Lissabons Straßenbahnlinie für den siebten Hügel – wann kommt sie wieder?
Lissabons Straßenbahnen sind weltberühmt – und doch hat die Stadt in den letzten Jahren ihr Tramnetz immer weiter ausgedünnt. Doch eine Linie könnte vor ihrem Comeback stehen: Die Linha 24, die Lissabons “siebten Hügel” erklimmt – und auf ihrem Parcours viele Sehenswürdigkeiten streift. Eine Lissaboner Bürgerinitiative macht jetzt Druck – und sammelt für die Rückkehr der Linie auch Stimmen im Internet.
traßenbahnfahren in Lissabon kann heutzutage ganz schön anstrengend sein. Gerade die berühmte Linie 28, die mit ihren historischen Wagen die Stadt durchquert, ächzt unter den Touristenmassen, die sie Tag für Tag über die Hügel befördern muss. Sehr zum Leidwesen der Lissaboner: Die 28 ist zur unzuverlässigen Größe geworden – voll, unpünktlich, langsam.
Entlastung könnte die Wiederkehr einer alten Bekannten bringen: Die Linie 24, die seit zehn Jahren im Dornröschenschlaf schlummert. Vor ziemlich genau hundert Jahren, am 2. November 1907, nahm die Eléctrico 24 auf dem Teilstück von Carmo im Bairro Alto bis nach Campolide ihre erste Fahrt auf. Später kamen viele Erweiterungen der Linie hinzu, bis hin zum Praça do Chile und ins Stadtviertel Alto de São João. Die Streckenführung liegt damit ideal für die Wege von Einheimischen und Touristen, denn sie erschließt den “siebten Hügel” Lissabons, auf dem das beliebte Ausgehviertel Bairro Alto liegt.

Einmal über den siebten Hügel und noch weiter: Die Streckenführung der Linie 24. Quelle: Eigene Zeichnung, unter Verwendung von Google Maps
Doch sehen Sie selbst, Senhores Passageiros, die Fahrt geht los! Wir steigen ein am Bahnhof Cais do Sodré, direkt am Tejoufer der Stadt gelegen. Hier enden die Vorortzüge aus den Badeorten Cascais und Estoril, kommen die Fähren vom gegenüberliegenden Tejoufer an. Die Linie 24 nimmt gleich Fahrt auf – und nimmt Anlauf für den ersten großen Anstieg hinauf zum Chiado und Bairro Alto. Nach ein paar Minuten erreichen wir den Praça Camões, in dessen Mitte die Statue des Nationaldichters Luís de Camões thront. Der Platz ist Treffpunkt der Nachtschwärmer, die von hieraus in den schmalen Gassen des Bairro Alto mit seinen angesagten Kneipen und Clubs abtauchen.
Die Linie 24 fährt weiter den siebten Hügel hinauf, passiert den Endpunkt des Elevador da Glória und gelangt daraufhin zu einem der schönsten Aussichtspunkte Lissabons: Den Miradouro de São Pedro de Alcântara – derzeit leider gesperrt wegen der sich seit Jahren hinschleppenden Renovierungsarbeiten. Der Miradouro eröffnet einen einzigartigen Panoramablick hinunter auf die Avenida da Liberdade und auf die gegenüberliegenden Hügel bis hin zur Burg.
An dieser Stelle treffen wir auch auf einen weiteren Ast der Linie 24, der an der Ruine der Kathedrale von Carmo einsetzt – und dort die Passagiere des Elevador de Santa Justa aufnimmt.
Ein paar hundert Meter weiter, die Straßenbahn ist in die Rua da Escola Politecnica eingebogen, verbirgt sich ein weiteres Juwel Lissabons: Der Botanische Garten mit seinem jahrhundertealten Baumbestand. Von der Straßenbahn aus können wir den Jardim Botânico nicht sehen – er versteckt sich hinter den Gebäuden der Universität und zieht sich dann am Rücken des Hügels entlang. Ein Geheimtipp für Ruhesuchende mitten in der Stadt.
