Lissabons berühmteste Uhr tickt wieder richtig
Mal ging sie langsamer, mal blieb sie auch ganz stehen: Die Angestellten und Bewohner der Lissaboner Unterstadt Baixa haben sich schon länger an die nicht ganz zuverlässigen Zeitangaben der Uhr am großen Triumphbogen der Rua Augusta gewöhnt. Nun wurde es einem benachbarten Uhrmacher zu viel – und er sorgte für die dringende Renovierung der Mechanik. Doch auch weiterhin geht so manch eine Lissaboner Uhr gerne einmal etwas anders…
Der Triumphbogen der Rua Augusta (Arco da Rua Augusta) gehört zu den meistfotografierten Sehenswürdigkeiten Lissabons. Kein Wunder, bildet der formenreich geschmückte Torbogen auch das Eintrittsportal vom riesigen Praça do Comerçio am Tejoufer hin zur Lissaboner Unterstadt Baixa mit ihrer Prachtstraße Rua Augusta. 1941 wurde der fast siebzig Jahre früher errichtete Triumphbogen zur Stadtseite hin um ein weiteres Merkmal ergänzt: Eine weithin sichtbare Uhr, ausgestattet mit einem Glockenwerk zur Angabe der Stunde.

Die Uhr am Arco da Rua Augusta. Quelle: www.allfreephoto.com
Seitdem gehört das charakteristische Stundensignal zur akustischen Landschaft der Baixa fest dazu. Mussten am Anfang noch Arbeiter mehrmals pro Woche die Uhr per Hand aufziehen, so übernahm später ein automatischer Aufziehmechanismus diese Arbeit. Trotz der erstklassigen Handwerkerarbeit an der Turmuhr nagte später doch der Zahn der Zeit an ihr. Das feuchte Atlantik-Klima Lissabons, aber auch unzureichende Wartungen und Reparaturen, sorgten dafür, dass die Uhr am Arco da Rua Augusta immer öfter zur unzuverlässigen Größe wurde.
“Ich arbeite schon mein ganzes Leben in der Baixa und meine Erfahrung lehrte mich, niemals den Stundenschlägen der Uhr zu vertrauen“, erklärte etwa Portugals erfolgreichster Uhrmacher, der Juwelier Pedro Torres im Público. Und das ausgerechnet in der Baixa, die noch immer Portugals Banken- und Handelszentrum Nummer Eins ist. Zeit ist Geld – niemand weiß das besser als die Kaufleute der Unterstadt. So beschloss Juwelier Torres, sich des Problems anzunehmen – und Geld für die Renovierung der Uhr am Triumphbogen aufzutreiben. Die Aufgabe erwies sich als schwieriger als erwartet. Bald zeigte sich, dass sich das in einem Turmzimmer über der Rua Augusta beheimatete Uhrwerk in einem wirklich schlechten Zustand befand.
Dennoch fand Pedro Torres Geldgeber für sein Projekt: Neben einer persönlichen Spende war es vor allem der Uhrenhersteller Jaeger-LeCoultre, der sich an der Reparatur beteiligte – unter anderem durch das Auflegen der limitierten Sonderedition von einer luxuriösen Armbanduhr. Die letzten zwanzig Prozent der Renovierungskosten von insgesamt 12.000 Euro legte das Ministério da Cultura hinzu.
Mit der Renovierung der Uhr vollendet sich auch ein kleines Stück Familiengeschichte. Denn mit den Reparaturarbeiten wurde Luís Manuel Cousinha beauftragt, ein Enkel des ursprünglichen Herstellers der Uhr vom Arco da Rua Augusta. Die Familie Cousinha, beheimatet in der Stadt Almada auf Lissabons gegenüberliegender Tejoseite, betreibt das Uhrmacherhandwerk mittlerweile in der dritten Generation. Gegründet 1930 von Manuel Francisco Cousinha, spezialisierte sich die Firma rasch auf die Herstellung von Turmuhren. Noch bis in die 80er Jahre hinein produzierten die Cousinhas fast ausschließlich mechanische Uhrwerke. Dann zog allerdings die Computertechnik ein. Doch der heutige Firmeninhaber Luís Manuel Cousinha ist weiterhin der Tradition verhaftet – bis hin zu einer entschiedenen persönlichen Verweigerung, Quarz-Armbanduhren zu tragen.
Seiner Liebe zur Mechanik konnte sich Luis Manuel Cousinha während der 148 Tage dauernden Sanierungsarbeit an der Rua Augusta-Uhr voll und ganz widmen. So musste das im Durchmesser 30 Zentimeter messende Zahnrad mit seinen 120 Zähnen vollständig neu angefertigt werden – neben vielen weiteren zeitraubenden Detailarbeiten. Seine ganze Arbeit an der Uhr dokumentierte Cousinha in einem sehenswerten Video, das er auf der Plattform Youtube hinterlegt hat:
[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=NeIXhXXugqU]
Seit einigen Tagen läuft die Uhr an der Rua Augusta nun wieder rund – und die Baixa hat ihr gewohntes Zeitsignal zurück, so genau und zuverlässig wie bei der Einweihung 1941. In Zukunft soll man sich die Uhr am Triumphbogen nicht nur von außen ansehen können: Das Kulturministerium plant, die Räume oberhalb der Rua Augusta für Besucher zu öffnen. So könnte man dann sich auch das kunstvolle und filigrane Uhrwerk aus nächster Nähe betrachten. Wann diese neue Touristenattraktion öffnet, ist noch ungewiss: Denn zunächst müsste am Triumphbogen noch ein externer Aufzug installiert werden.Geht es nach dem Willen von Pedro Torres und seinen Mitstreitern, so wird in Zukunft nicht nur die Uhr an der Rua Augusta wieder genauer gehen. Denn das Geld aus den Uhrenverkäufen der Sonderedition reicht auch noch für die Restaurierung von drei weiteren historischen Uhren in Portugal. Welche Zeitmesser von den insgesamt 25.000 Euro profitieren, ist noch nicht klar – genügend Anwärter dürfte es jedoch geben: “Im ganzen Land verrotten Meisterwerke der nationalen Uhrmacherkunst in irgendwelchen Baracken oder Holzschuppen”, weiß zum Beispiel Uhrenliebhaber Luis Manuel Cousinha zu berichten.
Ein solches Schicksal droht zum Beispiel auch der fast schon legendären Hora Legal am Lissaboner Bahnhof Cais do Sodré. Diese Uhr, installiert Anfang des 20. Jahrhunderts, sollte eigentlich stets die “offizielle Zeit” des Landes anzeigen. Doch schon bald nach dem Aufbau setzte immer wieder das mechanische Uhrwerk aus – ohne, dass es die daran vorbei hetzende Lissaboner Bevölkerung groß gestört hätte. Auch der Austausch des mechanischen Uhrwerks konnte die Hora Legal nicht mehr retten – seit ein paar Jahren ist ihr weiterer Verbleib, ob am Bahnhof oder in einem Museum, ungewiss.