses alte Reizthema einer “iberischen Union” brachte ihm dann auch postwendend das Prädikat des “Vaterlandsverräters” ein.
Nichts neues für Saramago – denn ähnlichen Verunglimpfungen war er auch Anfang der 90er Jahre ausgesetzt, als sein Roman “Das Evangelium nach Jesus Christus” eine in Portugal bislang nicht gekannte öffentliche Debatte über ein literarisches Werk verursachte. Der Tumult führte am Schluss sogar dazu, dass der damalige Kulturminister Pedro Santana Lopes den Namen Saramagos von der Vorschlagsliste für den Europäischen Literaturpreis strich.
Nach dieser Schlammschlacht kehrte Saramago Portugal den Rücken zu – und zog nach Lanzarote. Ein Schritt, der die Vorbehalte gegen ihn zum Teil noch verstärkte: “Er verteidigt die iberische Union, er ist Kommunist, er hat das Land verlassen, um in Spanien zu leben, er ist mit einer Spanierin verheiratet, die auch noch zwanzig Jahre jünger als er ist” -so fasst der Filmemacher Miguel Gonçalves Mendes die Probleme zusammen, die Saramago so manch einem Portugiesen bereitet.
Doch genau das ist auch die Stärke José Saramagos: Er ist einer der wenigen unabhängigen Geister dieser Welt, der sich durch nichts und niemanden korrumpieren lässt. Vielleicht ist er deshalb auch nie als Politiker groß herausgekommen (bei der Europawahl 2004 kandidierte er auf einem aussichtslosen Listenplatz für die Kommunisten) – seine Stellung als großen Literaten hat diese Unbestechlichkeit aber nur gestärkt, mag man seine Meinungen teilen oder nicht. Parabéns, José Saramago!
Der jüngste Roman von José Saramago, “Eine Zeit ohne Tod” (“As intermitências da morte”) ist diesen Herbst bei Rowohlt auf Deutsch erschienen (19,90 Euro). Das Buch ist auf Deutsch oder Portugiesisch auch bei TFM erhältlich.