Stöcke aus Gestaçô: Studenten bescheren einer alten Handwerkskunst ihren zweiten Frühling
Wer braucht heute noch Regenschirme mit kunstvoll gebogenen Holzgriffen? So schien es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis chinesische Billigware der alten Handwerkskunst des Stock-Biegens den Garaus macht. Doch plötzlich gibt es wieder Hoffnung: Vor allem Studenten sind ganz verrückt nach den traditionellen Stöcken aus der nordportugiesischen Ortschaft Gestaçô. Warum?
Manche Dinge erscheinen uns so selbstverständlich, dass wir überhaupt keinen Gedanken an ihre Entstehung verschwenden. Oder wer hätte gedacht, dass hinter den gebogenen Holzgriffen eines Regenschirms mühevolle und präzise Handwerkerarbeit steckt?
Holz so zu biegen, dass es dauerhaft in Form blieb, entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts fast zu einer kleinen Wissenschaft. 1902 war es der Portugiese Alexandre Pinto Ribeiro, der in seiner Manufaktur für Regenschirm-Griffe in der nordportugiesischen Ortschaft Gestaçô auf eine neue Technik setzte: Pinto Ribeiro weichte Holzstücke in kochendem Wasser auf und bog sie dann mit Hilfe eines Metallstabs zurecht. Diese Biegetechnik brachte ihm nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern auch eine bessere Qualität der Stöcke.
Dank Alexandre Pinto Ribeiros neuem Verfahren mauserte sich das kleine Gestaçô, heute Teil der Gemeinde Baião, zu einem Zentrum der Stockmacher. Ihre Produkte fanden in den umliegenden größeren Städten Porto und Braga guten Absatz: Hier entwickelten sich Regenschirme mit kunstvoll gebogenen Holzgriffen zu einem gefragten edlen Accessoire für Herren. Und mit der steigenden Nachfrage wurden auch die Holzmeister von Gestaçô immer kreativer: Liebevoll gestaltete Holzgriffe, beispielsweise mit nachgebildeten Tierköpfen oder eingelassenem Perlmutt, Gold und Silber zeugen von der Blütezeit dieses Handwerks (Foto: Câmara Municipal de Baião)
Doch in Zeiten der Billigware aus Fernost schien die Zeit der Holzkünstler von Gestaçô zu Ende zu gehen. Regenschirme hatten fortan Griffe aus Plastik. Niemand schien mehr teure, sorgfältig hergestellte Holzgriffe zu benötigen. In Baião und Gestaçô gibt es heute nur noch sechs Hersteller der Stöcke, zwei davon sind über 80 Jahre alt – ein stilles, langsames Ende dieser Kunst schien vorprogrammiert.
Doch plötzlich meldet Baião: Alles ausverkauft. Die Stöcke werden knapp, man kommt mit der Produktion nicht mehr hinterher. Ja, in einem gemeinsamen Projekt mit der örtlichen Arbeitsagentur sollen sogar neue Meister in der Kunst des Stockbiegens ausgebildet werden. Grund dafür ist aber nicht ein überraschender Boom bei Regenschirmen – sondern die immer beliebter werdende studentische Tradition der “Queima das Fitas” in Portugal.
Ursprünglich in der Universitätsstadt Coimbra entstanden, ist die Queima das Fitas eine alljährliche Feier, in der mit traditionellen Riten wie dem Verbrennen verschiedener, bestimmte Fakultäten repräsentierende Schals (Fitas) das studentische Leben gefeiert wird. Mittlerweile haben auch andere Universitäten wie Porto die Queima das Fitas übernommen – und benötigen neben den Schals, Zylindern und anderen traditionellen Kleidungsstücken auch stilechte Stöcke für die Feier – Stöcke aus Gestaçô. Nach Schätzungen der Gemeinde Baião sind es jedes Jahr 30.000 Studenten, die nun mit Stöcken aus Gestaçô ihre Queima das Fitas begehen.
Und so sorgt die neu aufgelebte Studenten-Tradition auch für eine Renaissance des alten Handwerks in Nord-Portugal. Die neu gewonnene Aufmerksamkeit will Baião auch touristisch nutzen und hat soeben ein eigenes kleines Museum für die “Bengalas de Gestaçô”, die Stöcke aus Gestaçô, eröffnet. Das Museum, in das die Gemeinde 85.000 Euro gesteckt hat, bietet sogar eine kleine Stockwerkstatt, in der man die alte Handwerkskunst ganz praktisch erleben kann.