50 Jahre nach seinem Ausbruch gibt der Vulkan Capelinhos immer noch Rätsel auf
Es geschah im Morgengrauen des 27. September 1957: Vor der Küste der Azoreninsel Faial stieg der Vulkan Capelinhos aus dem Atlantik empor – gehüllt in eine kilometerhohe Wolke aus Asche und Wasserdampf. Auch heute, genau fünfzig Jahre später, gibt der Capelinhos Wissenschaftlern noch Rätsel auf. Vor allem eine Frage bewegt die Forscher: Wird die Vegetation jemals in die vom Vulkan geschaffene Mondlandschaft zurückkehren?
Die westliche Spitze der Azoreninsel Faial war schon immer ein einsames Fleckchen. Nur wenige Menschen lebten hier: Fischer, Leuchtturmwärter, Walfänger. So waren es auch die nach Walen Ausschau haltenden Späher, die im September 1957 mit ihrem geübten Blick als Erste seltsame Veränderungen an der Meeresoberfläche bemerkten. Kurze Zeit später spürten auch die übrigen Landbewohner der Insel, dass etwas Großes im Anmarsch war: Acht Tage lang bebte die Erde im Westen Faial rund um den Ort Capelo, bis dann im Morgengrauen des 27. September ein Kilometer vor der Küste der Vulkan Capelinhos aus dem Meer aufstieg.
Die Entstehung eines Vulkans aus dem Meer bewegte damals die komplette Weltöffentlichkeit. Das National Geographic Magazine veröffentlichte im März 1958 einen 20-seitigen Fotobeitrag über den Vulkanausbruch vor den Azoren. Schon kurz nach dem Ausbruch setzten die zwei portugiesischen Journalisten Carlos Tudela und Urbano Carrasco fast ihr Leben aufs Spiel, um möglichst nahe an den Gase und Gestein ausspeienden Vulkan zu gelangen.
Die damals gemachten Fotos faszinieren bis heute: Die Verbindung von Feuer und Wasser, der aus dem Vulkan und Atlantik steigende Wasserdampf, das Aufeinandertreffen von zwei Naturgewalten. Die erste große Ausbruchsphase dauerte etwa zwei Wochen lang. Damals schuf der Capelinhos bereits eine erste neue Insel vor Faial, die Ilha Nova. Die Wucht der Eruption muss gewaltig gewesen sein: Die Aschewolke stieg etwa einen Kilometer in den Himmel, die Säule aus Wasserdampf zum Teil sogar noch vier Mal höher. Nach ein paar Wochen Ruhe nahm der Capelinhos im November 1957 einen neuen Anlauf und war bis zum Oktober des Folgejahres aktiv.
Die erste neugeschaffene Insel versank im Meer, doch die zweite Ausbruchswelle schuf die Ilha Nova 2, die im Lauf der Jahre mit der Küste von Faial zusammengewachsen ist.
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Die Vulkanlandschaft heute. Foto: © elainevok auf webshots.com
Seit Oktober 1958 schläft der Capelinhos also. Zurückgelassen hat er eine bizarre, eigentümliche Landschaft, die immer mehr Besucher aus der ganzen Welt in ihren Bann zieht: Dunkles, hartes und mit Kratern durchsetztes Gestein erinnern eher an die Oberfläche des Mondes als an die sonst so saftig-grünen Azorenlandschaften. Auch wenn der Capelinhos nicht mehr aktiv ist: Die Macht, mit der der Vulkan diese Landschaft geformt hat, lässt sich auch heute noch erspüren.
Die Stadt Horta auf der Insel Faial möchte das steigende Interesse an der Vulkanlandschaft von Capelinhos nun auch touristisch intensiver nutzen. Dazu wurde der 1957 stark zerstörte Leuchtturm wieder restauriert. Vor dem Turm entsteht derzeit ein Besucher- und Informationszentrum zum Vulkan Capelinhos. Der runde Betonbau erhebt sich wie ein Dom aus der Vulkanlandschaft – und wird, weil er oberirdisch errichtet wird, auf den Azoren auch kontrovers diskutiert. An der Notwendigkeit für ein Dokumentationszentrum zweifelt aber niemand – denn der Vulkanausbruch hatte für die Menschen von Faial gravierende Konsequenzen, die auch die Inselgeschichte verändert haben.

