Einmal im Jahr lüftet Lissabon das Geheimnis seiner römischen Unterwelt
Die Lissaboner Baixa ist von weitläufigen römischen Galerien untertunnelt, die bis heute das Fundament vieler Häuser bilden. Nur selten haben Besucher die Gelegenheit, diese Gewölbekeller zu besichtigen. Bald ist es wieder soweit: Vom 28. bis 30. September wird sich mitten auf der belebten Rua de Conceição ein Loch öffnen, das direkt in die Lissaboner Unterwelt führt.
Schon zu Römerzeiten war Lissabon – damals noch unter dem Namen Olissipo – eine lebhafte und wohlhabende Stadt. Vor allem der Exportschlager Garum, eine Fischsauce, die man als Vorläufer des Ketchups bezeichnen könnte, spülte viel Geld in die Stadt. Auch im Lissabon von heute finden sich noch viele Spuren der römischen Vergangenheit (lohnenswert ist zum Beispiel ein Besuch im alten römischen Theater direkt neben der Kathedrale Sé).
Und selbst der Untergrund Lissabons ist von römischen Bauten durchzogen. So ruhen zahlreiche Gebäude des modernen Lissabons auf Fundamenten aus der Römerzeit – und das im wahrsten Sinne des Wortes! Denn die zentrale Unterstadt Baixa befindet sich auf massiven, weitläufigen römischen Galerien die den schwierigen Lissaboner Untergrund stabilisieren.
Blick in den Untergrund: Die Lissaboner Unterstadt ruht auf Gewölbekellern aus der Römerzeit. Foto: sarathemenace.multiply.com
Einmal im Jahr, immer im September zu den Tagen des offenen Denkmals, darf jedermann einmal einen Blick ins Kellergeschoss werfen. Dann lassen sich die weitläufigen römischen Galerien besichtigen, die sich unter den Straßen der Baixa entlang ziehen – in diesem Jahr am 28., 29. und 30. September.
Entdeckt wurden die Galerien nach dem großen Erdbeben von 1755, als der Marquês von Pombal die zerstörte Innenstadt im heutigen schachbrettartigen Muster neu aufbauen ließ. Die pragmatischen Konstrukteure dieser Zeit nutzten die offensichtlich noch bestens erhaltenen und robusten römischen Galerien zur Stabilisierung der Neubauten. Damit verwendeten die Erbauer des neuen Lissabons die gewölbten Wandelgänge im Sinne ihrer römischen Vorgänger. Denn die zwischen dem 1. Jahrhundert vor und 1. Jahrhundert nach Christus entstandenen Galeriebauten dienten aller Wahrscheinlichkeit nach als “Cryptoporticus“: Als statisch notwendige Gewölbebauten zur Stabilisierung des Untergrunds. Ob die römischen Bauingenieure dabei schon die immer latent in Lissabon vorhandene Erdbebengefahr im Blick hatten, ist offen – und vermutlich ahnten sie auch nicht, dass ihnen mit ihren Gewölbekellern ein Jahrtausende überstehendes Bauwerk gelungen war.
Seit der Wieder-Entdeckung im 18. Jahrhundert kam das römische Erbe unterhalb Lissabons nur in kleinen Stücken ans Licht. Im 19. Jahrhundert wurden die Galerien zusätzlich noch als Speicher für Trinkwasser genutzt, ohne dass die damalige Bevölkerung jedoch allzu viel Interesse oder Wissen über den Ursprung der Keller aufbrachte. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gingen Historiker davon aus, dass die Galerien als Zisterne dienten.
Auch heute stehen die Galerias Romanas dauerhaft unter Wasser. Da das Auspumpen der Gewölbegänge mit großen Aufwand verbunden ist, öffnet das verantwortliche Museu da Cidade (Stadtmuseum) die Galerien nur einmal im Jahr. Der Besuch erfolgt in kleinen, geführten Gruppen. So selten der Blick in die Galerien möglich ist, so riesig ist dementsprechend der Andrang an den drei jährlichen Öffnungstagen. Lange Schlangen bilden sich am abenteuerlichen Einstiegspunkt, der zwischen zwei Straßenbahngleisen auf der Rua da Conceição liegt – und im normalen Alltag nichts über das große Geheimnis verrät, dessen Zugang er bewacht.
Und hier geht’s hinab in die Vergangenheit: Direkt zwischen zwei Straßenbahngleisen liegt der Einstieg zu den Galerien an der Rua de Conceição. Foto: sarathemenace.multiply.com
Mit ein wenig Pech kann die Wartezeit bis zu fünf Stunden betragen – für eine etwa 15-minütige Führung. Geduld und eine große Portion portugiesischer Gelassenheit sind also unerlässlich – die Belohnung ist dafür süß: Ein wenig den Schleier zu lüften, den das moderne Lissabon über seine ältere Schwester Olissipo gelegt hat.
Die römischen Galerien lassen sich in diesem Jahr am 28., 29. und 30. September 2007 besichtigen. Geöffnet sind sie von 10 bis 13 und 14 bis 18 Uhr; wegen der langen Schlangen sollte man sich aber spätestens bis 15:30 Uhr am Einstiegspunkt einfinden, um noch Zutritt zu erlangen. Einstiegspunkt ist auf Höhe der Hausnummer 77 in der Rua de Conceição in der Unterstadt Baixa. Der Eintritt ist frei.