Die Muschelfischer vom Tejo: Illegal, gefährdet – und letzte Rettung für Lissabons Stadtkasse?
Jeden Tag grasen Fischer vor Portugals Hauptstadt den Boden des Tejo nach Venusmuscheln ab. Die Arbeit der Muschelfischer ist hart, gefährlich und meist illegal. Doch das könnte sich bald ändern: Die Stadt Lissabon sucht nach neuen Einnahmequellen und könnte deshalb unter die Muschelhändler gehen.
Von Weitem sieht die Szene harmlos aus: Auf dem Tejo vor Lissabon, wo der Fluss langsam ins Meer übergeht, liegen einige kleine Boote im Kreis. Hobbyfischer? Freizeitkapitäne? Mitnichten. Hier treffen sich wagemutige Muschelfischer, die für ein paar Kilo Venusmuscheln vom Tejo-Grund nicht selten ihr Leben aufs Spiel setzen. Denn das Geschäft der Muschelfischer ist gefährlich: Strömungen, Wellengang und vorbeifahrende Schiffe sorgen immer wieder für Zwischenfälle. Zudem fahren so gut wie alle der Fischer ohne gültige Fanglizenz aus – und provozieren deshalb immer wieder Verfolgungsjagden mit der Polizei.
Trotz der Gefahren und Widrigkeiten fahren die Muschelfischer jeden Morgen vom Hafen Trafaria (auf der Lissabon gegenüberliegenden Tejoseite) aus, um ihr Glück zu versuchen – sie haben auch keine andere Wahl. Auf jedem Boot befinden sich vier, fünf Männer. Viele betreiben das Geschäft schon jahre- oder jahrzehntelang – andere sind hingegen noch jung. Am Übergang zum offenen Ozean lassen die Muschelfischer über teilweise motorgetriebene Flaschenzüge Fangkörbe bis zum Boden des Tejo herab. Unter ganzem Körpereinsatz ziehen sie dann die Körbe über den Grund gezogen, um die dort liegenden Venusmuscheln abzugreifen.
Eine Vorgehensweise, die bei Meeresschützern Stirnrunzeln hervorruft. Zwar drohen, trotz des rabiaten Fangverfahrens, keine größeren Schäden am Untergrund des Tejo. Anders als beispielsweise an der Mündung des Sado wachsen kaum Pflanzen auf dem Tejoboden. Doch Biologen bangen bei der Fortführung der Fischerei auf heutigem Niveau um den Bestand der Venusmuscheln im Fluss. Eurico Monteiro, der zuständige Generaldirektor für Fischerei, will den Fortbestand der Muscheln mit einer Einschränkung bei den Fangmethoden sicherstellen: Seinem Willen nach sollen die Muschelfischer keine motorbetriebenen Fangkörbe mehr nutzen, sondern nur noch reine Flaschenzüge.
Leichter gesagt als getan: Denn die meisten Muschelfischer arbeiten ohne Lizenz und lassen ihre Fangweise kontrollieren. Und selbst die glücklichen Inhaber von einer der dreißig Fanglizenzen, die die Stadt Lissabon in diesem Jahr in diesem Teil erstmals erteilt hat, halten sich nicht immer an die Richtlinien. Anders als vorgeschrieben, fischen sie zum Beispiel auch in der Nähe der großen Schifffahrtsrinne zum Hafen von Lissabon. Das stört nicht nur die großen Ozeankreuzer, sondern bringt die Fischer selbst oft in höchste Gefahr: Zerschneidet eines der großen Schiffe beim Durchfahren die Fangnetze der Muschelfischer, so können deren kleine Boote - meist nur als Freizeitschiffe registriert – schnell kentern.

Muschelfischer auf dem Tejo: Der Artikel in “SOL”
So greift auch die Seefahrtspolizei rasch ein, sollten sich die Muschelfischer zu sehr den Seefahrtsrouten nähern. Fast alle Muschelfischer können von rasanten Verfolgungsjagden berichten. Strafgebühren wegen illegaler Fischerei musste jeder von ihnen schon einmal bezahlen, berichtet die Wochenzeitung SOL in einer großen Reportage über die “Pescadores de Amêijoas”. Doch SOL weiß auch, warum die Fischer diese Strapazen auf sich nehmen – denn die Einnahmen können bis zu 1000 Euro pro Tag betragen. An guten Tagen im Sommer holt ein Boot zwischen 100 und 200 Kilogramm Venusmuscheln aus dem Tejo – und wenn es ganz gut läuft, sind es sogar 500 Kilo. Den Tagesverdienst müssen sich die Bootsbesatzungen allerdings untereinander teilen – und kämpfen mit so einigen Abzügen: Viel Geld geht für Boote, Fangeinrichtungen und Sprit drauf – und auch die Strafgebühren an die Polizei schlagen zu Buche. Im Winter fangen die Fischer deutlich weniger müssen sich mit schwierigeren Einsatzbedingungen herumschlagen.
Und doch: Aus dem Tejo lässt sich anscheinend noch einiges rausholen. Und so denkt nun auch die Stadt Lissabon darüber nach, ob sie nicht von den Einnahmen aus dem Muschelfang vor ihrem Ufer profitieren könnte. Vor allem der linke Stadtrat José Sá Fernandes sorgte Ende August mit der Idee für Aufmerksamkeit, Lissabon sollte seine notorisch klammen Kassen mit Einnahmen aus landwirtschaftlichen Produkten füllen: Olivenöl, Wein – und Venusmuscheln, von denen seinen Angaben nach jeden Tag 40 Tonnen gefangen würden.
Ob das die Situation der Muschelfischer wirklich verbessern würde? Sie bleiben skeptisch. Laut SOL sind sich die Pescadores vor allem in einem einig: Ihre Söhne sollen später einmal in besseren und weniger gefährlichen Jobs auf “festem Boden” arbeiten.
Bereits im vorigen Jahr berichtete das Fernsehmagazin mare tv (NDR) bereits über die Muschelfänger auf dem Tejo. Eine Zusammenfassung der Reportage gibt es hier.