Ein Damm bedroht den Rio Sabor, Portugals letzten unberührten Fluss
Portugal könnte schon im nächsten Jahr seinen letzten, noch nahezu unberührten Fluss verlieren. Regierung und der nationale Energiekonzern EDP wollen am Unterlauf des Rio Sabor einen Staudamm errichten. Gegner des Projekts sagen: Für ein paar Megawatt Strom wird hier eine jahrtausendealte Kulturlandschaft geopfert. Schon zu den Eiszeiten spielte der Rio Sabor eine besondere Rolle für Mensch und Natur.
“Sabor” heißt auf portugiesisch Geschmack. Und der mit diesem schönen Namen geschmückte Fluss Sabor bietet tatsächlich viel Futter für die Sinne – mit zahllosen Mäandern, kleinen Wasserfällen und viel Grün an seinen Ufern. Entspringen tut der Rio Sabor noch in Spanien, in der 1600 Meter hohen Sierra da Parada. Von hier aus schlängelt er sich über 100 Kilometer – bald schon auf portugiesischem Gebiet – bis in das mehr als 1500 Meter niedriger gelegene Dourotal hinab. Tief eingeschnitten in enge Täler war der Rio Sabor nie besonders von menschlichen Einflüssen bedroht – und gilt deshalb heute noch als der letzte wirklich noch unberührte Fluss Portugals.
Schon seit tausenden von Jahren ist der Rio Sabor ein besonderes natürliches Refugium. Denn der stellenweise bis zu 300 Meter tief ins Tal eingeschnittene Fluss bot während der Eiszeiten ein geschütztes Klima, in dem Tier- und Pflanzenarten die Kälteperioden überleben konnten. Auch heute noch wimmelt es vor interessanten Bewohnern im Tal des Rio Sabor: Schildkröten, iberische Frösche, Wölfe, bis hin zu den eigentümlichen Reptilien wie der Ringelwühle (Blanus Cinereus) und der nur hier lebenden Schneider-Eidechse (Lacerta schneiderii).
Was Eiszeiten nicht geschafft hatten, könnte der Energiehunger des 21. Jahrhunderts bewirken: Die einzigartige Naturlandschaft des Rio Sabor ist in Gefahr. Denn Portugals Regierung und der Energiekonzern EDP planen am Unterlauf den Bau eines großen Staudamms.
Die Befürworter des Projektes “Baixo Sabor” - Regierung, Energiekonzern EDP und einige der Bürgermeister aus umliegenden Gemeinden – locken mit vielversprechenden Argumenten: Während des Damm-Baus würden rund 1000 Arbeitsplätze entstehen. Ohnehin sei der “saubere Strom” aus Wasserkraft für die Energieversorgung Portugals von strategischer Bedeutung. Und am neu enstehenden Stausee an der Barriere soll ein großer Naturpark entstehen (hier eine Website der Befürworter).
Vor allem die Idee, erst eine Naturlandschaft zu zerstören und dann einen neuen Naturpark zu gründen, kommt den Kritikern des Staudamm-Projekts aberwitzig vor. Die Gegner, zusammengeschlossen in der Plataforma Sabor Livre, können dabei auch auf die Unterstützung von mehr als 260 portugiesischen Wissenschaftlern bauen, die in einer Petition zahlreichen Fachartikeln die Gefahren des Staudammprojekts für das Ökosystem “Rio Sabor” aufgelistet haben (besonders ausführlich der Beitrag von Dr. José Teixeira von der Universität Porto – hier auf englisch, hier auf portugiesisch). Vor allem eine Pflanzenart dürfte es als erstes treffen: Den Buchsbaum. Ihn gibt es in Portugal fast nur noch am Unterlauf des Rio Sabor – just dort, wo der Staudamm entstehen soll. Das wäre wohl das Ende für Buxus sempervirens. Der Buchsbaum fiel schon den Bauten der verschiedenen Dämme entlang des Douro-Flusses zum Opfer.

Sabor Livre wirbt für einen “freien Sabor”
Und auch die anderen Argumente der Befürworter von “Baixo Sabor” werden von den Anti-Damm-Aktivisten zerpflückt:
- Von positiven Effekten für die von Abwanderung geplagte Region ist nicht auszugehen: Die verschiedenen Staudämme am Flussufer des Douro hinterließen eher entvölkerte Dörfer als blühende Gemeinden.
- Das Kraftwerk am Rio Sabor mit seiner Leistung von 170 Megawatt gerade einmal 0,6 Prozent des portugiesischen Energiebedarfs decken. Alternativen gäbe es genug: Wasserkraftwerke an anderen Standorten, die so gut wie noch gar nicht begonnene Nutzung der Sonnenenergie – und nicht zuletzt das Energiesparen.
- Auch die Hoffnungen für mehr Tourismus und Entwicklung durch den neuen Naturpark am Staudamm des Baixo Sabor sind trügerisch: Wäre es nicht sinnvoller, einen sanften Tourismus zu entwickeln, der die Unberührtheit und Wildheit des Sabor-Flusses ernst nimmt?
Lange Zeit sah es gut für die Gegner des Projekts aus: So nahm voriges Jahr die Europäische Kommission den geplanten Staudamm unter die Lupe und prüfte sogar Maßnahmen gegen Portugal wegen Verstoßes gegen die Umweltschutz-Richtlinien der Gemeinschaft.
Doch das Glück hat sich nun gewendet: Wie es aussieht, wird die EU-Kommission das Verfahren einstellen. Die von der Regierung in Lissabon angebotenen Ausgleichsmaßnahmen – etwa der Bau von Brücken für die in der Gegend lebenden Wölfe – seien ausreichend. Beobachter rechnen im Oktober mit der endgültigen Einstellung des Verfahrens. Damit könnten schon im nächsten Jahr die Bagger ins Flusstal des Sabor anrücken – und die Geschichte des noch letzten vollkommen unberührten Flusses in Portugal ganz einfach zubetonieren.
Aber ganz aufgegeben haben die Befürworter eines “freien Sabor” noch nicht: Sie werden wohl die Gerichte anrufen, um vielleicht doch noch die letzte Heimat des Buchsbaums retten zu können. Und auch im Internet laufen die Aktionen weiter: Unterzeichnen gegen den Bau des Damms kann man zum Beispiel hier…
Juni 14th, 2008 um 12:31 pm
[...] fragilen Ökosysteme erheblich durcheinander. Selbst der letzte unberührte Fluss Portugals, der Rio Sabor, soll nun mit einer Staustufe versehen werden – was das Aus für eine der letzten unberührten Naturlandschaften im Norden Portugals bedeuten [...]