Aus portugiesischer Erde modelliert Vik Muniz Porträts mit eindringlicher Tiefe
Erdnussbutter, Marmelade, Altmetall: Der brasilianische Künstler Vik Muniz hat mit seiner extravaganten Wahl an Materialien für seine Werke bereits international für Aufsehen gesorgt. Jetzt hat Vik Muniz auch die portugiesische Erde als Werkstoff für Porträts entdeckt – und schafft es sogar, aus Fußballstar Cristiano Ronaldo eine römisch anmutende Büste zu machen.
“A terra e a gente”: Das Land und die Erde – so lautet der Titel einer Ausstellung, die heute im Museu da Electricidade im Lissaboner Stadtteil Belém eröffnet wird. Was zunächst wie eine beschauliche Porträtausstellung klingt, ist doch weit mehr: Denn die kleine, aber feine Schau zeigt zehn speziell angefertigte Werke des international bekannten Künstlers Vik Muniz – und die bestehen nicht aus Farbe, sondern aus portugiesischer Erde.
Für Vik Muniz ist diese eigenartige Materialwahl nichts Neues. Fotografien aus Erdnussbutter oder Marmelade, Kunstinstallationen aus Müll oder jüngst auch riesige, in die Erde gezeichneten Werke: Der unter anderem auf der Biennale von Venedig bekannt gewordene Künstler ist in der Lage, aus vielen Dingen dieser Welt ein interessantes Werk zu erschaffen.
Der 1961 in São Paulo geborene und heute in New York lebende Vik Muniz wählt all diese Materialien, um seinen Werken eine neue Tiefe zu geben. Denn, so berichtet seine Website http://www.vikmuniz.net/, er habe sich an unserer täglichen oberflächlichen Bilderflut “satt gesehen”. Erst im Recycling von Materialien, in der Neuerschaffung mit Vorhandenem und Anfassbarem, würden die von Bilder wieder Bedeutung und Inhalt gewinnen.
Das gilt auch für den Portugal-Zyklus, den Vik Muniz im Auftrag der Kulturstiftung der Banco Espirito Santo und dem Centro de Artes Visuais entwickelt hat. Die in zweimonatiger Arbeit entstandenen, mehr als zwei Meter hohen Bilder zeigen berühmte Persönlichkeiten aus Gegenwart und jüngerer Geschichte Portugals – darunter Fadosängerin Amália Rodrigues, Architekt und Künstler Álvaro Siza, Dichter Fernando Pessoa – und nicht zuletzt das weltweite Fußballidol Cristiano Ronaldo.

Fadosängerin Amália Rodrigues, modelliert aus Erde: Ein Bild aus der Kollektion von Vik Muniz. Quelle: Banco Espirito Santo
All diese Menschen schienen Vik Muniz passende Botschafter Portugals zu sein. Um deren Verbundenheit mit dem Land auszudrücken, modellierte Vik Muniz die Porträts allein aus portugiesischer Erde – und davon nicht zu knapp: Für zehn Bilder benötigte der Künstler acht Kilogramm verschiedener Erdsorten.
Wie kaum ein anderer Stoff steht Erde für die Verwurzelung und Beständigkeit von Menschen in ihre Kultur und Heimat, so Vik Muniz. Und nicht nur das: Mensch und Erde leben in Wechselwirkung. Ist die Erde einerseits Resonanzboden für das Handeln des Menschen, so spiegelt sich die Heimaterde oft auch in den menschlichen Gesichtszügen wider.
Im Portugiesischen ist die Bedeutung des Wortes “Erde” ohnehin tiefer angelegt als im Deutschen. Denn “Terra” steht nicht nur für das Material Erde an sich, sondern auch für den Begriff der “Heimat”. Nicht ohne Grund heißt also zum Beispiel ein berühmter und ergreifender Fado der Sängerin Maríza Ó gente da minha terra – wörtlich übersetzt “Menschen meiner Erde”. Hört man sich dieses Lied an (zum Beispiel als Video auf Youtube), lässt sich selbst mit nur wenig Vorstellungsvermögen schon die schwere Erde der hier besungenen Heimat intensiv erspüren.
Erde ist aber nicht gleich Erde. Vik Muniz nutzt unterschiedliche Brauntöne, um seinen Porträts Tiefe und Feinheiten zu verleihen. Besonders beim Porträt von Jungfußballer Cristiano Ronaldo (Bild links, Quelle: Fundação EDP) scheint Vik Muniz ein Meisterstück gelungen zu sein: Das Porträt mische “den Jungen aus Funchal mit einer antiken römischen Büste”, schwärmt zum Beispiel Ausstellungskurator Albano Silva Pereira im Público. Wie er so mit geschlossenen Augen dargestellt sei, spüre man eine innere Kraft, die hier wirke.
Diese Kraft der Erde Portugals lässt sich noch bis zum 16. Dezember 2007 nachspüren – im Museu da Electricidade, direkt am Tejoufer von Belém.
Museu da Electricidade, Avenida de Brasília, Central Tejo, Belém/Lissabon. Erreichbar mit der Straßenbahnlinie 15 und dem Zug Cais do Sodré – Cascais; Öffnungszeiten: Sonntag bis Donnerstag: 10 bis 18 Uhr; Freitag und Samstag 10 bis 20 Uhr.