Massenware “made in China” entzieht portugiesischen Arraiolos-Teppichen den Boden
Sie gehören zum Edelsten, womit sich portugiesische Häuser schmücken: Die handgearbeiteten Teppiche aus Arraiolos, einem kleinen Städtchen im Alentejo nahe Evora. Bei bis zu 40.000 Stichen pro Quadratmeter brauchen selbst erfahrene Teppichknüpfer Wochen, um einen Teppich fertig zu stellen. Doch die einzigartige Tradition ist bedroht: Massenware aus China macht den portugiesischen Arraiolos-Herstellern das Leben immer schwerer.
Wer den Botanischen Garten in Lissabon durch seinen oberen Ausgang an der Rua da Escola Politécnica verlässt, passiert auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein ganz besonderes Teppichgeschäft: Das “Casa dos Tapetes de Arraiolos“. Es sind nicht Orientteppiche, die hier verkauft werden – sondern ausschließlich “Arraiolos”, handgestickte Teppiche aus dem gleichnamigen Ort im Alentejo.

Beste Wolle für beste Teppiche: Gesehen in der Lissaboner Wollhandlung “Lãs Imperial”. Foto: Tania Ho auf FLICKR
Schon ein Blick in die Schaufensterauslage zeigt: Günstig sind diese Teppiche nicht gerade. Der Preis für einen Arraiolos kann schnell in die Tausende gehen. Aus gutem Grund: Denn in jedem Teppich aus dem Alentejo stecken viele Tage mühsame Handarbeit. Zum Einsatz kommen nur hochwertige Rohstoffe meist aus Portugal selbst: Reine Wolle, die noch mit Nadel und mit bis zu 40.000 Stichen pro Quadratmeter zu einem meist aus hellen Farbtönen bestehenden Muster geknüpft werden.Als Untersatz wurde lange Zeit meist Leinen verwendet. Heute werden die Arraiolos üblicherweise auf Juteböden geknüpft.
Billigere Varianten verwenden neuerdings auch Mustervorlagen, auf denen die Einstichlöcher und Muster bereits vorgedruckt sind – in der traditionellen Herstellung muss sich die Teppichknüpferin (heute ist es meist ein Frauenhandwerk) auf ihren eigenen Blick und Sachverstand verlassen. Rund 15 Tage benötigen selbst erfahrener Teppichknüpfer, um einen Quadratmeter Fläche fertig zu stellen. Und auch der Abschluss eines Arraiolos erfordert Geschick – denn Salleiste (Geweberand) und Fransen werden in einem Arbeitsschritt gefertigt.

Eine Arraiolos-Knüpferin bei der Arbeit in ihrem Geschäft. Foto: “marcopolo19492000″ auf FLICKR
Eher Kunststück als Gebrauchsgegenstand: So verwundert es nicht, dass Generationen von portugiesischen Familien auf einen Arraiolos-Teppich als Schmuckstück für ihr Heim hinsparten. “Er ist Wunsch von vielen, aber nur Privileg von wenigen”, schrieb der Correio de Manhã noch vor vier Jahren in einem Beitrag über einen Tag im Leben einer Teppichknüpferin.Doch warum zum Original greifen, wenn es billiger geht? Seit einigen Jahren sind vor allem die großen Kaufhäuser und Shoppingzentren in das Geschäft mit handgeknüpften Arraiolos eingestiegen. Nun, nicht ganz die echten Arraiolos: Was dort günstig angepriesen wird, sind Kopien aus China. Als die ersten Arraiolos-Imitate in die portugiesischen Läden schwappten, reagierte die Branche noch gelassen: Die Qualität der Importware war zu schlecht, als dass dies eine echte Gefahr für die echten Arraiolos darstellen würde.
