Eine Hafen-City für Lissabon? Noch ist unklar, ob das Projekt “Almada Nascente” Wirklichkeit wird
Hamburg baut seine Hafen-City, London hat bereits seine Docklands – und nun könnte auch Lissabon mit einem ambitionierten Wohn- und Geschäftsviertel am Tejo-Ufer nachziehen: “Almada Nascente” soll eine ökologische Musterstadt werden, mit exklusivem Blick auf Portugals Hauptstadt. Doch allzu viele Investoren haben noch nicht angebissen. Wie stehen die Umsetzungschancen für Almada Nascente?
Lissabon und der Tejo: Das war auch immer eine Geschichte des “Hüben” und “Drüben”. Das sich stellenweise kilometerbreit vor Lissabon erstreckende Tejodelta trennt die portugiesische Hauptstadt schon rein geografisch vom gegenüberliegendem Ufer ab. Und diese Trennung gilt auch im Sozialen: Im Laufe der letzten Jahrzehnte entstanden auf der linken Tejoseite riesige Schlafstädte, bewohnt vor allem von Arbeitern mit niedrigeren Einkommen.
Allein Almada, ein Konglomerat aus verschiedenen Stadtteilen, verzehnfachte innerhalb des letzten Jahrhunderts seine Einwohnerzahl auf heute rund 160.000. Und erst langsam beginnt sich das einstige Aschenputtel Almada von seiner großen Nachbarin zu emanzipieren – und holt nun zum großen Schlag aus: Direkt am Flussufer des Tejo, mit exklusivem Blick auf Lissabon, soll eine von Europas größten “Hafen-Cities” entstehen.
Ob in London, Stockholm oder Hamburg: In ganz Europa entstanden in den letzten Jahren neue Stadtteile direkt am Wasser, oft auf alten Industrie- oder Hafengeländen gelegen. Diesen Erfolg will sich nun auch Almada zunutze machen – und gleichzeitig das seit dem Jahr 2000 brachliegende LISNAVE-Werftgelände zu neuem Leben erwecken.
Das Projekt blickt bereits auf eine wechselhafte Vorgeschichte zurück: Ende der 90er Jahre präsentierte der damalige Investor “Fundos Margueira” Pläne einer gigantomanischen Stadt, die auf dem LISNAVE-Gelände entstehen sollte: Eine erschreckende Front kalter Wolkenkratzer, die zum Teil die Höhe des Pariser Eiffelturms erreichen sollten. Der Plan – im Volksmund Manhattan von Lissabon genannt - wurde allerdings so schnell einkassiert wie er geboren war, unter anderem auf Druck der kommunistischen Bürgermeisterin von Almada, Maria Emilia de Sousa, die ihren Bürgern versprach, dass sie auch “künftig noch den Himmel sehen sollten“.

Das Gelände heute: Die brachliegende LISNAVE-Werft in Almada. Quelle: Almadanascente.org
Dennoch blieb die Frage offen: Was sollte mit dem 115 Hektar großen LISNAVE-Gelände geschehen? Nach dem Manhattan-Schock nahm die Maria Emilia de Sousa und ihre Stadtverwaltung selbst das Heft des Handelns in die Hand – und schrieb im Jahr 2001 zunächst einmal einen internationalen Architektenwettbewerb aus. Als Sieger ging hier ein gemeinsamer Entwurf des britischen Star-Architekten Richard Rogers und des Landschafts-Architekten WS Atkins hervor. Rogers gehört zu den ganz Großen der weltweiten Architekturszene. Zu seinen bedeutendsten Bauten gehören etwa der Millennium Dome in London und das Centre Pompidou in Paris.
Für Rogers, der Lissabon gerade anlässlich der hier stattfindenden Konferenz Waterfront Expo besuchte, steht das Almada-Projekt in einer Reihe mit diesen großen Vorbildern, ja ist sogar noch wichtiger als das Centre Pompidou, wie er dem Diário de Notícias anvertraute: “Denn dieses Projekt berührt das Leben der Menschen”.
In der Tat könnte die neu enstehende Hafenstadt mit dem Namen Almada Nascente (“Entstehendes Almada”) die ganze Region Lissabon verändern. Denn Rogers sieht in seinem Entwurf nicht nur den Bau von Wohnhäusern und Geschäften vor, sondern auch eines großen Kulturzentrums, sowie Forschungseinrichtungen und ein Kreuzfahrtterminal. Rund 9000 Menschen sollen hier leben. Die Bebauung ist lockerer als im Vorgänger-Entwurf, enthält aber auch noch drei 120 Meter hohe Wohntürme. Lissabon bekäme also erstmals ein richtiges Zentrum auf der rechten Tejoseite – das wäre wirklich eine Neuheit (die Pläne von Rogers finden sich auch auf der Homepage des Architekten).

Ambitionierte Ziele setzt Rogers auch in Sachen Klima- und Umweltschutz: Solarenergie, Regenwasseraufbereitung, Klimaanlagen, Fahrradwege – an alles ist gedacht. Um das hehre Ziel des Umweltschutzes allerdings wirklich konsequent umzusetzen, bräuchte das neue Stadtviertel vor allem eins: Einen vernünftigen Anschluss an öffentlichen Verkehrsmittel. Die einzige Direkt-Verbindung nach Lissabon besteht derzeit vom LISNAVE-Gelände nur per Fähre. Der Erfolg des Projekts steht und fällt also mit einer kleinen Verbindungslinie, die Rogers bereits in seinen Entwicklungsplan für das Almada-Projekt eingezeichnet hat: “Potential Metro link“.
Auch jetzt, bei der vom 2. bis 4. Oktober in Lissabon stattfindenen Waterfront Expo-Konferenz, verlangte Rogers nachdrücklich die direkte Anbindung des neuen Geländes an das Lissaboner Metronetz. Doch ob das so einfach ist? Die Lissaboner wissen aus leidvoller Erfahrung, dass der Untergrund des Tejo alles andere als ideal für den Metrobau ist. So zieht sich der Bau eines kurzen Streckenabschnitts der blauen Metrolinie entlang des Tejoufers seit Jahren hin. Der Grund: Der sandige Boden am Tejo ließ die gerade gebohrten Tunnel immer wieder einstürzen. Da klinge die Idee eines Metrobaus unter dem Tejo hindurch doch eher wie eine Idee aus dem Werk von Jules Verne, ätzte der CidadaniaLX-Blogger Paulo Ferrero dann auch prompt.
Doch ohne die Direktverbindung tut sich die Stadt Almada derzeit noch schwer, Investoren für das ambitionierte Projekt zu finden. Und Geld bräuchte man einiges: Laut Rogers beträgt das Investitionsvolumen rund eine Milliarde Euro – bei einer Bauzeit von über zwanzig Jahren. Und Almada Nascente mag vielleicht das ambitionierteste, bei weitem aber nicht einzige Projekt einer Hafen-City am rechten Tejoufer sein: Im gerade einmal fünf Kilometer entfernten Seixal wartet zum Beispiel das Gelände eines ehemaligen Stahlwerks auf seine Wiederbelebung – und bietet sogar noch fünf Mal mehr Platz als die alte LISNAVE-Werft in Amadora.
So manch ein Portugiese sieht deshalb in den Plänen einen “weißen Elefanten” – was auf portugiesisch für eine schöne Idee steht, die jedoch keine praktische Relevanz hat. So oder so: Lissabon wird sich wohl noch länger vor allem mit seiner eigenen Tejoseite beschäftigen dürfen.
- Eine Projekt-Website über Almada Nascente informiert auf Englisch und Portugiesisch über das Projekt