Mehr Beton, weniger Grün: Wird die Algarve zubetoniert?
Zehn neue Fünf-Sterne-Hotels sollen in den nächsten drei Jahren an der Algarve entstehen. Die Regierung ist begeistert – schließlich winken Investitionen in Milliardenhöhe. Doch Umweltschützer schlagen Alarm: Schon heute ist – außerhalb der Naturschutzgebiete – nur noch ein Prozent des Küstenstreifens der Algarve unbebaut.
Endlich schien der Knoten geplatzt zu sein: Nach Jahren der Stagnation an der Algarve, der großen Tourismus-Region Portugals, soll nun wieder Wachstum einkehren. So kündigte Portugals Ministerpräsident José Socrates Ende Juli den Bau von zehn neuen Fünf-Sterne-Hotels an der Algarve bis zum Jahr 2010 an. Die zehn Großprojekte sollen 8400 neue Betten anbieten – und umfassen ein Investitionen von 1,3 Milliarden Euro.
Geld, das die Algarve dringend braucht. Denn Billig-Reiseziele wie die Türkei drängten die Algarve zunehmend ins Abseits. Urlauberzahlen stagnierten, und zwischen den Krisenjahren 2000 und 2004 gab es so gut wie keine neuen touristischen Projekte. Eine neue Leitlinie musste her – und die heißt Diversifikation. Weg vom reinen Massentourismus, hin zu gehobenen Segmenten. Irgendwo zwischen Ibiza und Florida möchte Wirtschaftsminister Manuel Pinho laut “Expresso” die Algarve positioniert sehen – und fördert deshalb fleißig den Bau von Fünf-Sterne-Hotels (hier eine Präsentation der Regierung zu den neuen Projekten).
Doch bedeuten mehr Sterne auch gleich mehr Umweltschutz? Ganz und gar nicht, sagen jetzt Umweltschützer wie Luís Brás von der lokalen Umweltorganisation Almargem. Denn die Hälfte der neuen Hotelprojekte stünden in geschützten Gebieten, erklärte Brás der Wochenzeitung “Sol”. Das Resultat sei klar: “Mehr Beton, weniger Grün”. Und die Zahlen, die Brás zu bieten hat, geben zu denken: Außerhalb der Naturschutzgebiete sei nur noch ein Prozent des Küstenstreifens unbebaut. Und auch in der zweiten Reihe, 500 bis 2000 Meter von der Küste entfernt, gäbe es nur noch zehn Prozent ungenutzte Flächen.
Ironischerweise werben bereits jetzt einige der neuen Luxusanlagen mit der „unberührten Natur”, in der sie sich befinden – so zum Beispiel das mit Abstand größte Projekt, die Herdade dos Salgados bei Albufeira.
Eigentlich sind sich alle Politiker einig, dass der anhaltende Flächenfraß durch den Tourismus ein Ende haben muss. Deshalb einigte man sich in diesem Frühjahr auch auf einen gemeinsamen Entwicklungsplan für die Region: Der PROTAL (Plano Regional de Ordenamento do Território do Algarve) gibt neben anderen umweltpolitischen Zielen ein Limit von 30.000 neuen Hotelbetten für die Algarve vor. Angeblich zählen allerdings die 8.400 neuen Fünf-Sterne-Betten hier nicht hinein: Einerseits, weil sie vor der Verabschiedung des PROTAL durchgesetzt wurde – Kritiker sprechen bereits von einer gezielten Verzögerungstaktik in der Veröffentlichung des Plans -, andererseits weil die Regierung die Nobelherbergen als Projekte im nationalen Interesse klassifiziert hat.
Doch nicht nur im Luxussegment wird ausgebaut: Laut Sol sind bis 2017 insgesamt 60.000 neue Hotelbetten für die Algarve geplant. Doppelt so viele Kapazitäten wie laut PROTAL erlaubt? Da wird noch so manch ein Kampf zwischen Geld und Umweltschutz ausgefochten werden. Doch man fragt sich, ob die Touristen auch dann noch kommen, wenn auch das letzte freie Prozent der Algarve-Küste zubetoniert wird?
