Unterwegs mit der größten Kamera der Welt: Ein portugiesischer Fotograf spürt der Faszination Brasiliens nach
Ein seltsames Gefährt tourt derzeit über Brasiliens Landstraßen: Ein bunt bedruckter Lastwagen, ausgestattet mit der größten Kamera der Welt. Am Steuer sitzt der portugiesische Fotograf Mica Costa-Grande: Ein wahrer Weltenbummler, der mit seiner mobilen „Camara Obscura” die Faszination Brasiliens neu einfangen möchte.
Brasilien war schon immer ein Land, das die Fantasie der Europäer anregte. Lange vor der Entdeckung Südamerikas stand das Terra Brasilis für einen unentdeckten Kontinent im weiten Meer, von dem man sich die Reichtümer der Ferne erhoffte: Erst waren es die Phönizier, die vom legendären Kinnabar redeten, später die Kelten, die das phönizische Wort einfach verdrehten und es Barkino nannten. Und noch einige Jahrhunderte weiter folgten die Genovesen, die über Brazi sprachen.
Die Geschichte Brasiliens beginnt also bereits vor seiner “Entdeckung” durch den portugiesischen Seefahrer Pedro Álvares Cabral: Als Ort der Vorstellungen, Fantasien und Träume. Das gilt bis heute: Die endlosen Weiten der Steppen, die überwältigenden Urwälder entlang des Amazonas, die fein geschwungenen Küsten – kaum ein Land der Welt bietet eine ähnliche Fülle an Natur und Schönheit.
Vorstellungen von Brasilien möchte auch der portugiesische Fotograf Mica Costa-Grande mit seiner Expeditionsreise durch alle 27 Bundesstaaten des Landes einfangen. Und damit genügend Freiraum für die eigene Fantasie bleibt, wählte Costa-Grande auch eine ganz besondere Aufnahmeform: In einem Truck des Typs Volkswagen Constellation baute er die “größte Kamera der Welt” ein: Eine Lochkamera, die ohne Linse nach dem Camara Obscura-Prinzip funktioniert.
Das heißt: Durch ein winziges, nur wenige Millimeter großes Loch an der linken Seite des Lasters dringt Licht ein – und die Aufnahme entwickelt sich in einer großen Dunkelkammer im Innenraum. Aufnahmen mit Lochkameras sind nicht ganz einfach – die Belichtungszeit kann zwischen acht und zehn Stunden betragen. Und auch das fertige Bild ist unschärfer und geheimnisvoller als bei den heute üblichen Linsenkameras mit ihren Möglichkeiten zur Fokussierung.
Der Unschärfe-Effekt ist aber auch genau das, was Mica Costa-Grande erreichen möchte. Auf seiner Tour wird er 27 Bilder – für jeden Bundesstaat eines – schießen. Jede Aufnahme zeigt – wegen der langen Belichtungszeit – einen ganzen Tag in Brasilien. Mit einer Größe von 3,5 x 1,2 Metern werden die fertige Bilder zudem überdimensionale Ausmaße annehmen – und sollen eine „Materialisierung der Erinnerung” darstellen, so Mica Costa-Grande.
Seine Tour hat Mica Costa-Grande nun Ende September in der Hauptstadt Brasilia gestartet – und wird bis Februar über 25.000 Kilometer durch das Land gefahren sein. Eine Entfernung, die für den Fotografen nicht ungewöhnlich ist – denn der 45-Jährige befindet sich gemeinsam mit seiner drei Jahre jüngeren Ehefrau Sofia Salgado sowie den beiden 11- und 13-jährigen Kindern Elói und Sáskia auf Weltreise.

Unterwegs in Brasilien: Seine Erfahrungen dokumentiert Mica Costa-Grande auf portugiesisch in seinem Bord-Tagebuch www.costagrande.com.br
Die außergewöhnliche Familie ist praktisch immer auf Achse. Nach langen Touren in Asien waren die Costa-Grandes in den letzten zwei Jahren in Nord- und Südamerika von Pol zu Pol unterwegs – ebenfalls in einem umgebauten Lastwagen (hier die Website zu diesem Vorgängerprojekt). Und nun, in Brasilien angekommen, hat Mica Costa-Grande genügend Sponsoren gefunden, das lange von ihm geplante Fotoprojekt durchzuführen. Nächstes Jahr will die Familie dann ihre Weltreise abschließen: Mit einer Reise von Europa über den Orient und Sibirien bis zurück zum Ausgangspunkt China.
Brasilien ist für die Familie mehr als nur ein Zwischenstopp. Denn obwohl Mica Costa-Grande vielleicht die wenigste Zeit seines Lebens in seinem Heimatland Portugal verbracht hat, ist er der portugiesischen Sprache und Kultur eng verbunden. “Mein Heimatland ist die portugiesische Sprache“, sagt er denn auf seiner Website – ein beliebtes Sprichwort in Portugal, wo Entdecker und Emigranten schon immer in die Welt ausströmten, und ihre Kultur weiter pflegten und verbreiteten.
In nicht-portugiesisch sprechenden Ländern sieht sich Mica Costa-Grande als Botschafter seiner Kultur – in Brasilien entdeckt er vor allem das Verbindende der lusitanischen Kultur. Beeindruckt ist er vor allem von der Schönheit des Landes:”Am Anfang bezweifelte ich, dass Brasilien so schön sei, wie so viel Menschen behaupteten”, erklärte er in einem Gespräch mit der BBC. Doch nach vier Monaten im Land könne er das nur bestätigen. Und selbst für die weltweit eher als Moloch verrufene Metropole São Paulo findet Mica Costa-Grande viele lobende Worte: “Es ist die einzige Stadt, in der Kompetenz auf Sympathie trifft.”
Nun also die große Brasilien-Reise. Die wichtigsten Begebenheiten will Mica Costa-Grande auch in seinem (portugiesischen) Bord-Tagebuch auf http://www.costagrande.com.br berichten. Und mit seinen Bildern will er auch seine Erfahrung unterfüttern, die er bislang auf seinen weiten Reisen gewonnen hatte: “Die Welt ist weniger gefährlich, als es scheint, und viel schöner, als es scheint.”