Etwas weiter, hinter dem Largo do Rato, muss die Linie 24 dann einen weiteren Aufstieg meistern. Hier geht es die Rua de Amoreiras hinauf, wo wir das Aqueduto das Águas Livres kreuzen – ein im 18. Jahrhundert errichtetes Aquädukt, das lange Zeit die Wasserversorgung Lissabons sicherstellte. Den Endpunkt dieser Leitung, das Sammelbecken Mãe d’Agua (“Mutter des Wassers”) lässt sich übrigens genau hier besichtigen – und ist einen Zwischenstopp wert.
Mit dem Halt am modernen und ungemein hässlichen Einkaufszentrum Amoreiras endet der touristisch besonders interessante Teil der Strecke. Doch die Route der Linie 24 führt noch weiter: Hinein in das notorisch vom öffentlichen Verkehr abgeschnittene Viertel Campolide und dann den Hügel hinab zu den modernen Avenidas Novas und zum Praça do Chile, von wo aus die Strecke nochmals ansteigt bis zum Viertel Alto de São João.
Wer die Route der Linie 24 einmal zu Fuß nachverfolgt, wird schnell dem Verlauf der Straßenbahn folgen können: Denn die Gleise sind alle noch vorhanden. Das Aus dieser Linie sollte eigentlich nur ein kurzes Intermezzo sein. Im Jahr 1996 fuhr der letzte Wagen diese Strecke, dann war erst einmal Schluss. Grund waren die Bauarbeiten für eine Tiefgarage im Campolide-Viertel. Schon ein Jahr später, am 20. November 1997, unterschrieb die Stadtverwaltung Lissabons eine Vereinbarung mit der Straßenbahngesellschaft Carris, die Linie 24 spätestens im April 1998 wiederzueröffnen.
Linie 24 – fährt sie in Richtung Wiedereröffnung? Foto: GS
Das Parkhaus ist längst fertig, doch die Straßenbahn fährt noch immer nicht – es scheint, als ob sie einfach in einen tiefen Schlaf gefallen wäre. Über die Gründe kann man nur rätseln – denn die Linie 24 hat viele Freunde. Nicht nur engagierte Bürger, sondern auch Wirtschaftsverbände und die Lissaboner Tourismusbehörde ATL fordern die baldige Wiedereröffnung. Ist es einfach die Lethargie der Verwaltung? Oder steht dahinter doch ein Plan, die Linie einfach ohne große Diskussion verschwinden zu lassen?
Die Betreibergesellschaft Carris beteuert, der Neustart der Linie 24 stehe kurz bevor. Man müsse nur noch ein paar Reparaturarbeiten am Elevador de Santa Justa abwarten. Oder ist das schon wieder eine Vertröstung? Die Bürgerinitiative Fórum Cidadania Lisboa möchte nicht mehr länger warten – und beginnt, anlässlich des 100. Geburtstags der Linie, Druck zu machen. So haben sieben Mitglieder von Cidadania Lisboa ein Thesenpapier veröffentlicht, das neuen Schwung in die Debatte bringen soll. Außerdem läuft eine Online-Petition, um virtuelle Unterschriften für die alte Straßenbahnlinie zu sammeln. Das Ziel: Eröffnung der Linie 24, zumindest auf ihrer Kernstrecke Carmo – Campolide – jetzt!
Eins ist auf jeden Fall klar: Wird die Linie 24 wieder eröffnet, so werden auch hier die so markanten historischen Straßenbahnwagen fahren. Kaum ein anderes Modell kann die engen Gassen und steilen Hügel Lissabons besser erobern als die wendigen “Eléctricos” aus den 30er Jahren. Damit hätte, so die Unterzeichner der Petition, die Linie 24 alle Voraussetzungen, eine “neue Ikone der Lissaboner Straßenbahnen” zu werden. Hoffentlich ist es bald wieder so weit.
Hier können auch Sie in der Online-Petition Ihre Stimme abgeben
Januar 12th, 2008 um 5:37 pm
[...] Bons lembrados e melancolia! Kann