Der Neandertaler lebte auch am Tejo
Der Tejo, einer der wichtigsten Flüsse Portugals, war bereits seit Jahrtausenden Lebensader der Menschen auf der iberischen Halbinsel. Ein portugiesisch-italienisches Forscherteam hat nun sogar die nachweislich ältesten Funde in Portugal machen können: Schon vor 300.000 könnten Neandertaler am Tejo gelebt haben. Einige Kilometer flussabwärts sorgen zudem Funde aus jüngerer Zeit für Furore…
Archäologen einer Projektgruppe rund um die Fachhochschule von Tomar sind möglicherweise auf die ältesten nachweisbaren Funde von menschlichem Leben in Portugal gestoßen. Bei ihren Ausgrabungen in Ribeira da Atalaia am Oberlauf des Tejo fanden die Forscher aus Portugal und Italien Spuren von Gebrauchsgegenständen der Neandertaler, deren Alter mit radiografischen Methoden auf 300.000 Jahre geschätzt wird. Ein absoluter Beweis für die Anwesenheit von Menschen zu dieser Zeit im Ribatejo-Gebiet ist damit noch nicht erbracht: Zunächst sagt der Befund nur, dass die untersuchten Objekte vor rund 300.000 Jahren mit dem Sonnenlicht in Berührung kamen. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch sehr hoch, dass man auf das Leben von Menschen – und hier vor allem Neandertaler – am Tejo schließen kann.
Der 40 Meter lange Graben, den die Archäologen diesen Sommer unter brütenden Temperaturen aushoben, barg noch weitere interessante Fundstücke. So konnten die Forscher aus dem Projektteam “TEMPOAR” (“Território,Mobilidade e Povoamento do Alto Ribatejo” / “Land, Mobilität und Bevölkerung des Alto Ribatejo”) den seltenen Nachweis für eine Feuerstelle von vor 24.000 Jahren erbringen. Wegen des säurehaltigen Bodens in der Region kann zwar nicht mehr bestimmt werden, ob das Feuer zum Heizen oder Zubereiten von Essen genutzt wurde. Sicher ist jedoch, dass sich die Feuerstelle nicht in einer Höhle befand, sondern unter offenem Himmel auf einer Flussterrasse. Solche frei stehenden Feuerstellen wurden bislang nur wenige in Portugal gefunden.
Die Funde in Ribeira da Atalaia deuten auf einen besonders “alten” Neandertaler hin. Doch wie die vor knapp zehn Jahren in Leiria gemachte Knochenfunde des “Kindes von Lagar Velho” zeigen, lebte möglicherweise auch einer der “letzten Neandertaler” auf der iberischen Halbinsel. Das Alter des Kindes von Lagar Velho wurde auf 25.000 Jahre taxiert. Das bedeutet: Es lebte schon zu einer Zeit, als unsere Vorfahren – die Vorläufer des modernen Menschen – bereits in dieses Gebiet eingewandert sind. Dies würde wiederum bedeuten, dass der Neandertaler nicht einfach ausgestorben ist, wie bislang vermutet wurde. Vielmehr wäre der Neandertaler mit dem Homo Sapiens durch Vermischung langsam in unser Erbgut aufgegangen. Noch streiten die Fachleute über diese These, die vor allem von dem an der Ausgrabung beteiligten Archäologie-Professor Joao Zilhao von der Universität Bristol engagiert vertreten wird (hier ein ausführlicher Bericht des TV-Magazins Quarks & Co zu dem Thema).
Fast zeitgleich mit den Funden in Ribeira da Atalaia hat ein anderes Archäologen-Team am Unterlauf des Tejo wesentlich jüngere, aber nicht weniger faszinierende Funde ans Tageslicht gebracht. In Vila Franca de Xira, kurz vor der Mündung des Tejo in sein großes Flussdelta bei Lissabon, kamen rund 3.000 Jahre alte Scherben ans Tageslicht, deren Herkunft auf Phönizier schließen lässt.
Dass die Phönizier im Tejo-Delta aktiv waren, ist bekannt: So waren Lissabon (Olisipo), Almada (Almarez) und Santarém florierende phönizische Handelsstandorte. Die Funde von Vila Franca de Xira sind aber deshalb interessant, weil sie aus der Zeit vor Gründung der phönizischen Handelsstützpunkte stammen. Sie zeigen also, dass die Phönizier bereits vorher Kontakte mit den hier lebenden Einwohnern hatten.
Damit sei es nun also möglich, die Geschichte dieser Epoche nicht nur aus Sicht der Kolonisatoren – der Phönizier – zu schreiben, sondern auch aus Sicht der Ur-Einwohner, den “Kolonisierten”, erklärte Archäologe João Pimenta dem Público die Bedeutung der Funde.
Ausflugstipp:
Das archäologische Museum von Maçao gibt einen Überblick über prähistorische Funde am oberen Tejo. Nähere Infos (auf portugiesisch) hier…