Die Luxus-Hotelprojekte an der Algarve bis 2010 im Überblick:
| Projekt | Investitionssumme | Lage |
| Herdade dos Salgados | € 450.000.000 | Bei Albufeira, nahe dem Nationalpark Lagoas dos Salgados |
| Palmares Resort | € 300.000.000 | Luxus-Anlage bei Lagos, nahe der unter Naturschutz stehenden Ria de Alvor |
| Algarve Motor Park | € 200.000.000 | Anlage an der neuen Autorennbahn der Algarve bei Portimão |
| Verdelago | € 200.000.000 | Hotel- und Apartmentkomplex in Castro Marim, nahe der spanischen Grenze. Liegt in einem Naturschutzgebiet. |
| Hilton Conrad – Quinta do Lago | € 85.000.000 | Das erste Sechs-Sterne-Hotel Portugals, nahe von Vilamoura. Das Hotel liegt zwar nicht im Naturschutzgebiet, wurde aber von der portugiesischen Regierung gegen den örtlichen Bebauungsplan durchgesetzt. |
| Meia Praia Bay Resort | € 76.300.000 | Fünf-Sterne-Hotel am Strand von Lagos |
| Hilton Vilamoura | € 75.000.000 | Auf fünf Hektar Fläche, enorme Gärten und Pools: Das Hilton-Hotel von Vilamoura. |
| Tivoli Victoria | € 57.000.000 | Hotelkomplex in Vilamoura |
| Real Marina | € 20.000.000 | Hotel und Jachthafen, nahe der geschützten Ria Formosa |
| Vila Galé Lagos | € 20.000.000 | Hotelanlage bei Lagos, nach Angaben der Betreiberfirma integriert in den PROTAL-Entwicklungsplan |
Quellen: SOL, Expresso, Internet
Januar 7th, 2008 um 4:45 pm
Moin,
Prinzipiell bin ich ja nicht gegen eine Weiterentwicklung des Tourismus. Aber langsam müssen die auch da unten echt aufpassen. Neue High-End-Hotels mitten in die Naturschutzgebiete zu flanschen, ist schon selten dämlich.
Wenn die so weiter machen, wird das irgendwann genauso nach hinten los gehen wie uff Malle. Die haben auch sehr spät begriffen, dass 10 Prozent Premium-Touristen nicht den Verlust von 90% der Durchschnittsurlauber ausgleichen können.
Statt die Stärken der Algarve zu unterstützen und den Tourismus eher in der Breite zu entwickeln, konzentriert man sich auf eine einzelne finanzstarke Zielgruppe und wird so – wenn man Pech hat – die anderen vertreiben. Uns aber sicher nicht
ciao
Rainer
Januar 10th, 2008 um 10:04 am
[...] da nur an der Mittelmeerküste. Am Samstag ist dann überall mal Ruhe, es gibt sogar an der Algarve etwas Sonne, bevor am Sonntag die nächste Runde mit kräftigen Schauern von Westspanien [...]
Juli 29th, 2008 um 10:48 pm
[...] die sie einst einmal waren. Und auch heute noch dreht sich allüberall der Betonmischer: Derzeit befindet sich fast ein Dutzend neuer Hotelprojekte im Bau – ein Teil von ihnen sogar in ausgewiesenen Naturschutzgebieten. Die Baugenehmigung wurde trotzdem [...]
September 8th, 2008 um 5:32 pm
Als begeisterte Algarve-Urlauber befinden wir uns, wie jedes Jahr, in einem Ferienhaus in Gale.
Mit Erschrecken mussten wir feststellen, wie westlich von Gale riesige Apartement- und Hotelkomplexe entstehen. Beton pur.
Und östlich nach Albufeira sieht es nicht besser aus. Weitere Hotelanlagen, welche den bereits vorhandenen Häusern und Lokalen nicht nur die Sicht auf den Ozean versperren, sondern diese auch gegen Nachmittag in “den Schatten stellen”.
Dieser Konkurenzversuch mit Massentourismus schädigt die Algarve langfristig. Aus einem liebenswertung Urlaubsparadies mit vielen Häuschen und unterschiedichster Architektur wird ein Massentourismusziel nach Schema F. Geld hin oder her, aber die Qualität und somit auch die Besuche etwas besser betuchter Klientel wird zurückgehen und die Algarve einfach nur aussaugen.
Schaden.
Euer Yoshi