Neues Reproduktionszentrum an der Algarve: Letzte Chance für den iberischen Luchs?
Noch vor einigen Jahrzehnten bevölkerten Tausende von iberischen Luchsen große Teile von Portugal und Spanien. Vergangene Zeiten: Mit gerade noch etwa 120 lebenden Tieren gehört der iberische Luchs heute zu den am stärksten gefährdeten Wildkatzen der Welt. Nun soll an der Algarve ein Reproduktionszentrum für den iberischen Luchs eröffnet werden. Gibt es noch Chancen, die einzigartige Wildkatze zu retten?
Vor nicht allzu langer Zeit gehörte der iberische Luchs zu den Stammbewohnern vor allem von Alentejo und Algarve in Portugal: Eine geschmeidige Wildkatze, die in der locker bewaldeten Wiesenlandschaft des Südens ideale Lebensbedingungen vorfand. Doch diese guten Zeiten sind längst vorbei: Mittlerweile ist der iberische Luchs akut vom Aussterben bedroht.
Von einstmals rund 100.000 Luchsen Anfang des 20. Jahrhunderts leben auf der iberischen Halbinsel heute nur noch geschätzte 120 Exemplare – die meisten davon im spanischen Nationalpark Cota Doñana. Einige wenige Tiere leben möglicherweise noch in kleinen Rückzugsgebieten in Portugal. Um wieviele Exemplare es sich hier aber wirklcih handelt, ist unklar. Laut Público wurden im Jahr 2001 in der Serra von Adiça (Alentejo) zum letzten Mal Spuren des iberischen Luchses auf portugiesischem Gebiet gefunden. Einzelne Tiere könnten auch noch in kleineren Gegenden der Algarve leben.

Immer seltener: Der iberische Luchs (Lynx pardinus).
Foto: © Programa de Conservación Ex-situ del Lince Ibérico www.lynxexsitu.es
Die Ursachen für diese dramatische Dezimierung der Art sind vielfältig. Doch der Hauptgrund ist klar: Die einstmals ausgedehnten Lebensräume des iberischen Luchses schrumpften – spätestens seit dem wirtschaftlichen Aufstieg Spaniens und Portugals - zusammen und wurden von immer mehr Schnellstraßen durchschnitten. Intensive Landwirtschaft sowie die Umwandlung von Korkeichenhainen zu Hochleistungs-Eukalyptusplantagen trugen ebenfalls zur Minimierung des Lebensraums bei. Mit dem Landverlust für den Luchs setzte auch eine fatale Kettenreaktion ein: Die einzelnen Luchspopulationen konnten sich nicht mehr richtig durchmischen – Inzucht und Erbdefekte waren die Folge. Heute gibt es auf der iberischen Halbinsel laut WWF gerade einmal noch 25 fortpflanzungsfähige Weibchen (alle Informationen vom WWF zum iberischen Luchs gibt es hier).
Zu allem Unglück verlor der iberische Luchs in den vergangenen Jahrzehnten auch noch sein Hauptbeutetier, das Wildkaninchen. Dessen Population wurde unter anderem durch Epidemien empfindlich dezimiert.
Keine Frage: Die Situation ist für den iberischen Luchs brisant. Doch die Regierungen in Madrid und Lissabon ignorierten dieses Problem über Jahrzehnte hinweg – zum Teil bis heute. Wirtschaftswachstum um jeden Preis schien Priorität zu haben; für den vermeintlichen Luxus des Naturschutzes konnte man sich jedoch oft nur mühsam durchringen – und wenn, dann immer wieder nur aufgrund erheblichen Drucks von der Europäischen Union.
So ist auch die vergangene Woche vom portugiesischen Umweltministerium angekündigte Schaffung eines Reproduktionszentrums für den iberischen Luchs das Resultat einer solchen Einflussnahme aus Brüssel. Das mit einem Etat von 3,6 Millionen Euro ausgestattete Reproduktionszentrum ist eine Ausgleichsmaßnahme für den Bau des umstrittenen Staudamms von Odelouca an der Algarve – dessen Flutung wiederum zur Dezimierung des Lebensraums vom iberischen Luchs beitrug.
Vergangene Woche veröffentlichte das portugiesische Umweltministerium nun endlich ein nationales Aktionsprogramm zur Rettung des iberischen Luchses. Immerhin, in diesem 13-seitigen Papier werden die Fakten klar benannt: Der Luchs ist in höchster Gefahr, und nur ein ganzes Bündel von Maßnahmen kann ihn noch retten. Im Zentrum des Programms steht die Schaffung des “Centro Nacional de Reprodução do Lince Ibérico” in Silves (Algarve). Das Zentrum, dessen Eröffnung für 2008 geplant ist, soll zunächst eine Zucht von iberischen Luchsen in Gefangenschaft aufbauen. Die dafür benötigten Tiere kommen aus Spanien - die entsprechenden Vereinbarungen wurden mit den Behörden dort bereits getroffen.
Ein paar Jahre später soll dann die zweite Stufe des Rettungsplans greifen: Die Auswilderung der in Silves großgezogenen iberischen Luchse. Dafür identifizierte das Aktionsprogramm bereits verschiedene mögliche Rückzugsgebiete an Algarve und im Alentejo.

Mögliche Wiederansiedlungsgebiete für den iberischen Luchs in Portugal (blaue Flächen). Quelle: Plano de Acção para a Conservação do Lince-ibérico (Lynx pardinus) em Portugal, eigene Bearbeitung
Doch hier setzt die wieder alte Problematik ein: Was nützt die Wiederaufzucht der iberischen Luchse, wenn sie in ihren neuen alten Lebensräumen doch wieder die gleichen schwierigen Bedingungen vorfinden? Zwar listet der Aktionsplan eine ganze Reihe an Maßnahmen auf, um die Lebensräume wieder “luchstauglicher” zu gestalten – doch ob das gelingt?
So sehen auch viele portugiesische Umweltschützer mit Skepsis auf den neuen Aktionsplan. Und trotz aller Zweifel hätte der iberische Luchs sogar noch Glück, erklärt Hélder Spinola von Portugals größter Umweltorganisation Quercus: Hier könne man noch lebende Tiere aus Spanien einführen. Doch es gebe eine Reihe von anderen Tierarten, die einzig und allein in Portugal ihre Heimat hätten – und ebenfalls stark vom Aussterben bedroht seien. Auf einen Aktionsplan etwa für den kleinen Süßwasserfisch Saramugo oder die Delfine an der Flussmündung des Rio Sado wartet man derzeit jedoch vergeblich.