Das Logo für die Erinnerungsveranstaltungen zum 50. Geburtstag des Capelinhos-Vulkans
Für die Menschen hinterließ der Vulkan Capelinhos keinen Platz mehr. Glücklicherweise kam bei dem Ausbruch kein Mensch ums Leben – und doch mussten alle Einwohner der betroffenen zwei Dörfer in der Umgebung des Capelinhos ein neues Leben aufbauen. Viele entschieden sich damals für die Auswanderung in die Vereinigten Staaten, die angesichts des Vulkanausbruchs auch ihre Immigrationsbestimmungen für Azorianer lockerten.
Die damals vorherrschende Mischung aus Angst, Schrecken und Faszination für die Größe der Natur sind auch ein Thema für die 50 Jahr-Gedenkfeiern, die die Stadt Horta derzeit zelebriert. Kein Aspekt, keine Erinnerung und keine Interpretation des großen Ereignisses soll vergessen werden: Lichter- und Feuerwerksveranstaltungen gehören ebenso zum Programm wie Kulturwettbewerbe, in denen Dichter, Fotografen und Maler aufgerufen sind, sich mit dem Capelinhos auseinander zu setzen (hier geht es zur offiziellen Website zum Vulkan Capelinhos auf Portugiesisch und Englisch).
Und auch die Wissenschaft beschäftigt sich schon seit Jahren wieder intensiv mit dem Capelinhos. So beobachten zum Beispiel Biogeografen der Universität Mannheim die nur sehr sporadisch voranschreitende Wiederansiedlung der Vegetation auf der Ilha Nova. Die Forscher nutzen dafür den benachbarten, schon im 17. Jahrhundert erloschenen Vulkan Cabeco de Fogo als Vergleichsobjekt: Hier, beim Cabeco de Fogo, siedelte sich auf dem nährstoffreichen Lavaboden wieder früh die einheimischen azorianischen Pflanzenarten an.
Beim Capelinhos ist von einer raschen Wiederkehr der Pflanzenwelt hingegen nur wenig zu spüren. Der Grund liegt darin, dass im Gegensatz zum Nachbarvulkan nicht Lava, sondern schwarze Vulkanasche den Untergrund bildet. Interessanterweise sind es nun eingewanderte Pflanzen wie das Spanische Rohr, die als Türöffner für die weitere Vegetation dienen könnten. Das äußerst anspruchslose Spanische Rohr zerfällt nach einiger Zeit und könnte so den Anfang für die für andere Pflanzen notwendige Humusschicht legen. Gerade solche später eingeführte Pflanzen sorgen in vielen Ökosystemen, auch auf den Azoren, eher für Probleme.
Dass der Capelinhos hier wieder eine Ausnahme bildet, ist vielleicht wieder ein Bild für seine Besonderheit unter den Vulkanen. Und der äußere Teil auf der Ilha Nova könnte nach Ansicht der Forscher möglicherweise für immer vegetationsfrei bleiben: Das ständig nagende Meer und der raue Wind sorgen hier für eine Verwitterung, die selbst die kleinsten Versuche von Pflanzenansiedlungen sofort zunichte machen.
Weitere Informationen zum Vulkan Capelinhos:
- Die “offizielle Website” der Stadt Horta zum 50 Jahre zurückliegenden Ausbruch – mit einem 27-minütigen, leider nur auf portugiesisch vorliegenden Film
- Eintrag von Capelinhos im weltweiten Vulkan-Register der Smithsonian Institution (englisch)
- Bericht des ARD-Magazins “W wie Wissen” über die Vegetation am Capelinhos aus dem Jahr 2003
- Viele weitere Fotos zum 50. Jahrestag auf FLICKR