Die neue Kirche von Fátima: Das viertgrößte Gotteshaus der Welt empfängt die Pilger mit goldenem Licht
In einer dreistündigen Zeremonie weihten am vergangenen Freitag hohe geistliche Würdenträger die neue Kirche von Fátima ein. Mit dem kreisrunden Sakralbau verfügt der portugiesische Wallfahrtsort nun über das viertgrößte katholische Gotteshaus der Welt. Doch die “Igreja da Santíssima Trinidade” beeindruckt nicht nur durch ihre Dimensionen: Mit hellem Licht, einer schlichten Formensprache und modernen Kunstwerken will die Kirche neue spirituelle Zugänge eröffnen – und zum Glaubensort für Menschen aller Religionen werden.
Bis vor 90 Jahren war Fátima, rund 150 Kilometer nördlich von Lissabon gelegen, ein unbedeutender Fleck wie so viele andere. Der Wendepunkt kam am 13. Mai 1917: An diesem Tag berichteten drei Hirtenkinder von einer beeindruckenden Marienerscheinung. Fünf weitere solcher Erscheinungen der Mutter Gottes, immer am 13. eines Monats, sollten folgen.
Ein gutes Jahrzehnt später, im Jahr 1930, erkannte auch die katholische Kirche die Ereignisse von Fátima als Wunder offiziell an. Spätestens seitdem zieht der Ort Jahr für Jahr unzählige Menschen an, die hierhin pilgern oder sich Linderung von Krankheiten erhoffen. Allein im vergangenen Jahr konnte das Santuário de Fátima, das Heiligtum von Fátima, über 600.000 registrierte Pilger zählen – Tendenz steigend. Die 1953 nach fast zwei Jahrzehnten Bauzeit eingeweihte Basilika zur heiligen Mutter Gottes von Fátima konnte immer weiter steigenden Zahlen an Pilgern in letzter Zeit kaum noch verkraften.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten kursiert daher schon die Idee für den Bau einer weiteren Kirche in Fátima, doch die endgültige Entscheidung fiel erst im Jahr 2002. Danach ging es allerdings Schlag auf Schlag: Innerhalb von fünf Jahren errichteten rund 3.500 Bauarbeiter das viertgrößte katholische Gotteshaus der Welt, das am vergangenen Freitag (12. Oktober) von hohen kirchlichen Würdenträgern in einer dreistündigen Zeremonie eröffnet wurde.
Die nun gegenüber der alten Basilika liegende “Igreja da Santíssima Trinidade” (Kirche der heiligen Dreifaltigkeit) beeindruckt schon allein durch ihre Größe: Der 70 Millionen Euro teure, allein aus Spenden finanzierte Rundbau aus hellem Beton bietet bei einem Durchmesser von 125 Metern Sitzplätze für 8.600 Gläubige. Dominiert bei der neobarocken alten Basilika von Fátima noch eine naive Figurensprache, so setzt die neue Kirche auf Schlichtheit, Licht und Einfachheit: “Ich glaube, je einfacher die Kirche ist, desto besser wird sie zu allen Menschen sprechen”, erklärte dann auch der griechische Architekt Alexandros Tombazis im Correio de Manhã die Grundidee für seinen Entwurf.
So sind es vor allem Weite, Licht und Farbe, mit denen Alexandros Tombazis in der ´”Igreja da Santíssima Trinidade” arbeitet. Dank eines architektonischen Kniffs verstellt kein einzelner Pfeiler den Blick der Gläubigen auf Altar und Kreuz. Unterstützt wird das Gefühl der Weite durch die besondere Bedeutung des Lichts in der Kirche: Unzählige Fenster im Dach und an der Nordseite des tauchen das große Kirchenschiff in eine angenehme Helligkeit, die sich an der Frontseite in warmen Goldtönen bricht. Dort, hinter dem Altar, erstreckt sich über eine Fläche von 500 Quadratmetern eines der größten Mosaiken der Welt. Geschaffen wurde es aus vier Sorten Gold und Terrakotta vom slowenischen Jesuitenpater Ivan Rupnik. Die dort dargestellten Figuren erinnern mit ihrer fast starren Ausdrucksweise unweigerlich an die orthodoxe Ikonen – ein Effekt, der durchaus gewollt sein dürfte.

Die neue Kirche von Fátima. Links das hohe Kreuz von Robert Schad. Quelle: Santuário de Fátima
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Denn Fátima versteht sich schon länger als Begegnungsort der Religionen und Konfessionen. Fátima: Dieser Name ist bereits arabisch. Er geht auf eine Legende zurück, nach der sich an dieser Stelle eine islamische Fürstentochter nach der Rückeroberung des Landes durch die Christen taufen ließ. Nicht zuletzt wegen dieser ideellen Verwandschaft gingen von Fátima immer wieder Dialogangebote zum Islam aus. Auch der Besuch des Dalai Lamas in Fátima im Jahr 2001 zeigt, dass sich Fátima immer mehr zum Begegnungsort der Religionen entwickeln könnte. Und so soll die neue Kirche im interreligiösen Dialog ebenfalls Zeichen setzen. Allein die Wahl eines orthodoxen Architekten für den Bau eines Gotteshauses an einem der wichtigsten katholischen Wallfahrtsorte ist schon ein besonderes Signal. Diese Offenheit geht vielen innerkirchlichen Kritikern freilich auch zu weit. In konservativen Kreisen wird die Igreja da Santíssima Trinidade gar als “heidnischer Freimaurertempel” bezeichnet.
Solch eine Kritik ist jedoch nicht angebracht. Denn natürlich enthält die neue Kirche von Fátima alle bekannten katholischen Glaubenszeichen – häufig allerdings modern interpretiert. Ohnehin spielt die zeitgenössische Kunst eine zentrale Rolle in der Dreifaltigkeits-Kirche. Schon zu Beginn der Planungen sprachen die Direktoren des Heiligtums von Fátima die führenden Kunstmuseen dieser Welt an, welche Künstler einen Beitrag für die Ausstattung der neuen Kirche leisten sollten. So entstand mit der Igreja da Santíssima Trinidade nicht nur ein beeindruckendes Stück Architektur, sondern auch eine weltweit einzigartiges Zusammenspiel moderner sakraler Kunst: Vom portugiesischen Architekten Alváro Siza stammt zum Beispiel eine Azulejos-Wand im Eingangsbereich, die die Silhouetten der zwölf Apostel zeigt. Auch aus Deutschland, vom Künstler Robert Schad, kommt ein Beitrag für die neue Kirche: Das 34 Meter hohe Kreuz vor dem Eingang der Kirche . Gefertigt wurde das Kreuz aus einer speziellen Stahlsorte, deren Oberfläche bereits jetzt eine rostähnliche Patina aufweist.
Ob die Pilger und Kirchenbesucher diesen so modernen Ansatz mögen werden? Architekt Alexandros Tombazis ist zuversichtlich – schließlich solle solch ein Bau auch ein Ansporn sein: “Der Geist dieses Platzes, die Abstraktion, die Spiritualität – das macht dies alles sehr herausfordernd.” Und auch António Marto, Bischof von Leiria-Fátima, ist sich sicher, dass die neue Kirche angenommen wird – schließlich ermögliche die moderne Kunst oft erst die innere Sammlung und sei eine Einladung zur Kontemplation, so der Bischof im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Ecclesia.