Scolari gegen Hoeneß: Wer hat die besseren Wutausbrüche?
Portugal hat’s geschafft: Nach einem 0:0 gegen Finnland hat sich die portugiesische Nationalmannschaft eine EM-Teilnahme im nächsten Jahr erzittert. Die eher mittelmäßigen Vorstellungen der Selecção haben im Land viel Kritik hervorgerufen. Zum Glück hat Nationaltrainer Filipe Scolari noch schnell einen Crashkurs in Sachen Wutausbruch bei Uli Hoeneß besucht – ein Vergleich zweier Alpha-Tiere.
Und wieder einmal schlagen die Emotionen hoch in der ganzen Welt des Fußballs. England ist am Boden zerstört, weil die Fußball-EM 2008 ohne Mannschaft von der Insel stattfindet. Doch auch in Portugal, das sich gestern seine EM-Teilnahme sichern konnte, ist die Stimmung eher mau: Zu mager waren die Leistungen der Nationalmannschaft in den letzten Spielen. Symptomatisch, dass selbst gestern im letzten Qualifikationsspiel gegen Fußball-Zwerg Finnland nur ein müdes 0:0 Unentschieden heraussprang. Und so titelte das Sportblatt Record heute nur noch erschöpft: “Uff… Estamos lá” (Uff, wir sind da).
Wie gut, dass wenigstens Nationaltrainer Filipe Scolari Emotionen zeigen konnte. Konfrontiert mit kritischen Fragen zu seinen Entscheidungen, reagierte Scolari auf der Pressekonferenz nach dem Spiel standesgemäß: Mit einem Wutausbruch. Scolari war sauer. Die kritischen Nachfragen der Journalisten nervten ihn sichtlich. Und dann ging es los: Er habe mehr für Portugal als für sein Heimatland Brasilien getan, skandierte er. Wie könne man ihn als Esel bezeichnen, wenn Portugal doch an der EM teilnehme? Noch Fragen? Nein, die wollte Scolari nicht und brach die Konferenz vorzeitig ab.
Die Fans sind dankbar: Denn wenn schon auf dem Spielfeld nichts passiert, so kann man doch wenigstens Youtube mit den Furore-Videos der Trainer und Fußball-Manager füllen. So hatte es vergangene Woche ja auch Bayern München-Manager Ulrich Hoeneß gehalten: Kritischen Fragen wich er lieber mit einer direkten Gegenattacke aus und stellte in diesem Fall die Münchner Fußballfans als hinterwäldlerische Provinzler dar. Hat sich Scolari etwa ein Beispiel an Hoeneß genommen? Zeit für einen Vergleich:
Die Gestik. Vorsicht, älterer Herr in Rage! Die Arme, erst der rechte, dann alle beide, werden in die Luft gerissen. Anklagend, wütend, beherrschend – ich gegen den Rest der Welt! Gleiches Muster bei beiden Kandidaten. Ein klares 1:1 .
Arme in die Höhe: Nun versteht doch endlich! Quelle: Youtube-Videos
Die Wortwahl. Schuld sind immer die Anderen: Bei Hoeneß sind es die Fans, die wohl nicht so recht mit den modernen Zeiten mitkämen. Bei Scolari sind es die Journalisten, die immer nur das Schlechte sähen. “Falta da ética” – Mangel an Ethik und Moral – stößt Filipe Scolari aus. Und Hoeneß sagt: “Ei, eure Scheiß-Stimmung, da seid ihr doch verantwortlich und nicht wir!” Schwierige Entscheidung – hier müssen wir noch in die Verlängerung gehen.
Der Abgang. Uli Hoeneß’ Sitznachbar Karl-Heinz Rummenigge schien während der Brandrede seines Managers in eine Art Schockstarre zu verfallen. Freie Bahn für Hoeneß – Scolari hingegen musste kämpfen. Denn er quälte sich, wand sich, wollte gehen – doch er durfte nicht. Schon beim ersten Versuch abzuhauen, legte sich noch eine ruhige Hand auf Scolaris Unterarm – wie ein wütendes Kind, das man zärtlich zur Vernunft ruft. Das hat ein Trainer nicht verdient – und etwas später brach Scolari dann auch tatsächlich die Pressekonferenz ab. Ein würdiger Sieg – 1:0 für Scolari

Nun lasst den armen Mann doch endlich gehen! Trotz aller Qualen muss sich Scolari noch den Fragen der Journalisten stellen. Doch ein paar Sekunden später setzt er sich durch: Die Pressekonferenz wird abgebrochen.
Die Reichweite. Beide Wüteriche konnten auf ein dankbares Medienecho hoffen. Dennoch kann Hoeneß hier auf einen Zeitvorteil bauen. Die Videos von seiner Münchner Fanbeschimpfung wurden nun nach knapp zehn Tagen schon über 300.000 Mal auf Youtube abgerufen. Da muss sich Scolari noch ganz schön anstrengen: Wohlwollend gezählt, kommt er auf rund 1.000 Abrufe einen Tag nach der so unfriedlichen Pressekonferenz. 1:0 für Hoeneß.
Die Wirkung. Zu guter letzt die Frage: Haben Scolari und Hoeneß ihr Ziel erreicht? Hoeneß dürfte wohl noch längere Zeit daran arbeiten, die Meinung der von ihm so verunglimpften Inhaber von 7-Euro-Tickets in der Allianz-Arena in seine Richtung zu drehen. Da kann Filipe Scolari schon einen größeren Erfolg verbuchen – denn einen Tag nach seinem Wutausbruch reagierte die sonst so bissige portugiesische Sportpresse ungewohnt sanft. “Parabéns Portugal, Parabéns Scolari” (Glückwunsch Portugal, Glückwunsch Scolari) schrieb zum Beispiel der “Record” vorsichtshalber direkt neben dem Uff-Seufzer auf seine Titelseite – man will es sich ja doch nicht zu sehr vergrätzen. 1:0 für Scolari also – und noch mit einem Sonderpunkt, denn für die Fußballfans hatte der Trainer im Gegensatz zu Hoeneß nur lobende Worte parat: Er bedankte sich ausdrücklich bei den Zuschauern im Portuenser Estádio de Dragão, die das letzte EM-Qualifikationsspiel gegen Finnland vorbildlich begleitet hätten.
Und so geht Scolari mit einem 3:2 plus Fairness-Sonderpunkt als Sieger aus dem Duell. Bis zum nächsten Mal – denn die Erwartungen sind groß, dass Portugal nun endlich einmal 2008 endlich einen so heiß ersehnten Triumph auf internationaler Bühne einfahren könnte.


November 23rd, 2007 um 12:56 pm
Ich bin mit umgezogen!!
Der Vergleich Bayer – Brasilianer ist köstlich – oder sollte man Fußball “Deutsch” – Fußball “Portugiesisch” sagen??
Auf jeden Fall: muito divertido!!!