Wachstum im Meer: Portugal erobert neues Land in den Tiefen des Ozeans
Russland hisste diese Woche seine Nationalflagge am Meeresgrund unter dem Nordpol: Das Rennen um die Rohstoffe am Meeresgrund hat begonnen. Auch Portugal will von den Reichtümern des Meeres profitieren – und darf als erstes Land der Welt sein Staatsterritorium um 2215 Hektar auf offener See ausweiten. Und das soll erst der Anfang sein.
Rainbow heißt das neueste Gebiet Portugals. Doch wer Rainbow besuchen möchte, hat es ganz schön schwer: Denn das Gebiet liegt rund 240 Meilen vor der Küste der Azoren – unter Wasser. Denn Rainbow ist das weltweit erste von der UNO anerkannte ozeanische Territorium, das ein Land außerhalb der ohnehin rechtlich geschützten Hoheitsgewässer bis zu 200 Seemeilen vor der eigenen Küste beanspruchen konnte.
Möglich macht diese wunderbare Landvermehrung eine besondere Regelung in der Konvention der Vereinten Nationen zum Meeresrecht aus dem Jahr 1994. Nach dieser Konvention können Staaten ihren Hoheitsbereich auf den Meeresgrund auch jenseits ihrer Küstengewässer ausdehnen – unter einer Bedingung: Die Staaten müssen nachweisen, dass die beanspruchte Fläche tatsächlich noch kontinentalen Untergrund besitzt (und nicht rein ozeanischen Boden umfasst).
Mit Rainbow ist es Portugal nun als erstem Staat der Welt gelungen, diesen Nachweis zu erbringen. Das Forschungsschiff MS Kommander Jack kreuzte dafür vor den Azoren, um Gesteinsproben zu nehmen und Bohrungen am Meeresgrund durchzuführen (die Route des Forschungsschiffes lässt sich in Google Earth tagesaktuell nachvollziehen). Ein Video des portugiesischen Senders SIC zeigt die Arbeit der Forscher auf dem Schiff:
Die Fläche von Rainbow ist gerade einmal halb so groß wie die Stadt Porto – eigentlich also kaum der Rede wert. Doch Rainbow ist wohl eher ein symbolischer Startschuss für ein groß angelegtes Programm zur Erweiterung der Fläche Portugals auf dem Meer. Gegründet vom Verteidigungsministerium, koordiniert das Projekt „Estrutura de Missão para a Extensão da Plataforma Continental” (EMEPC) die wissenschaftliche Erforschung des Meeresgrunds, um über diesen Weg neue Territorialansprüche stellen zu können.

Möglichkeiten zur Vergrößerung des portugiesischen Territoriums. Quelle: EMPEC
Die Chancen für Portugal stehen hier nicht schlecht. Optimistischen Prognosen zufolge könnte das Land bis zu 1,3 Millionen Quadratkilometer an ozeanischen Böden hinzugewinnen. Dies wäre dann ein etwa 15 mal größeres Gebiet als die Landfläche Portugals umfasst – und Portugal könnte flächenmäßig zum größten Land der Welt aufsteigen. Und selbst in den negativsten Prognosen wären immerhin noch 240.000 Quadratkilometer drin – das 2,6fache der Landesfläche.
Doch warum das alles? Es sind weniger nationalistische Motive, die den neuen Drang Portugals zum Meer auslösen. Vielmehr locken die unbekannten Reichtümer auf dem Meeresgrund. Dort, in vielen Kilometern Tiefe, lagern nach Ansicht von Geologen unermessliche Schätze an Rohstoffen, auf die Portugal durch die Annektierung dann direkten Zugriff hätte. Und nicht nur das: Fast noch interessanter sind die möglichen biologischen Stoffe, die hier auf ihre Entdeckung warten. Meeresforscher sprechen bereits von der blauen Biotechnologie. In den unzugänglichen Lebenswelten auf dem Meeresgrund – das Gebiet von Rainbow liegt etwa 2300 Meter unter der Wasseroberfläche – haben sich Ökosysteme unter widrigsten Bedingungen entwickelt: Hier, wo kein Sonnenlicht mehr durchdringt, an den hydrothermalen Mineralquellen, voller Giftstoffe, Schwefel, Eisen, Kohlendioxid – hier, an diesem so unwirtlichen Ort überleben Organismen nicht durch Photosynthese, sondern durch ein komplexes Zusammenspiel mit Bakterien und chemischen Prozessen, die sie so mit den notwendigen Nährstoffen versorgen.
Von diesen ganz besonderen Lebewesen erhoffen sich Forscher die Entdeckung möglicher Heilstoffe für Krankheiten und neue Werkstoffe für die Industrie. Und wie man an Russlands überraschenden Feldzug an den Nordpol sehen konnte, hat das Rennen um die Reichtümer der Meeresböden längst begonnen. Portugal will sich nun auch seinen Teil von den Reichtümern sichern.