Encompassing the Globe: Washington entdeckt Portugals Seefahrer
Portugals Entdeckungen des 16. und 17. Jahrhunderts markieren den Grundstein für die Globalisierung. Doch schon damals sorgte der Kontakt zwischen Ost und West für so manch eine Irritation. Eine große Ausstellung im Washingtoner Smithsonian-Institut spürt den kulturellen Verwerfungen nach, die die portugiesischen Seefahrten mit sich brachten.
Die Geschichte der portugiesischen Entdeckungen im 16. und 17. Jahrhundert hatte nicht nur politische und wirtschaftliche Auswirkungen. Auch kulturell hatte der Kontakt mit den neuen Handelspartnern und Kolonien in Afrika, Asien und Amerika seine Spuren hinterlassen – sowohl bei den “Entdeckern” selbst wie auch bei den Menschen in Übersee.
Die große Ausstellung “Encompassing the Globe” in ter Arthur M. Sackler Gallery des Washingtoner Smithsonian-Instituts spürt nun diesen kulturellen Zusammenstößen nach: Mehr als 250 Ausstellungsstücke aus der ganzen Welt zeigen, wie sich Portugiesen und Europäer vom “Hauch der Exotik” betören ließen – und auch, wie Inder oder Japaner die neuen europäischen Mitbewohner wahrnahmen.
Und wie so oft bei solchen kulturellen Großprojekten hatte “Encompassing the Globe” eine lange Vorgeschichte. Schon 1992 kam Kurator Jay Levenson die Idee für eine umfassende Darstellung des portugiesischen Weltreichs und dessen Seefahrer. Damals arbeitete Levenson an einer Ausstellung zum fünfhundertsten Jahrestag der Landung Kolumbus in Amerika. Levenson versuchte, für diese Schau Exponate aus Portugal zu organisieren – und stieß auf ungeahnt viele Hindernisse. Viele der von ihm angeforderten Kunstwerke und Dokumente seien bis dahin noch nie für eine Sonderausstellung ausgeliehen worden, berichtete Levenson im Interview mit dem Smithsonian Magazine. Und obwohl Jay Levenson seitdem über gute Kontakte nach Portugal verfügte, dauerte es weitere fünfzehn Jahre bis zur Verwirklichung der großen Ausstellung über die portugiesischen Entdeckungen, die jetzt noch bis zum 16. September 2007 läuft.
Neben großen portugiesischen Museen wie dem Museu Nacional de Arte Antiga in Lissabon steuerten Leihgeber aus der ganzen Welt Kunstwerke, Karten und Bilder für die Washingtoner Ausstellung bei. Und das entspricht ganz der Intention von “Encompassing the Globe” – nicht nur die europäische Version der “Entdeckungs”-Geschichte zu erzählen, sondern auch die Perspektive der Völker in Afrika, Asien und Amerika einzunehmen.
Der Einfluss der portugiesischen Entdecker war im 16. und 17. Jahrhundert beträchtlich. So hatten die Portugiesen fast über den gesamten Globus ein gut organisiertes Handelsnetz aus Seefahrtsrouten gespannt – die New York Times nannte dieses Netzwerk in ihrer Besprechung zu “Encompassing the Globe” sogar einen “Vorläufer des Internets, nur langsamer“. Und da Portugal auch zur Zeit der Entdeckungen mit gerade einmal einer Million Einwohner ein kleines Land war, mussten die vorhandenen Ressourcen gezielt eingesetzt werden. Speziell in Asien setzte Portugal deshalb nicht auf eine groß angelegte Kolonialisierung, sondern auf ausgewählte Handelsstützpunkte, von denen manche wie Goa oder Macau noch bis weit ins 20. Jahrhundert unter portugiesischer Flagge verblieben. Nur im riesigen Brasilien mit seinem immensem natürlichen Reichtum trieb Portugal eine wirklich flächendeckende Ausbreitung seines Herrschaftsgebiets voran.
Die verschiedenen Handelspunkte in Afrika, Asien und Brasilien waren nicht nur Handelsplätze, sondern auch Zentren des kulturellen Austauschs. Wie eng Kunst und Kommerz zusammenlagen, zeigen die in Washington gezeigten Stücke an Kunsthandwerk, die die Portugiesen in den Übersee-Gebieten extra für reiche Europäer herstellen ließen. Damals war es speziell bei europäischen Herrschaftsfamilien beliebt, in “Kunstkammern” – kleine, private Museen – exotische Gegenstände zu sammeln. Und diese teuren Sammelstücke wurden ihnen von den portugiesischen Karavellen geliefert: Perlenarbeiten aus Indien, Kunsthandwerk aus afrikanischem Elfenbein und nicht zuletzt das damals sehr begehrte und rare Terrakotta aus Brasilien. (Bild: Ein Messerschutz aus dem Kongo – weltweit vertrieben durch portugiesische Händler. © The National Museum of Denmark, Ethnographic Collection, Copenhagen / Smithsonian Institution)
Bild unten:
Ein Europäer, gesehen von einem indischen Künstler aus dem 17. Jahrhundert. Victoria and Albert Museum / Smithsonian Institution
Doch der Reiz des wirkte auch auf die Menschen in Asien, die mit den Portugiesen in Kontakt kamen. Das Smithsonian zeigt beispielsweise Bilder aus Indien mit Motiven der fremden Europäer. Blickten die Inder noch mit einem relativ weltoffenen Interesse auf die Portugiesen, so war das Verhältnis mit Japan sehr viel schwieriger. Japan betrieb zwar Handel mit Portugal – vor allem die Schusswaffen “made in Europe” waren von besonderem Interesse. Misstrauisch bis abweisend standen die Japaner der ebenfalls betriebenen Missionsarbeit für den christlichen Glauben, initiiert vom Jesuitenpater Francis Xavier, gegenüber.
Die portugiesischen Entdeckungen legten die Grundlage für die heutige globalisierte Welt – daran lassen die Ausstellungsmacher in Washington kaum einen Zweifel. Inklusive all ihrer Schattenseiten: Brutale Eroberungen, weltweite Ungleichheiten, kulturelle Irritationen – die Phänomene unserer heutigen Welt standen schon damals auf der Tagesordnung.
Und auch wer nicht in Washington dabei sein kann: Der begleitende Internetauftritt zu “Encompassing The Globe” enthält viel Wissenswertes zu den portugiesischen Entdeckungen. Sehr praktisch ist vor allem eine Datei zum Download, mit der die Reisen der Seefahrer auf den Weltkarten von Google Earth nachvollzogen werden können.

Seefahrer-Routen in Google Earth