Der Kyneten-Code: Portugals älteste bekannte Schrift ist bis heute nicht komplett entziffert
Das südportugiesische Städtchen Almodôvar, rund 70 Kilometer nördlich von Faro gelegen, gilt als Heimat der ältesten Schrift Portugals – der “Escrita do Sudoeste”. Sowohl die mutmaßlichen Erfinder – das Volk der Kyneten – wie auch die Schrift selbst sind geheimnisumwittert. Ein neues Museum will nun Licht ins Dunkel der alten Schriften bringen – und wartet mit wertvollen Exponaten auf.
Almodôvar, heute ein verschlafenes 4.000-Einwohner-Städtchen, kann auf eine reiche Geschichte zurückblicken. Hier, am Übergang vom Alentejo zur Algarve-Region, begegneten sich schon lange vor Ankunft der Römer die unterschiedlichsten Völker: Kelten trafen auf Iberer, und auch die Anwesenheit von Phöniziern und Karthagern lässt sich nachweisen. Diese Vielfalt macht Historikern und Archäologen heute auch das Leben schwer – denn nicht immer lässt sich genau sagen, wer wann wo gewesen ist.
Und so gibt es auch bei den ältesten Schriftzeugnissen aus dieser Zeit – der “Südwest-Schrift” (Escrita do Sudoeste) oder “südlusitanische Schrift” - viele offene Fragen. So wurden rund um Almodôvar in den letzten Jahrzehnten Dutzende Schiefer-Stelen gefunden, die mit einer geheimnisvollen, fast an Hieroglyphen erinnernden Schriftart beschrieben sind. Meist enthalten die Stelen nur kleine, kurze Texte, andere sind mit einer Zeichnung illustriert – so wie die bedeutende Stele von Abóbada, die auch mit 60 Zeichen den längsten bekannten Text der Südwest-Sprache enthält.

Die Stele von Abóbada – Texte mit einer Menschenzeichnung in der Mitte. Quelle: Portal da Escrita do Sudoeste
Die Faktenlage ist dürr: Sicher ist nur, dass die Stelen in der Zeit zwischen dem 7. und 5. Jahrhundert vor Christus entstanden sind. Und obwohl die Südwest-Schrift eindeutig unter Einfluss des phönizischen Alphabets entstanden ist, ist sie doch schon weiter entwickelt: Kannte die phönizische Schriftsprache nur Konsonanten (wie das Hebräische), verwendet die Südwest-Schrift auch Vokale. Deshalb gehen Archäologen davon aus, dass weniger die Phönizier als die im gesamten Süden der iberischen Halbinsel lebenden Tartesser die Entwicklung der Schrift geprägt haben. Manche portugiesische Quellen sehen die Südwest-Schrift auch als identisch mit der tartessischen Schrift an.
Ähnlich geheimnisvoll steht es um die Schöpfer der Escrita do Sudoeste: Niemand weiß anscheinend so genau, ob es Iberer, Kelten, eine Mischvolk aus Ibero-Kelten oder vielleicht sogar eine eigene Volksgruppe – die Kyneten oder Konier – waren, die die Stelen beschrifteten. Die Texte selbst geben wenig Auskunft – in den allermeisten Fällen sind es Grabbeschriftungen, über deren korrekte Übersetzung noch immer gestritten wird.
Das Übersetzen gestaltet sich auch deshalb so schwierig, weil das Schöpfervolk der Südwest-Schrift vor vielen Jahrhunderten wieder so spurlos verschwand, wie es aufgetaucht ist. Niemand weiß, was mit ihm geschah oder welche Entwicklung es nahm.

MESA – Museu da Escrita do Sudoeste Almodôvar: In Kürze eröffnet das neue Museum rund um die Südwestschrift. Quelle: Câmara Municipal Almodôvar
So schien es denn auch lange Zeit, dass gemeinsam mit dem Volk der Kyneten auch die Schrift im Dunkel der Geschichte verschwinden sollte. Ein neues Museum in Almodôvar will das ändern – und uns Besuchern von heute zumindest die Schriftzeugnisse aus den alten Zeiten zugänglich machen.
Das “MESA” (Museu da Escrita de Sudoeste) genannte Museum präsentiert 16 der in der Umgebung von Almodôvar gefundenen Stelen, ergänzt um einige auswärtige Funde. Mit diesen einzigartigen Original-Zeugnissen ergibt sich erstmals die Gelegenheit, einen direkten Blick auf die älteste, in Portugal bekannte Schrift werfen zu können.
Wann das in einem ehemaligen Kino untergebrachte Museum allerdings genau seinen Betrieb aufnehmen wird, ist noch nicht ganz klar. Lange dürfte es nicht mehr dauern – zu den Tagen des kulturellen Erbes am 29. und 30. September luden die Museumsmacher rund um wissenschaftlichen Koordinator Amílcar Guerra schon einmal zur Vorpremiere. Nach rund 2500 Jahren des Wartens kommt es auf ein paar Tage Verzögerung dann auch nicht mehr an.
- Die Stadtverwaltung von Almodôvar bietet auf ihrer Homepage einen kurzen Film über “2500 Jahre Schrift” an – nur auf Portugiesisch verfügbar.
- Das Portal da Escrita do Sudoeste bietet Bilder und Informationen zu zahlreichen Fundstücken an