Doch auch diese Zeiten haben sich geändert, wie die Wochenzeitung Sexta in ihrer neuen Ausgabe berichtet: Selbst Experten könnten zumindest auf den ersten Blick kaum noch einen qualitativen Unterschied zwischen chinesischen und portugiesischen Arraiolos erkennen, heißt es dort. Gingen die Imitate der ersten Generation noch wegen ihrer schlechten Materialien bald wieder kaputt, so haben die Chinesen kräftig aufgeholt: Sie verwenden die gleichen hochwertigen Ursprungsmaterialien für die Herstellung der Teppiche wie die portugiesischen Manufakturen. Und auch das notwendige Know-how hat man sich angeeignet – es heißt sogar, dass viele chinesische Teppichknüpfer eigens einen Kurs zur Arraiolos-Herstellung in Portugal belegt haben. So manch ein traditioneller Teppichhändler vermutet, dass die großen Supermarktketten hinter diesem Wissenstransfer nach Fernost stünden.
So gibt es vielfach nur noch einen großen Unterschied zwischen Arraiolos aus Portugal und China: Den Preis. Denn selbst wohlwollend gerechnet verdient ein chinesischer Arbeiter weitaus weniger als sein ebenfalls nicht gerade üppig bezahlter portugiesischer Kollege. Das sorgt für Preisdifferenzen, die dem traditionellen Teppichknüpfhandwerk in Portugal die Luft abzuschnüren droht.
Die Branche ist in heller Aufregung. So wird der Ruf nach einem Qualitätssiegel für Teppiche made in Portugal immer lauter. Ein derartiges Bestreben hängt bereits seit fünf Jahren im Gestrüpp der staatlichen Entscheidungsprozesse fest. Und auch unter den Arraiolos-Herstellern selbst gärt es: Sogar Teppichhändler im Herstellungsort Arraiolos würden schon chinesische Importware verscherbeln, beklagt etwa António Rodrigues vom Casa dos Tapetes de Arraiolos im Gespräch mit “Sexta”.
Vermutlich eine Verzweiflungstat der Händler in Arraiolos – denn der Niedergang der Branche ist unübersehbar. Gab es in Arraiolos Anfang der 90er Jahre laut “Sexta” noch 25 Teppichmanufakturen mit insgesamt rund 1.000 Angestellten, so sind davon heute nur noch 14 Teppichhersteller übrig geblieben, die gerade einmal 100 Menschen Arbeit geben.
Damit steht eine Jahrhunderte alte Tradition auf dem Spiel. Das Handwerk geht aller Wahrscheinlichkeit nach auf Mauren und Juden zurück, die nach der Eroberung Lissabons durch christliche Truppen im 13. Jahrhundert den Weg nach Nordafrika antraten. Einige dieser Flüchtlinge ließen sich dann im Alentejo-Nest Arraiolos nieder. Hier, in dieser kargen, steinigen Landschaft, fanden sie alles, was man für das Teppichmachen so benötigt: Große Schafherden, die für die notwendige Wolle sorgten – sowie Pflanzen, mit denen man die Rohstoffe einfärben konnte. Arraiolos entwickelte sich – neben dem ebenfalls alentejanischen Portalegre – zu einem Zentrum der Teppichherstellung in Portugal, dessen wertvolle Produkte Paläste und Herrschaftshäuser in der ganzen Welt schmücken sollten.
Nicht nur die Herstellungsweise, auch das Aussehen und die Gestaltung von Arraiolos hat sich über die Jahrhunderte hinweg bewahrt. Ein typischer Arraiolos verfügt in seiner Mitte über ein zentrales Ornament. Darum herum ist die Fläche des Teppichs in vier Bereiche aufgeteilt, in denen die Muster symmetrisch zueinander angeordnet werden.
So sehr nun die Teppichknüpfer von Arraiolos um ihr Überleben auf dem Weltmarkt kämpfen, so unverhofft erleben die Teppiche von Arraiolos andernorts ihre Blüte: Denn nicht nur in Portugal, sondern auch zum Beispiel in Spanien oder England entdecken immer mehr Menschen den Reiz des Arraiolos-Knüpfens als Freizeitbeschäftigung. In Lissabon werden schon Kurse angeboten, und auch Vorlagenbücher zum Teppichknüpfen verkaufen sich bestens. Und selbst das Casa dos Tapetes de Arraiolos in Lissabon verkauft diese Schnitte zu einem günstigen Preis über seine Internetseite – ein Versuch, das Wissen um den Wert der traditionellen Arraiolos am Leben zu erhalten.
November 24th, 2009 um 9:32 am
Sehen ja super schön aus.